Urlaub auf Helgoland? Was ich daran so liebe.

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Urlaub auf Helgoland. Was ich daran so liebe. Birgit Elke Ising.

Wenn ich von meinem Urlaub auf Helgoland erzähle – vier Wochen, jeden Sommer, auf einer kleinen Sandbank in der Nordsee – kommt fast immer dieselbe Reaktion: hochgezogene Augenbrauen. Mitgefühlige Blicke.

Keine Gutwettergarantie, keine Palmen, kein Zimmerservice. Und trotzdem fahr‘ ich seit 15 Jahren immer wieder hin – wegen vielem, das mir mein Leben leichter macht. Wegen der Robben, der Farben, der Luft. Und wegen einer Geschichte, die diese Insel bis heute sichtbar in sich trägt.

Wie alles begann

Vor mehr als 15 Jahren hab‘ ich meine Freundin Christine noch ausgelacht.

Christine leitete ein Reisebüro. Kannte jeden Flecken Erde, die schönsten 5-Sterne-Hotels und Ressorts, Trauminseln mit türkisfarbenem Wasser. Ich war mit ihr in Russland, Usbekistan, in Tschechien und Polen. Und was machte die Deern mit ihrem eigenen Sommer? Fuhr auf eine Sandbank in der Nordsee. Immer wieder. Jedes Jahr.

Tocktocktock! 🤔 Denke ich und sage: „Hä? Was willst du denn immer da? Kannst du nicht mal richtig Urlaub machen? Du als Frau Reisebüro hast doch alle Möglichkeiten dieser Welt!“

„Pübbieh“, sagt Christine, „jetzt hältst du mal die Klappe. Und bevor du hier weiter so pöbelig rumschnatterst – komm erstmal ein Wochenende mit. Dann reden wir weiter.“

Ich kam mit. Aus einem Wochenende wurden ein paar Tage mehr. Dann zwei Wochen. Drei. Und jetzt, 15 Jahre später? Vier Wochen! Jeden verdammten Sommer und am Stück.

Ich bin jetzt selbst in der Rolle, über die ich mich früher so lustig gemacht hab‘. Wenn mich heute jemand fragt, was um Himmels willen man bitteschön vier Wochen auf der Helgoländer Düne MACHT – dann grinse ich nur. Und denke: „Ihr könnt euch einfach nicht vorstellen, wie schraddelschön das hier ist.“

Danke, Christine!

Das erste Wochenende war saukalt. Es schiffte wie aus Eimern. Wir saßen in einem der – inzwischen abgerissenen – damals schon runtergerockten Bungalows im alten Dünendorf, der Regen pladderte gegen die undichte Scheibe, es war nichts zu tun, wir konnten nirgendwo hin. Und es war herrlich.

Die alten Bungalows, auf Touristeninfo-Sprech „Robinson-Bungalows“ genannt, hatten nur fließend Strom. Um Geschirr, Besteck und Töpfe mussten wir uns selbst kümmern, das Resopal-Furnier war an vielen Stellen abgeplatzt. Zum Duschen und Pipi machen ging’s in die Sanitäranlagen vom Campingplatz – in den Wetterlöchern ohne Regen.

Dann kam die Sonne. 18 Grad, blauester Himmel, fast menschenleerer Nordstrand. Und ich, die sonst erst bei 24 Grad aufhört zu frieren, im Bikini auf der Decke am Volleyballfeld. BEI ACHTZEHN (!) GRAD! Hätte mir das vorher jemand erzählt, ich hätte ihm den Vogel gezeigt.

Der Gatte brauchte etwas mehr Zeit als ich. Jahrelang kam er nur übers Wochenende aus Hamburg. Länger bleiben war nicht drin: „Was soll ich denn da?“ Dann, im Jahr drei, spielten wir im strööömenden Regen Minigolf, das Wasser sabbschte längst in unseren Schuhen, Frisuren im Eimer. Mein Schlübber trieft – und er sagt: „Ich könnte mir das hier wirklich für ein paar Wochen vorstellen.“

Alle so: „Hääh? Annnndiiiieh!“

Zwei Bekehrungen. Im Regen. Nicht trotz, sondern wegen.

Seitdem ist es, wenn wir anreisen, immer dasselbe Ritual: Wir etappisieren uns heran, Schritt für Schritt an einen Sandhaufen mitten im Meer: Autofahrt auf dem Festland nach Cuxhaven, erste Übernachtung. Am nächsten Morgen mit der Fähre MS Helgoland nach Helgoland, mit reserviertem Frühstückstisch an Bord.

Frühstück an Bord der MS Helgoland.
Frühstück an Bord der MS Helgoland.

Nach zweieinhalb Stunden auf See (mit grusigem Kaffee, das vergesse ich jedes Mal und bestelle ihn immer wieder … 🙈) kommt die Düne in Sicht.

Die Düne Helgoland kommt in Sicht.
Hach! Die Düne …

Wie legen im Südhafen an, gehen nicht von Bord, sondern fahren sooofooort und ohne Umwege von der MS Helgoland aus mit dem Börteboot rüber zur Düne.

Birgit und Andi im Börteboot auf Helgoland
Mit dem Gatten im Börteboot auf dem Weg zur Düne Helgoland.

Streckenabschnitt für Streckenabschnitt lösen sich mein Stress, meine Anspannung und mein Getriebensein. Stück für Stück stellt sich das Urlaubsgefühl ein. Bis wir ganz „verdünisiert“ sind.

Was liebe ich an Helgoland und an der Düne?

Was ich hier mache

Nichts.

Christine sagt gern: zollfrei trinken und schminken. Ich sage meistens: nichts. Und das meine ich auch so.

Ich hab‘ Zeit zum Sein, zum Schreiben und Lesen, zum In-den-Himmel-Schauen. Zeit mit Freunden, ohne Zeit im Kopf. Ich richte mein Leben nach dem Wetter statt nach einem Besichtigungsplan – mich interessiert nur, wo ich bin, was ich esse, mit wem und wann. Bei Sonne sind Nordstrand und Volleyballfeld, alternativlos.

