Dies ist mein Beitrag zur diesjährigen Blogparade von Silke Geissen. „Einen Scheiß muss ich!“ Mit diesem Satz, einem der herrlichsten aller Sätze, lädt lädt sie zu ihrer Blogparade ein.
Da will ich doch sooofort mitmachen und anschreiben gegen das ständige Müssenmüssenmüssen. Gegen höher, schneller, weiter. Gegen immer gut aussehen, perfekt sein und alles perfekt machen müssen. Gegen uns für alles und jeden verantwortlich fühlen. Dagegen, den eigenen Erwartungen an uns selbst ständig entsprechen zu müssen – und (klar!) vorallem denen der Anderen. Gegen das ich muss noch dies und muss noch das. Und das am besten schnell! [Puuuuh. Mir wird grad schlecht …]
Ich weiß: Einen Scheiß MUSS ich! – Das war schon 2023 mein Jahresmotto und hat mich seitdem nicht verlassen. Die Wörter MUSS und MÜSSEN lösen sooofort einen Fragezeichen-Alarm in mir aus. In meinem (immer noch aktuellen) Motto-Artikel findest du außerdem, was nicht mehr müssen für mich bedeutet und wie ich das lebe.
Heute jedoch geht‘s darum, wie mein ex-müssen entstanden ist, was ich stattdessen tue und was der Erlaubnisschein von Laurie Penny und meine Oma damit zu tun haben.
Denn ich habe verstanden: Das Gegenteil von müssen ist nicht nichts tun.
Es heißt: dürfen.
Und wollen!
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Woher das Müssen kommt
Meine Mutter hatte Krieg erlebt und traumatische Erfahrungen gemacht. Zuhauseverlust, Flucht. Sie hat auf die Größe von Brotlaiben zusammengeschmolzene Menschenreste auf den Straßen von Kassel gesehen nach der verheerenden Bombennacht, in der die ganze Stadt niederbrannte. Daraus aufgerappelt, hatte sie später „nur Pech mit den Männern“ und hatte ihr ganzes Leben lang „nur gelitten“. Genug, um ein Leben lang dran zu tragen.
Ich weiß nicht, wie oft ich das gehört habe. Ich war klein. Klein und – wie das oft so ist, wenn man in eine Familie mit solchem Gepäck hineingeboren wird – zuständig. Zuständig für ihr Glück. Ich HATTE mich um sie zu kümmern. Ich DURFTE ihr keine Sorgen machen, MUSSTE so funktionieren, wie sie es brauchte, stets garniert mit: „Du weißt ja gar nicht, wie gut Du es hast!“, wenn ich mich mal (leise) beschwerte. Wenn ich weinte, hatte ich dafür „keinen Grund“.
„Ende der Durchsage!“ [← von Muddi]
Da stand ich nun. Mit der übergroßen Verantwortung, die Kinder spüren, die in Familien mit generationsübergreifender Traumaerfahrung aufwachsen: Ich merkte früh, dass da eine Rechnung offen ist, die ich nicht aufgemacht hatte – und bezahlte trotzdem. Mit Funktionieren. Mit einer verordneten Dankbarkeit, die sich anfühlte wie Schuld. Mit einem Muss, das ich nie unterschrieben hatte und trotzdem nicht mehr los wurde.
Der Satz meiner Oma
Nur einmal hat jemand dagegengehalten. Meine Oma. Ich saß an ihrem Zimmerspringbrunnen, klein, vertieft ins Spielen mit den bunt schillernden Plastikentchen, die in ihm durcheinander wirbelten, als sie sich zu mir herunterbeugte und ohne für mich ersichtlichen Grund sagte:
Birgit, merk Dir eins. Niemand, hörst Du, niemand kann Dich im Leben zu etwas zwingen! Kein Mann, kein Chef, niemand. Nur ich heute. Weil ich groß bin und Du kein. Aber später, wenn Du groß bist, dann darf das niemand mehr, dann musst Du gar nichts! Versprich mir, dass Du Dir das gut merkst!
Meine Oma
Ein paar Sätze wie aus dem Nichts. Wenige Sekunden. Groooße Augen!
Erst ein ganzes Leben später begreife ich, was sie mir damit geschenkt hat.
