Meet my demons? – Kann ich diese schwere autobiografische Geschichte schreiben?

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Können wir über den großen Schmerz schreiben, wenn wir denken, wir würden es nicht (noch eimal) überleben? – Noch habe ich Zweifel.

Seit Tagen streune ich am großen Schwarzen Loch herum. Ich weiß, ich muss mich hineinwerfen, wenn aus dieser Geschichte je etwas werden soll. Denn der Zweck meiner Schreise, meiner Schreib-Reise nach NYC ist es, der Sache auf die Spur zu kommen. Den Spirit der alten Plätze einzusammeln, aufzufangen, um darüber schreiben zu können. Über das Unfassbare. Das Unvorstellbare. Die Verzweiflung.

Der Schmerz lässt mich nicht schreiben, noch nicht

Ich bin eine lauernde Katze, sitze zum Sprung bereit an der Kante, mein pelziger Schwanz schlägt konzentriert und fokussiert hin und her meine grünen Augen, zu Schlitzen verengt, fixieren ihr Ziel in der Düsternis und dann – lege ich mich wieder hin oder gieße die Blumen.

Wie beginnen? Einige Mittelfetzen habe ich schon. Den mit dem riesigen Metallpferd, das sie plötzlich in einem Schaufenster erblickt, Spiegel ihres Inneren. Angefangen habe ich auch schon mit dem Geruch der Stadt, ihren Geräuschen und damit, dass ich mich früher viel tapferer fand in New York City, das mir damals in den späten 1980er Jahren so viel Mut abverlangte .

Überall Dämonen – auch auf
dem Fensterbrett meines
Zimmers in NYC – uuuaaah!

Aber an das Wesentliche will ich mich noch nicht herantrauen. Erinnerungsfäden verknüpfen sich mit dem Heute und Fiktion will mir nicht wirklich gelingen. Mir als Impro-Schauspielerin, lachhaft! So schleiche herum, um den heißen Brei, vermeide in allem, was ich notiere, den Hot Shit. Was davon kann ich in welcher Art meiner Protagonistin aufbürden? Wie wird sie es empfinden? Wie wird sie handeln? Wie kann ich trennen zwischen mir und der Fiktion? Wie kann ich mich einlassen auf etwas, dass meinem Selbstwert in Trümmer legte?

Und: ist ein Roman überhaupt eine gute Idee? Sollte ich nicht beim für mein erstes Buch „Eingefroren in der Zeit“ erfundenen (ich fühle mich zumindest so, als hätte ich es erfunden) Genre, der Autofiktion, bleiben? Das war doch ein kluger Schachzug! Wenn keiner weiß, was wirklich war und was dazu erfunden wurde, umgedeutet oder weggelassen. Die Autorin Kirsten Döbler* schrieb mir zu meinem Buch:

„Was für eine Geschichte!! Sie ist mir richtig zu Herzen gegangen. Du hast Dein Buch ja selbst als Autofiktion klassifiziert, und da das eine Mischung aus Autobiografie und Fiktion impliziert, habe ich mich bei vielen Passagen dabei ertappt zu denken: Das hier ist jetzt aber hoffentlich fiktiv …“

Kirsten Döbler, Autorin

– ja, so soll es sein, liebe Kira und ich wünschte wirklich, es wäre alles gelogen!

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Die Angst vor der Bewertung

Wie nähere ich mich dem großen Schmerz meiner Protagonistin, der sie fast tötete, so dass sich er in seiner dramatischen Dimension glaubhaft transportiert? Wie mache ich das Unheil klar, das schon zu Beginn über über allem schwebte? Wie das zum Himmel schreiende, sich um-sich-selbst-drehende?

Am meisten Angst habe ich davor, dass meine Leser:innen sagen könnten: „Was? Nur das? Und deswegen macht sie so einen Aufstand?“ Diese inneren Stimmen! „Das war doch alles nicht so schlimm!“, kenne ich. Doch war es! Es war schlimm. Ein Trümmerbruch der Seele.

Ich trenne zu wenig zwischen mir und der Schriftstellerin

Ich trenne zu wenig zwischen mir und der Schriftstellerin. Die Rollen verschwimmen ineinander. Ich schwebe in der Gefahr, die Geschichte grösser, fetter zu machen als sie war, damit meine Leser:innen sie auch schlimm finden, so richtig schlimm, ganz arg schlimm. Ich muss mich dafür hüten, zu übertreiben. Möchte einfach nur erzählen wie es war.

Er hatte sich in ihr Herz gebrannt. Sein Lachen, seine Augen und auch seinen wahrhaft englischen Humor. Wie ein Vieh trug sie sein verdammtes Brandzeichen, die gut kaschierte Narbe des Mannes, an dessen Gesicht sich ihre beste Freundin später nicht einmal mehr würde erinnern können.

Ich
(Preview nächstes Buch)

Als ich ihr, der besten Freundin, vom Inhalt meines neuen Buches erzählte, fragte sie mich nach einem Foto, weil sie „gar kein Bild mehr von ihm im Kopf“ hätte.

  • Meine Protagonistin ist fassungslos.
  • Die Schriftstellerin nimmt es als super-interessanten Teil der Geschichte zur Kenntnis.
  • Und ich: „???“ Keine Ahnung.

Als er den Raum betrat, wurde sie zu Stein, und zu Wasser, und zu Brei. Alles auf einmal. Da war plötzlich kein Boden mehr. Sie fiel aus ihrem ohnehin zarten, so kräftezehrend und mühsam aufrecht erhaltenen Gleichgewicht. Ihre Freundin bemerkte nichts. Weder, dass er die Bar, noch dass er ihr Leben, das er später aus den Angeln heben würde, betreten hatte. Lisa hatte scheinbar kein Gespür für Mörder. Aus der Küche des angrenzenden Restaurants roch es nach Gegrilltem.

Ich
(Preview nächstes Buch)

So ist das Leben. Menschen wirken auf Menschen in unterschiedlichster Weise.
Und, yay! Es gibt zwei weitere Absätze zu meinem nächsten Buch. Läuft! (?)

Kirsten Döbler ist freiberufliche Autorin mit zahlreichen Veröffentlichungen, die ich 2019 auf einer gemeinsamen Reise ins verschneite nach Sankt Petersburg kennenlernte. Einer ihrer wunderbaren Romane „Die Vertraute der Zariza“ spielt im Russland des 17. Jahrhunderts:
Vor dem Hintergrund des Strelitzenaufstandes erzählt der Roman das Schicksal von Darja, der Tochter eines verarmten Adligen, und ihrer Kindheitsfreundin Natalja Naryschkina, der späteren Zariza und Mutter Peters des Großen. Sehr lesenswert.


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