Helgoland. Standkorb und wilder Himmel am Nordstrand
Standkorb und wilder Himmel am Nordstrand.

Bei viel doofem Wind ausnahmsweise auch mal Südstrand. Wenn keine Sonne scheint: Laufen. Spazieren. Einfach sein. Oder auch mal „rüber fahren“, auf die Hauptinsel – bevor die Tagesgäste kommen oder wenn sie schon wieder weg sind. Bei Regen: Karten spielen im Zelt oder rüber in die Sauna.

„Wegen Überfüllung geschlossen“ gibt’s hier nicht. Selbst wenn die ganze Insel ausgebucht ist, ist es nicht voll – weil es so wenige Unterkünfte gibt und die paar Feriengäste sich verteilen. Ich finde es hier immer leer.

Helgoland. Hohlweg am Südstrand.
Hochsaison. Vormittags um 11:00 auf der Düne.

Nur drüben, auf der Hauptinsel, fallen die Tagesgäste ein: Wer da was zu erledigen hat und sich nicht durch Menschentrauben schieben will, muss vor 12:30 Uhr wieder auf der Düne sein oder erst nach 15:30 Uhr rüberfahren. Dann ist dort herrlich tote Hose.

Nur wenige Tagesbesucher verirren sich auf die Düne.

Und ja – an denen schlendere ich auch mal grinseüberheblich vorbei. Den Schlüssel zu MEINEM HAUS in der Hand, denk‘ ich dann: „Tja Kinder, da guggter, was? ICH lebe hier. Vier Wochen im Jahr. Nicht nur (wie Ihr) ein paar mickrige Stunden.“ Und freu. mir‘n Ast.

Denn ich habe wieder einen abgekriegt, einen Bungalow auf der Düne. Anderthalb Jahre vorher amokgebucht. Verdient.

Ausblick aus dem Bungalowdorf auf der Düne auf Helgoland
Der Ausblick von unserem Bungalow auf Helgoland. 💛

Die Übermacht der Elemente

Wir kommen ja nicht wegen des Wetters her – das ist der running Gag in der Helgoland-Gäng, unter Menschen, die meist zur gleichen Zeit hier mit uns rumlungern, sich kennen, sich schätzen. Manche davon inzwischen unsere besten Freunde. Mit dem Spruch reden wir uns Sturm- und Regentage schön. Und in ganz schlimmen Sommern, fragen wir uns, warum wir nicht auch mal im Sommer kommen.
[… jaaa, der braucht …]

Denn hier regieren Naturgewalten. Wenn’s stürmt, fahren die Katamarane als Erstes nicht mehr, und wenn die Ersatzfähre voll ist, kommste nicht weg – oder nicht hin. Die Dünenfähre kann ihren Betrieb früher einstellen, als du denkst, dann gibt’s zu essen, was der Kühlschrank hergibt. Oder der von Freunden. Und manchmal sitzt du noch fröhlich im Restaurant auf der Hauptinsel und hast nicht mitgekriegt, dass um 17 Uhr das letzte Boot rüber fuhr … – dann heißt‘s Zimmer suchen.

Fahrplanänderung der Helgoländer Dünenfähre am 7.8.2023
Immer besser drauf achten, was da so rumhängt. Und weitersagen.

Sich dem hinzugeben, ist die Kunst. Im Guten wie im Schlechten: Bei Sturm ist klar, was Sache ist. Aber auch bei blauem Himmel – auf die Hauptinsel? Ein No-Go. Sonne heißt Strandtag, unweigerlich, denn wer weiß schon, wie lange es so bleibt. Bei Usselwetter: lesen, schreiben, mit Freunden lachen, saunieren, eine Runde um die Düne. Minigolf geht sowieso nur im Regen. Kein Plan, der halten muss. Kein Tag, der laufen muss wie gedacht.

Mir macht die Düne sowas wie Robinson Crusoe-Gefühle. Dieser kleine Sandhaufen, so weit draußen in der Nordsee, ringsherum nichts als Wasser, der Horizont ohne erkennbares Ende. Hier wird mir bewusst, wie klein wir eigentlich sind, wie groß das Meer, das Himmelszelt, das Universum. Verloren und geborgen gleichzeitig.

Für dieses einsame-Insel-Gefühl brauch‘ ich keine Südsee. Die kleine Düne vor Helgoland kann das auch.

Die Sinnbilder der Insel

Der Himmel ist hier weiter oben als anderswo. Selbst wenn er graut, fällt er einem nicht auf den Kopf. Nachts, ohne Wolken, schwebt ein unglaublicher Sternenhimmel über uns – wir liegen dann mit Fernglas im Liegestuhl und starren nach oben. Sooo viele Sterne! Wenn im August die Perseiden über Helgoland fallen, Hunderte Sternschnuppen, ist jede Wunschliste überfordert. Dann reicht’s, einfach dazusitzen und den Himmel machen zu lassen. Einmal haben wir dabei sogar Nordlichter erlebt. Unvergesslich.

Ferienhaus im Bungalowdorf auf der Düne Helgoland bei Nacht vor Polarlichtern.
Polarlichter über unserem Bungalow auf der Düne Helgoland

Das Wetter ist unberechenbar, vielfältig, schnell da und schnell wieder weg – und dabei trotzdem stur in seiner unbedingten Konsequenz. Der Wind fetzt an dir rum. Auf die Vorhersage ist selten Verlass. Es kann immer auch ganz anders kommen. Es macht bumm, egal in welche Richtung. Die Wolken fliegen hier schnell, und „da hinten wird’s schon wieder blau“ ist einer unserer liebsten Hoffnungssätze.
Bei Höllenregen sitzen wir im Bungalow oder bei Freunden im Zelt. Pipi machen ist im ersten Fall unproblematisch. Im zweiten hilft der Blick auf den Regenradar, um zu entscheiden, ob sich das Warten lohnt … Und wenn’s schön wird, knallt’s gleich richtig und megaschön.