„Ein Erlaubnisschein“ von Laurie Penny
Jahrzehnte später, in einem Spielzeitenheft des Theaters Bonn, fällt mir ein Text von Laurie Penny in die Hände. Sie ist britische Journalistin und Autorin, die seit Jahren unbequem und klug über Feminismus, Politik und Popkultur schreibt, unter anderem für Guardian, Time und Vice.
„
Ein Erlaubnisschein
Heute habe ich diesen Erlaubnisschein geschrieben, für mich selbst und alle anderen, die ihn brauchen.
Heute musst Du nicht dankbar sein. Du hast die Erlaubnis, undankbar zu sein. Du hast die Erlaubnis, heute nicht Dein Bestes zu geben. Du hast die Erlaubnis, nicht darüber hinwegzukommen. Du hast die Erlaubnis, alleine zu Hause rumzuschreien, selbst wenn es die Nachbarn hören. Du hast die Erlaubnis, schlecht gelaunt zu sein. Du hast die Erlaubnis, ein bisschen seltsam zu sein. Du hast die Erlaubnis, ein bisschen verrückt zu werden. Du hast die Erlaubnis, jeden Schmerz zu spüren, den Dir jemals jemand an der Oberfläche deiner Haut zugefügt hat. Du hast die Erlaubnis, uns zu sagen, wo es wehtut. Du hast die Erlaubnis, wütend zu sein. Du hast die Erlaubnis, fröhlich zu sein. Zu viel zu sein. Erschrocken zu sein. Obszön zu sein. Du hast die Erlaubnis, eine Szene zu machen. Du hast die Erlaubnis, unproduktiv zu sein. Du hast die Erlaubnis, schreckliche Kunst zu machen. Du hast die Erlaubnis, uns zu blamieren. Du darfst so schwierig sein, wie Du willst. Du darfst Dein Workout heute ausfallen lassen. Ruhe Dich aus. Du hast die Erlaubnis, dich fallen zu lassen. Niemand erwartet heute von Dir, dass Du lächelst. Niemand verlangt von Dir, eine Inspiration zu sein. Atme. Du musst nicht im Stillen leiden. Leide so laut, wie Du willst. Du musst nicht zuerst sicherstellen, dass es allen anderen gut geht. Du musst nichts vergeben, was Du nicht vergessen kannst. Du darfst es nehmen, wie es kommt. Niemand erwartet, dass Du es mit Fassung trägst. Du musst diese Krise nicht in eine Chance verwandeln. Du musst heute nicht die Scheiße der anderen aufräumen. Du hast die Erlaubnis, nichts aus alldem zu lernen. Du darfst das Beste aus einer schlechten Situation machen. Du darfst über Dich hinauswachsen. Du musst es nicht als eine Gelegenheit betrachten, als Persönlichkeit zu wachsen. Du hast die Erlaubnis, Aufmerksamkeit zu suchen. Du hast die Erlaubnis, mehr zu verlangen. Du hast die Erlaubnis, nach Besserem zu fragen. Du hast die Erlaubnis, uns zu Tode zu erschrecken. Nimm es. Du hast die Erlaubnis, Namen zu nennen.
Sich selbst Erlaubnis geben? Puuh … Das kannte ich nicht.
Der Text von Laurie schmerzt und begleitet mich seit Jahren. Er hängt, riesig ausgedruckt, über meinem Schreibtisch. Ihn zu lesen tut jedesmal weh. Auf die gute, bestärkende Art. Er macht mich traurig und lässt mich gleichzeitig grinsen.
Nicht viele Texte schaffen das.
Sich selbst Erlaubnis geben
Ich hab‘ MUSS aus meinem Wortschatz gestrichen – und durch DARF ersetzt. Ich gebe mir meine Erlaubnisse selbst!
Zum Beispiel bin ich früher nie – wirklich NIE [frag meine alten Freundinnen] – ungeschminkt aus dem Haus gegangen. Nicht mal um die Ecke zum Bäcker. Ich MUSSTE mich schminken, weil ich mich ungeschminkt nackmullig und hässlich fand. Und mich verstecken MUSSTE vor der Welt. Heute gibt‘s für mich dieses MUSS nicht mehr. Heute frage ich mich: Hab‘ ich Lust darauf? Und dann tu ich’s. Gerne. Und wenn nicht, geh ich nackich … Mir doch wurscht!