Das Wasser ist sooo klar, sauber und – mir meistens zu kalt. Selten über 20 Grad. Wenn’s das doch mal macht, bin ich genötigt, reinzugehen – weil ich sonst immer rumtröte, dass ich unter 20 Grad keinen Fuß ins Meer setze. Hier schwimmt kaum Müll rum, hier darf ich mich der Illusion der Unverschmutzung hingeben. Und es gibt Meeresleuchten, das ich hier zum allerersten Mal gesehen hab‘. Mystisch schön ist das.

Die Luft streichelt die Haut. Sie ist weicher und milder als anderswo, macht mich so fertig und bettschlapp, dass ich oft um neun Uhr abends schon umliege. Wie gut sie ist, merke ich aber erst zuhause in Bonn, wenn ich tagelang finde, dass es sooo doll nach Abgasen stinkt. Das fehlt hier – weil es keine Autos gibt.

Der Duft der Düne. Ich liebe ihn! Es riecht nach Meer, warmem Sand und trockenen Gräsern. Ein bisschen herb, ein bisschen salzig und dazwischen rollen immer wieder Wellen vom süßen Duft der Kartoffelrosen heran.

Kartoffelrose auf Helgoland
Kartoffelrosen hüllen die ganze Düne in ein zartes Duftkleid!

Nach einem Sturm wird der angespülte Tang mit dem Bagger zu großen Bergen zusammengeschoben. Er riecht nach Meer, Salz und langsamer, maritimer, fischiger Verrottung. Und echt nach Düne!

Und dann die Farben. Bunte Hummerbuden, Häuser in Rot, Blau, Grün, Creme, Ocker, fast wie ein riesiger Malkasten. Das Hochsee-Insel-Licht macht scharfe Konturen und hier knallen die Farben mehr als anderswo – selbst im Sturmgrau ist das Rot roter, Grün grüner, das Weiß weißer.

Helgoländer Hummerbuden
Die Helgoländer Hummerbuden

Aber hier streicht nicht jeder sein Haus einfach in seiner Lieblingsfarbe, das gäbe Ärger. Nach dem Wiederaufbau entwickelte der Hamburger Künstler Johannes Ufer ein Farbkonzept mit 14 aufeinander abgestimmten Tönen, nach dem die denkmalgeschützten Häuser gestrichen werden müssen.

Die Helgoland-Farben. Musterkarten der Farbpalette von Johannes Ufer
Die Helgoland-Farben. Musterkarten der Farbpalette von Johannes Ufer.

Im Unterland leuchten kräftige Farben vorm roten Buntsandstein, im Oberland dominieren helle Natur- und Erdtöne.

Die Sonnenuntergänge! Der Mensch am Meer schaut Sonnenuntergang.

Birgit Ising von hinten mit Sonnenuntergang auf Helgoland
Sonnenuntergang am Anleger auf der Düne

Hier bei ganz viel Glück sogar mit Green Flash. Lange hab‘ ich das für Seemannsgarn gehalten – bis ich ihn vor ein paar Jahren selbst gesehen hab‘: Kurz bevor die Sonne vollständig hinter dem Horizont verschwindet, kann ihr oberster Rand bei idealen Bedingungen für ein, zwei Sekunden intensiv grün aufleuchten. Unseren ersten und bislang einzigen Green Flash haben wir hier gesehen. Ein magischer Kneif-mich-mal-bitte-Moment. Nur unsere besten Freunde sind noch Green-Flash-Ungläubige. „Hoax!” tröten sie jeden Abend.

Die Entschleunigung

Spätestens an Tag drei setzt eine wunderbare Verwahrlosung ein. Niemandem fehlt meine Schminke, die Haare stehen sowieso allen zu Berge, Duschen wird nicht überbewertet, und wenn du drei Tage hintereinander das gleiche Kleid anhast, interessiert das auch keinen. Nur Sonnencreme, LSF 50, is a must.

Und trotzdem: schwupps, schon Abend. Weil ich hier nicht ständig auf die Uhr schaue, weil niemand hektisch an mir vorbeihastet – außer er will die Dünenfähre bekommen –, und weil der nächste Termin meist einfach nur „später“ heißt. Ein Morgenkaffee darf hier bis in den Nachmittag dauern. Ein Spaziergang kann in einer spontanen Festklebung bei Freunden enden. Oft bleib‘ ich stehen, schau‘ aufs Meer, beobachte eine Robbe, verlier‘ mich in den Wolken. Und merke: das ist der Sinn.

Ich laufe hier, ohne drüber nachzudenken. Mindestens einmal zu Anna hin, wie alle den Spaziergang zur Langen Anna nennen. Sie ist der berühmte 47 Meter hohe, freistehende Felspfeiler aus rotem Buntsandstein am äußersten Nordwestende der Hauptinsel.

Die Langa Anna auf Helgoland
Frühmorgens ist „bei Anna“ noch nicht viel los.

Immer zu Fuß. Egal wohin. Zur Dünenfähre, zum Essen oder Sonnenuntergang schauen, zum Einkaufen sowieso. Anders geht’s auch gar nicht. Und plötzlich zeigt meine Uhr 10.000 Schritte an. Weil das Leben auf Helgoland einfach so ist.

Vieles ist hier reduziert. Die Auswahl ist überschaubar und das tut mir gut. Es gibt hier nicht viele Alternativen: eine Handvoll Läden, eine einzige Apotheke, wenige Restaurants, die den Namen wirklich verdienen. Plötzlich fällt weg, was mich im Alltag oft überfordert – vergleichen, überlegen, noch eine bessere Alternative suchen. 35 Sorten Erdbeermarmelade im Supermarkt? Hier gibt’s zwei. Schwer genug für mich.

Freiheit heißt für mich auf Helgoland: weniger entscheiden zu müssen. Weniger grübeln, weniger verpassen können. Bye-bye FOMO.

Entschleunigung heißt hier, das Leben wieder zu bemerken. 💛

Die Mitbewohner

Seehunde liegen hier oft einfach rum – mal eingerollt wie ein nasser Kartoffelsack, mal mit der Nase in der Sonne, als hätten sie den Begriff „Nichtstun“ erfunden. Wenn ich sie ansehe, werde ich automatisch langsamer. Ich könnte ihnen stundenlang zusehen. Denn sie können etwas, das uns Menschen oft schwerfällt: einfach nur da sein.

Seehunde auf der Helgoländer Düne
Seehunde auf der Helgoländer Düne

Kegelrobben wirken beim ersten Hinsehen genauso kuschelig.

Seehunde mit Kegelrobbe auf der Helgoländer Düne
Kegelrobben am Südstrand der Düne

Aber Achtung! Sie sind Deutschlands größte freilebende Raubtiere. Ein ausgewachsenes Männchen kann über 300 Kilo wiegen. So friedlich sie wirken, wenn sie am Nord- oder Südstrand der Düne rumliegen – sie sind Wildtiere.

Die Restes eines von einer Kegelrobbe gerissenen Seehunds werden mit einem Bagger geborgen.
Direkt vor unserer Bungalowtür werden die Restes eines von einer Kegelrobbe gerissenen Seehunds mit einem Bagger geborgen. Autschi!

Deshalb gilt es, den Mindestabstand von 30 Metern einzuhalten. Wir kennen jemanden mit einer beeindruckenden Krallennarbe am Oberschenkel, und alle hier sagen, dieser Unfall war überhaupt nicht witzig.

Basstölpel gibt’s nur am Lummenfelsen im Oberland, Deutschlands einzige Kolonie – und wer die Riesenvögel mit über 100 Stundenkilometern kopfüber ins Wasser stürzen sieht, vergisst das nicht mehr.

Basstölpel über der Langen Anna auf Helgoland
Ein Basstölpel vor der Langen Anna auf Helgoland

Am meisten berühren mich aber die Trottellummen. Helgolands Lummenfelsen ist der einzige Ort Deutschlands, an dem die Vögel mit dem Schmunzelnamen brüten. Dabei sind sie alles andere als trottelig: Die noch nicht flugfähigen Küken sind gerade einmal drei Wochen alt, wenn sie zum Lummensprung ansetzen und sich aus bis zu vierzig Metern Höhe von den Felsen ins Meer stürzen. Denn auf den schmalen roten Felsvorsprüngen gibt es kaum Platz und mit der Zeit immer weniger Nahrung. Unten im Wasser wartet Lummenpapi auf sein einziges Küken, begleitet es auf die offene See und versorgt es mit kleinen Fischen, bis es groß genug ist. Und Lummenmuddi? Die bleibt noch etwas am Felsen und kümmert sich erstmal um sich selbst, während Vati die Kinderzeit übernimmt. Erst Monate später treffen sich die Eltern zur nächsten Brutsaison wieder – oft sogar am selben Felsvorsprung.

Die Trottellummen im Museum Helgoland
Die ausgestopfte Trottellummen-Familie im Museum Helgoland.

Die Trottellummen machen es uns vor: Manchmal braucht‘s den großen Sprung, bevor man sich bereit fühlt. Und Kinder-Care-Arbeit können auch die Papis.

Der Geschmack der Insel

Knieper sind Helgolands berühmteste Delikatesse: die Scheren des Taschenkrebses, mit Baguette und Knoblauchmayo, dazu ein kleiner Holzhammer und eine Knieperzange zum Aufknacken. Aber Achtung: Knieper essen ist nichts für Menschen, die ihr Essen zackzack erledigen wollen. Erst wird geklopft, dann gepult, dann geflucht, weil das beste Stück noch irgendwo in der Schere steckt und du es, verdammt nochmal, nicht rausbekommst. Bequemer geht’s mit einem Knieperbrötchen von den zwei blauen Buden am Binnenhafen – für geschnappatmete 15,50 €. Aber Vorsicht vor den Möwen. Die wissen auch, was gut ist.

Knieper, die Scheren des Taschenkrebses
Knieper-Kostprobe im Aquarium Restaurant auf Helgoland

Ein frisches Krabbenbrötchen liiiebe ich. Und wusstest du, dass Nordseekrabben gar keine Krabben, sondern Garnelen sind? Ich auch nicht – bis eben.

Seezunge ist für mich mehr als irgendein Fisch, sie ist ein Ereignis – fest, zart, mild, ganz leicht süßlich. Sie kommt meist direkt vom Kutter in die Küche. Und wusstest du, dass sie mal aussah wie ein ganz normaler Fisch, mit je einem Auge auf jeder Seite? Während ihrer Entwicklung wandert eines ihrer Augen langsam auf die andere Kopfseite, gleichzeitig kippt sie auf die Seite und lebt fortan als Flachfisch auf dem Meeresboden. Ich finde, eine der außergewöhnlichsten Verwandlungen im Tierreich.

Beim berühmten Helgoländer Hummer freut mich der Gedanke, dass er da draußen wieder zwischen den roten Felsen lebt und jetzt Deutschlands einzige größere Population bildet. Er war schon fast ausgestorben und ich muss ihn nicht dringend auf dem Teller haben.

Präparierte Exemplare des Helgoländer Hummers im Museum Helgoland
Präparierte Exemplare des Helgoländer Hummers im Museum Helgoland.

Wir genießen unsere Seezunge und auch den Knieper immer im einzig guten Restaurant der Insel: in unserem geliebten Aquarium Restaurant Helgoland. Damit das stattfinden kann, kümmert sich unser liebster Freund Arne schon Monate vorher um Reservierungen.

Gebratene Seezunge im Restaurant Aquarium auf Helgoland
Gebratene Seezunge im Restaurant Aquarium auf Helgoland

Und wir kochen und braten hier viel selbst – Rinderfilet, frischen Dorsch, Scampis. Der Gatte ist spezialisiert auf Brot, Brötchen und vor allem: Käsekuchen! Und wenn Hans-Jürgen Makrelen aus der Nordsee zieht, dann gibt‘s die entweder als Filets oder von seiner lieben Frau Waltraud professionell gebeizt. Weswegen auch der Dill aus dem EDEKA so wichtig und immer wieder Thema ist. – Hey Makarele! Aiiiih! Und wenn Forelli Fischbuletten macht oder Lachs räuchert, freuen wir uns, wenn wir ein Fitzelchen davon abschnappen können.