Das war nicht einfach. Ich bin einen laaangen (Therapie-)Weg gegangen, um dort zu landen, wo ich jetzt bin.
Einen Scheiß muss ich
Erst wollte ich eine Liste schreiben, eine Liste voll mit Zeugs, das ich nicht mehr muss. Dreißig, fünfzig, hundert … Aber – knackilacki – ich mach’s kurz. Denn es reicht ein Satz, den mir auch meine Oma geschenkt hat:
Ich muss gar nichts!
Meine Oma
Nur zwei Dinge: aufs Klo und sterben.
Alles andere ist DÜRFEN, sich selbst Erlaubnis geben, und WOLLEN.
Da braucht es für mich keine Liste mehr. Denn: So einfach ist das!
Was auch gegen das müssen hilft
Wenn wenn wir unseren alten Gedanken nicht immer alles glauben. Also dem alten Scheiß und den alten inneren Stimmen, die uns ausbremsen und Müsse-Zeug einreden wollen …
Sich selbst Erlaubnis geben is it!
Drum gibt‘s das hier. Von mir. Für dich. Für umme (kostenmäßig, inhaltlich bei weitem nicht, ist klar!):
Welcher Glaubenssatz bremst dich am meisten – und woher kommt er?
Über 80 Glaubenssätze in 7 Lebensthemen – erkenne, welche dir immer wieder in die Quere kommen, und verändere deinen fiesesten! Mit drei einfachen Übungen.

„Glaub‘ DAS NICHT!“ – das Workbook, das dir zeigt, was du endlich über Bord schmeißen kannst. Hol es dir.
Meine Oma hatte recht.
Und vielleicht braucht es manchmal nur einen einzigen Satz, der sich zwischen all die alten „Du mussts!“ schiebt.
Für mich war es der Satz meiner Oma.
Und falls Du gerade keinen solchen Satz hast, leihe ich Dir gerne meinen:
Du darfst. 💛
Schreib mit!
Wenn Du auch in einer Familie groß geworden bist, in der das Müssen lauter war als alles andere: Schau Dir Silke Geissens Blogparade an – bis zum 2. August hast du noch Zeit, mitzumachen.
Schreib mir gern in die Kommentare: Was steht nicht mehr auf DEINER Liste? Was MUSST Du eigentlich gar nicht?
MACH MIT!
Meine Blogparade
– bis 2. August 2026 –
Was ich gern früher über mich und das Leben gewusst hätte.
Ich sammle so viele unterschiedlicher Lebens-Learnings wie möglich.
Meistens lernen wir durch eigene Erfahrungen, aber ein richtiger Satz zur richtigen Zeit hat schon so manches ins Rollen gebracht. Sie oben, Oma und Laurie Penny.
Was hast Du in Deinem Leben schon alles (vielleicht sogar schmerzlich) gelernt? Teile Deine Lebens-Learnings mit uns.
a) Ist es toll, sich darüber bewusst zu werden. Und …
b) wer weiß: vielleicht ersparst du jemandem damit sogar einen Umweg.
In meinem Aufruf zur Blogparade findest Du alle Informationen darüber, wir du mitmachen kannst.
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Du willst noch mehr lesen? Hier ist mein Buch:

Eingefroren in der Zeit.
Ein guter Einstieg ins Thema Ahnentrauma. Du brauchst keine Vorkenntnisse. Nur Lust auf Geschichten. Skurrile Geschichten.
Deep Shit, mit Humor und Leichtigkeit erzählt.
„Wütend, witzig, weise.“
(Sven Rohde, ehem. Vorstand Kriegsenkel e.V.)

Wer schreibt hier eigentlich?
Hi, ich bin Birgit Elke Ising. Ex-Bank-Managerin, Coachin, Autorin, Speakerin und (improvisierende) Schauspielerin. Ich bin Expertin für Transformationsunterstützung. Mit kreativen Coaching-, Theater- und Schreib-Techniken helfe ich dir aus der Schwere ins Handeln.
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