Die Landmarken

Jahaaa, Helgoland hat Berge!

Helgoland gehört zum Kreis Pinneberg in Schleswig-Holstein. Auf der Insel, rund 70 Kilometer vor der Küste, befindet sich dessen höchster Berg. Er ist 61,3 Meter hoch, liegt auf dem Helgoländer Oberland und heißt tatsächlich auch Pinneberg. Oben gibt es – wie es sich für einen ordentlichen Berg gehört – auch ein Gipfelkreuz und sogar ein Gipfelbuch.

Helgoland. Birgit am Gipfelkreuz auf dem Pinneberg.
Am Gipfelkreuz auf dem Pinneberg. Im Hintergrund: die Düne.

Auf der Düne reicht ein zehn Meter hoher Hügel, um Jonnys Hill zu sein – benannt nach John „Jonny“ Krüß, dem langjährigen Dünenchef, der die Anhöhe während seiner Amtszeit aufschütten ließ, damit man von dort den schönsten Rundumblick über die Düne hat. Ich mag den Gedanken, dass jemand meinte: „Hier fehlt ein Hügel.“ Und ihn dann einfach gebaut hat. Ein Berg, den ich lieben kann, ohne bei seiner Besteigung außer Atem zu kommen – Gipfelsturm in 20 Sekunden.

Der Ausblick von Jonnys Hill auf der Düne Helgoland
Der Ausblick von Jonnys Hill auf der Düne Helgoland

Und dann steht da noch der kleine Dünenleuchtturm. Wie es sich für einen Leuchtturm gehört, ist er rot-weiß-gestreift, steht zwischen Strandhafer, seit 1936 an derselben Stelle, und hilft bis heute Schiffen bei der Orientierung.

Leuchtturm auf der Düne Helgoland.
Ich mag ihn sehr, den Leuchtturm auf der Düne Helgoland.

Anders als der große Leuchtturm auf der Hauptinsel, dessen Licht weit über die Deutsche Bucht reicht, ist der Dünenleuchtturm ein Leit- und Orientierungsfeuer für den Nahbereich. Sein Licht ist etwa 10 bis 11 Seemeilen weit sichtbar. Still, zuverlässig und ohne großes Aufsehen macht er einfach seinen Job. Und ich finde, er sieht dabei verdammt gut aus.

Helgoland ist nicht im klassischen Sinne schön. Nicht so, wie man sich eine typische Nordseeinsel vorstellt – kleine, reetgedeckte Häuschen, romantisch, wie auf Amrum. Nee, nee. Helgoland ist Fünfzigerjahre-Schick, die größte zusammenhängende Fünfzigerjahre-Siedlung Deutschlands, wie die insulare Tourismusbehörde stolz verkauft. Architekturhighlight? Muss man mögen. Passend dazu laufen hier Leute mit T-Shirts rum, auf denen steht: „Gott erschuf Sylt, um die Pappnasen von Helgoland fernzuhalten.“ Der Spruch passt, grundsätzlich.

Wer Nordseeromantik im Baedeker-Sinn sucht, ist hier falsch. Wer schraddelige Schönheit sucht – die echte, unaufgeräumte, wettergegerbte – ist hier genau richtig.

Die Dünenfähre Witte Kliff

Wer auf die Düne will – oder wieder runter –, kommt um sie nicht herum: um die Dünenfähre Witte Kliff. Alle halbe Stunde legt sie ab, bei ruhigem Wetter direkt von den Landungsbrücken im Unterland, bei Sturm vom Nord-Ost-Hafen aus. Sieben Minuten Überfahrt. Seit 1997 tuckert sie zuverlässig hin und her, betrieben von der Gemeinde Helgoland.

Die Helgoländer Dünenfähre Witte Kliff im Abendrot
Die Helgoländer Dünenfähre Witte Kliff im Abendrot

Diese paar Minuten auf dem Wasser sind für mich jedes Mal ein eigenes kleines Ritual. Wellen und Wind im Gesicht, die Düne wird kleiner, Helgolands roter Fels kommt näher. Ich freu‘ mich JEDES Mal drauf, egal wie oft ich schon mit ihr gefahren bin. Es ist immer wieder wie ein kleiner Urlaub mitten im Urlaub, mitten im Urlaub.

Täglich um 23:00 Uhr fährt die Letzte und danach sind alle, die auf der Düne wohnen, unter sich.

Aber bald fährt die Witte Kliff nicht mehr. Eine nagelneue, vollelektrische Fähre wird ihren Platz einnehmen, die Witte Kliff 2. Ich weiß noch nicht, wie ich das finden soll. Mit Wehmut sag ich: „Tschüssi, Du liebe Witte Kliff. Hat Spaß gemacht mit Dir! In Deinen 30 Dienstjahren bist du vermutlich rund 400.000-mal zwischen Helgoland und Düne hin- und hergedüst, 400.000 Kilometer, zehnmal um die Erde. Das soll Dir erstmal eine nachmachen. Schnüff, Ich werde Dich vermissen. Doll!!!“

Ganz in Rente darf sie aber noch nicht. Wenn ihre elektrische Nachfolgerin schwächelt, darf die alte Witte Kliff wieder ran. Und wie es im Moment aussieht, stehen die Chancen gut, dass sie erstmal weiter zwischen Düne und Insel hin- und herschippert – die neue hat eine Delle an der Scheuerleiste …

Die Helgoländer Dünenfähre Witte Kliff 2
Frisch getauft wartet sie auf ihren Einsatz, mäkelt aber noch technisch rum:
Die Witte Kliff 2.

„Witte Kliff“ ist übrigens Plattdeutsch für weiße Klippe – und die gab’s hier wirklich. Eine gut 50 Meter hohe Steilküste aus Muschelkalk und Kreide, die Helgoland und die Düne einst über einen natürlichen Wall zusammenhielt. Helgoland war mal EINE Insel, nicht zwei. Bis ein Sturm 1711 die Klippe zerschlug und ein weiterer, 1720/21, auch noch den letzten Wall wegriss. Seitdem liegen keine zwei Kilometer Wasser zwischen Düne und der Insel.

Wenn ich also rüberschippere, fahr‘ ich eigentlich über eine Insel, die es längst nicht mehr gibt. Über die Lücke, die ein Sturm gerissen hat. Vielleicht ist das ja auch schon die erste Geschichte dieser Insel, die mir in den Sinn kommt – noch bevor ich überhaupt richtig angekommen bin.

Die Geschichte, die man spürt

Helgoland ist mehr als Insel-Alltag und Fünfzigerjahre-Charme. Wer genau hinschaut, spürt überall die Geschichte, die diesen Felsen mitten in der Nordsee geprägt hat.

Der Mythos vom „Tausch“

Fast jeder hat schon mal gehört: „Kaiser Wilhelm hat Helgoland gegen Sansibar getauscht.“ Eine der hartnäckigsten Geschichtslegenden überhaupt – und sie stimmt so nicht.

Am 1. Juli 1890 schlossen das Deutsche Reich und Großbritannien den Helgoland-Sansibar-Vertrag. Darin ging es um koloniale Interessen in Afrika. Deutschland gab Sansibar nicht ab, denn Sansibar gehörte dem Deutschen Reich überhaupt nicht – es war ein eigenständiges Sultanat. Deutschland verzichtete lediglich darauf, dort weiter Ansprüche zu verfolgen, und erkannte die britische Schutzherrschaft an.

Im Gegenzug trat Großbritannien die bis dahin britische Insel Helgoland an das Deutsche Reich ab. Allerdings nicht voraussetzungslos. Die Briten ließen für die Helgoländer eine ganze Reihe von Schutzbestimmungen in den Vertrag schreiben: Möglichkeit der Wahl der britischen Staatsangehörigkeit, keine deutsche Wehrpflicht für die damalige Bevölkerung, Erhalt heimischer Gesetze und Gewohnheiten, Zollschutz und unantastbare bestehende Rechte.

Für Kaiser Wilhelm II. war Helgoland ein Herzensprojekt: Er war überzeugt, dass die kleine Insel für die Sicherheit des Deutschen Reiches von enormer Bedeutung sei. Kurz zuvor hatte der Bau des Kaiser-Wilhelm-Kanals (heute: Nord-Ostsee-Kanal) begonnen. Helgoland lag wie ein vorgeschobener Wachposten vor der Elbmündung und schützte den Zugang zu den wichtigsten deutschen Häfen und später auch zum Kanal. Am 9. August 1890 nahm er Helgoland persönlich für das Deutsche Reich in Besitz.

Ausgerechnet dieser Vertrag, der Helgoland zurück nach Deutschland brachte, war der Anfang vom Ende des beschaulichen Seebads, das hier seit 1826 stand.

Die letzte Seite des Helgoland-Sansibar-Vertrages
Die letzte Seite des Helgoland-Sansibar-Vertrages.
(links: deutsch, rechts: englisch)

Aus der Kur-Idylle wurde Stück für Stück eine militärische Seefestung – der erste Schritt in eine Geschichte, die die Insel Jahrzehnte später fast auslöschen sollte.

Was jetzt kommt, ist nichts, das ich toll finden oder lieben kann. Trotzdem gehört es hierher, weil ich die Geschichte dieser Insel zu sehr wertschätze, um sie auszulassen. Ich denke fast jeden Tag daran, was diese Schöne überlebt hat.

Die erste Vertreibung

Am 1. August 1914, einen Tag nach Ausrufung des Kriegszustands, erhielten die Helgoländer den Befehl, ihre Heimat innerhalb von zwölf Stunden zu verlassen. Rund 3.500 Einwohner wurden evakuiert, Urlauber waren schon am Vortag ausgewiesen worden. Statt der Insulaner lebten fortan rund 4.000 Marinesoldaten auf der Insel – sie war praktisch eine Kaserne, das Seebad geschlossen. Zerstört wurde Helgoland selbst nicht, aber vor der Küste tobten Seegefechte.

Nach mehr als vier Jahren, im Dezember 1918, durften die Helgoländer wieder zurück auf ihre Insel. Ihre Heimat war zwar nicht durch Bomben zerstört worden – unversehrt war sie trotzdem nicht geblieben. Viele Häuser boten ein verwahrlostes Bild: denn sie waren von deutschen Soldaten geplündert und beschädigt …

Erstaunlich schnell wurde die Insel wieder zum beliebten Seebad – für rund zwanzig Jahre. Bis die Nationalsozialisten sie erneut zur Festung ausbauten und der Zweite Weltkrieg alles noch ganz anders kommen ließ.

Festung, Verrat, Angriff

Unter den Nationalsozialisten sollte Helgoland mit dem „Projekt Hummerschere“ zu einem gigantischen, eisfreien Kriegshafen für die gesamte deutsche Flotte werden, ein gigantischer Marine- und U-Boot-Stützpunkt. Sie gruben kilometerlange Bunker in den Felsen, richteten Flakstellungen ein und veränderten sogar die Landschaft: Durch gewaltige Aufschüttungen entstanden das heutige Nordostland und große Teile der Düne in ihrer heutigen Form – planiert, durch Sandaufspülungen vergrößert, mit einem eigenen Flugplatz. Gruselig, und immer wieder bedenkenswert: Die Form der Düne, auf der ich jeden Sommer wohne, ist zu einem erheblichen Teil das Ergebnis nationalsozialistischer Kriegsvorbereitung. Tief unter dem Oberland entstand dazu ein weit verzweigtes System aus Schutzstollen – einen Teil davon kann man heute bei einer Bunkerführung betreten und bekommt eine Ahnung davon, wie sehr der Felsen für den Krieg durchbohrt und verändert wurde.

Kurz vor Kriegsende versuchte eine Gruppe Helgoländer Zivilisten und Soldaten, die völlige Zerstörung ihrer Insel zu verhindern: Offiziere festsetzen, weiße Flagge hissen, die Briten per Funk informieren, kampflos übergeben. Der Plan scheiterte am Verrat aus den eigenen Reihen. Am frühen Morgen des 18. April 1945, knapp drei Wochen vor Kriegsende, wurden rund 20 Männer verhaftet.* Am Mittag erschienen fast 1.000 britische Bomber am Himmel und warfen in mehreren Wellen fast 7.000 Bomben auf die winzige Insel. Der Angriff dauerte 104 Minuten. Eine Stunde und 44 Minuten reichten aus, um die kleine Insel in Schutt und Asche zu legen. Während über ihnen die Bomben fielen, harrten Tausende Menschen tief im Felsen aus – als sich die Bunkertüren wieder öffneten, war ihre Insel zerstört, sie selbst aber hatten überlebt.

Zurück blieb eine Insel, auf der niemand mehr leben konnte. Die rund 2.500 Helgoländerinnen und Helgoländer wurden zwei Tage später evakuiert, auf rund 150 Orte in Schleswig-Holstein verteilt. Sie verloren ihre Häuser, ihre Nachbarschaften und für Jahre jede Aussicht auf Rückkehr.

Wer die beiden Männer waren, die den Übergabeplan verrieten, ist bis heute nicht öffentlich bekannt. Gut? Schlecht? Ich hab‘ darauf keine Antwort. Aber ich frage mich, wie so eine kleine Inselgemeinschaft danach mit dem Verrat gelebt hat. Kannten die Helgoländer die Namen? Wussten es die Familien? Öffentlich ist es bis heute unausgesprochen. [Gänsehaut-Gruselschüttel.]

Nachtrag: Im Museum treffe ich eine alte Helgoländerin und stelle ihr genau diese Fragen. Sie reißt die Augen auf. „Was? Natürlich wissen wir alle, wer das war! Ausgespuckt haben wir vor denen.“ Sie erzählt weiter. Dinge, die ich hier nicht wiedergeben mag, ohne ihre Identität preiszugeben. – Halten wir uns also an die offizielle Angabe, man wolle sich lieber an die Widerstandskämpfer als an die Verräter erinnern … – So ist das Leben auf einer kleinen Insel.

* Fünf der Verhafteten – Erich Friedrichs, Georg Braun, Karl Fnouka, Kurt Pester und Martin Wachtel – wurden drei Tage später nach einem Schnellverfahren in Cuxhaven-Sahlenburg hingerichtet. Heute erinnern Stolpersteine auf Helgoland an sie.

Der Big Bang und die Heimkehr

Man könnte meinen, mit dem Kriegsende sei die Zerstörung Helgolands abgeschlossen gewesen. Stimmt nicht – die größte stand der Insel noch bevor.

Mit ihren kilometerlangen Stollen, Bunkern und dem U-Boot-Bunker war Helgoland eine der stärksten Seefestungen Europas geworden.

Am 11. Mai 1945 besetzten britische Truppen die menschenleere Insel und erklärten sie zum militärischen Sperrgebiet. Die Helgoländer durften nicht zurückkehren. Im August 1945 beschlossen die Alliierten auf der Potsdamer Konferenz die Entmilitarisierung Deutschlands – auch Helgolands Festung sollte ihren militärischen Wert für immer verlieren. Über Monate bombardierte die Royal Navy die menschenleere Insel als Übungsziel. 1946 untersuchten britische Ingenieure die gewaltigen Festungsanlagen. Eine vollständige Demontage der tief in den Felsen gebauten Bunker erschien kaum möglich. Schließlich fiel die Entscheidung, die militärischen Anlagen mit einer gewaltigen Sprengung dauerhaft unbrauchbar zu machen.

Am 18. April 1947 – auf den Tag genau zwei Jahre nach dem großen Bombenangriff (und fast zwei Jahre nach Kriegsende) – zündeten die Briten rund 6.700 Tonnen Sprengstoff in den unterirdischen Festungsanlagen. Diese Explosion ging als „Big Bang“ in die Geschichte ein: 38 Jahre lang – bis 1985 – galt sie als die größte von Menschen ausgelöste nichtnukleare Sprengung der Welt. Ob die Insel danach überhaupt noch existieren würde, war völlig offen. In diesem NDR-Radiobeitrag berichtet Reporter Hermann Rockmann live von einem Schlepper vor Helgoland – die Emotionslosigkeit des Berichts macht mich fertig. Die Explosion war noch im 70 Kilometer entfernten Cuxhaven zu spüren, eine kilometerhohe Rauch- und Staubwolke stieg auf, ein riesiger Krater entstand, das Oberland veränderte für immer seine Form.

Aber Helgoland blieb. Der Felsen hielt stand. Sogar die Lange Anna stand noch.

Und die Helgoländer durften trotzdem nicht zurückkehren – die Insel blieb Sperrgebiet und wurde weiter als Übungsziel bombardiert. Bis zwei Heidelberger Studenten das änderten: Kurz vor Weihnachten 1950, am 20. Dezember, fuhren René Leudesdorff und Georg von Hatzfeld bei eisigem Wetter und Windstärke 6 heimlich auf die gesperrte Insel – inspiriert von einer Vorlesung über Völkerrecht. Sie hissten die deutsche Flagge, die Helgolandflagge und die Flagge der Europäischen Bewegung und blieben zwei Nächte auf dem verlassenen Felsen. Leudesdorff erinnert sich in diesem Video an die Aktion. Zeitungsartikel aus dieser Zeit hängen heute noch in Weddigs Fischerstube im Unterland – sehr interessant, wenn du mal dort isst. Die friedliche Besetzung der Insel wurde schnell von Presse und Politik aufgegriffen und erhöhte den Druck auf Großbritannien. Im Februar 1951 stimmte die britische Regierung zu, am 1. März 1952 wurde Helgoland an die Bundesrepublik zurückgegeben.

Nach knapp sieben Jahren im Exil durften die Helgoländer:innen endlich zurück – auf ein Trümmerfeld voller Bombentrichter, Blindgänger und zerstörter Bunker. Und sie fingen von vorne an.

Bilder aus dieser Zeit gibt es hier.

Die sichtbaren Narben

Heute steht hier wieder ein Seebad im Stil der 1950er-Jahre: Häuser, Straßen, Schulen, Geschäfte, Häfen, Blumen, spielende Kinder, Menschen im Urlaub. Aber die Vergangenheit ist überall.

Helgoland trägt seine Spuren weithin sichtbar. Das zerklüftete Mittelland ist keine natürliche Ebene, sondern die Narbe des Big Bangs – dort, wo heute unter anderem das Inselkrankenhaus steht, fehlte nach der Sprengung ein gewaltiges Stück Fels. Einen Teil der Bunkeranlagen kann man besichtigen.

Und auf den Wiesen des Oberlands, zur Langen Anna hin, grasen Schafe in unzähligen alten Bombentrichtern.

Schafe auf dem Oberland von Helgoland
Suchbild mit Schafen. Auf dem Oberland von Helgoland.

Ich habe großes Mitgefühl für dieses geschundene Stückchen Erde. Mich berührt seine Widerstandskraft. Wie oft wurde Helgoland beschädigt, zerstört, vertrieben, beschossen, gesprengt? Wie oft ist es wieder aufgestanden?

Kein anderer Ort neben Kassel, meiner Geburtsstadt, strahlt für mich diese Ambivalenz aus. Auch dort sehe ich nicht nur das, was heute da ist – ich denke gleichzeitig an das, was einmal war, am 22. Oktober 1943 zerstört wurde und neu entstehen musste. Beide Orte tragen ihre Geschichte bis heute sichtbar in sich, wenn auch auf ganz unterschiedliche Weise. Das verbindet sie für mich auf eine sehr besondere Art. Beide sind Schönheit, zeigen ihre Wunden und ihren Schmerz, ihre Düsternis und Verletztheit.

Ich mag Orte – und Menschen –, die nicht so tun, als wäre nichts geschehen. Die Narben tragen.
Und trotzdem wunderschön sind.

Birgit Elke Ising

Der Leuchtturm, der mal ein Flakturm war

Der große Leuchtturm auf dem Oberland fällt sofort ins Auge – viereckig, mit rotbrauner Klinkerfassade, eines der Wahrzeichen der Insel. Die meisten Besucher halten ihn für einen ganz normalen Leuchtturm. Ist er aber nicht.

Bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs stand an dieser Stelle ein anderer Leuchtturm, gebaut 1902. Direkt daneben errichtete die Wehrmacht 1941 einen massiven Flakleitstand aus Stahlbeton, von dem aus die Flugabwehr der Insel koordiniert wurde. Beim Angriff vom 18. April 1945, den ich oben erzählt hab‘, wurde der alte Leuchtturm zerstört – der Flakleitstand nebenan aber nicht. Seine meterdicken Betonwände waren so massiv, dass er nicht nur die Bombardierung überstand, sondern zwei Jahre später sogar den Big Bang.

Als Helgoland 1952 wieder für seine Bewohner freigegeben wurde, setzte man auf den ehemaligen Flakturm erstmal nur ein provisorisches Leuchtfeuer – Hauptsache, überhaupt eins. Erst Mitte der 1960er wurde der Turm erhöht, mit rotbraunen Klinkern verkleidet und zu dem Leuchtturm umgebaut, den wir heute kennen.

Leuchtturm auf dem Oberland von Helgoland
Der Leuchtturm auf dem Helgoländer Oberland.

Dass viele Helgoländer bis heute einfach vom „Flakturm“ sprechen, ist also kein Versprecher – das Gebäude wurde einst für den Krieg errichtet und war nie als Leuchtturm gedacht.

Früher richtete sich der Blick von hier aus auf feindliche Flugzeuge. Heute weist derselbe Turm, ein ehemaliger Flakturm, Schiffen den Weg durch die Nordsee. Mich berührt dieser Wandel jedes Mal wieder, wenn ich sein Licht kreisen sehe.

Helgoland mit seinem Leuchtturm bei Nacht
Helgoland mit seinem Leuchtturm bei Nacht

Er passt genau zu dieser Insel: Hinter vielem hier steckt mehr Geschichte, als man auf den ersten Blick vermutet.

So viel Geschichte, so viel Gefühl – und trotzdem gibt es auf Helgoland auch Dinge, die mich echt nerven.

Was mich an Helgoland ankäst

Bei aller Liebe, gibt es auch das. Es muss viel mehr passieren, damit ich nicht wiederkomme. Aber Leude, das hier, das nervt:

Servicewüste Helgoland

Auf die Frage nach einem kalten (!) Sekt hab‘ ich vor Jahren mal die Antwort bekommen: „Geh doch nach Sylt!“ Schlagfertig, sehr witzig – und es beschreibt ziemlich gut, was ich meine.

Im Flugi auf der Düne – Restaurant und Kiosk am Flughafen, am FLUGHAFEN! – kannst du nicht mit dem Handy bezahlen. Ätzend, wenn du extra aus dem Bungalowdorf über die ganze Düne getingelt bist, nur für diese eine blöde Tube Senf, und der Laden drei Minuten später schließt. Im einzigen Elektro- und Haushaltswarengeschäft Würtz auf der Hauptinsel geht’s auch nicht – blöd, wenn du nur das Handy dabeihast, auf der Düne wohnst und gerade eben noch Puls hast von den 184 Stufen hoch ins Oberland, nur um mal (!) eben (!) schnell (!) einen (!) Pfannenwender (!) zu (!) kaufen (!). Ihn dann nicht bezahlten kannst und unverrichteter Dinge wieder abschiebst. Grrr.

Laden-Öffnungszeiten auf Düne und Hauptinsel werden von Jahr zu Jahr unberechenbarer und haben mit den Angaben in Google-Maps meist wenig zu tun.

Einen Bäcker gibt’s auf der ganzen Insel längst nicht mehr – google mal „Helgoland Bäcker“, da findest du alles zur Brötchen-Krise.

Da helfen nur Schulterzucken. Und zwei Worte: „Servicewüste Helgoland.“

Den EDEKA-Supermarkt gibt es noch. Da sind wir froh. Danke dafür. Trotzdem brauchst du für einen Einkauf gute Nerven. Wenn du Glück hast, ergatterst du einen der dreivier Einkaufswagen. Wenn nicht, schiebst du dich mit drei Einkaufskörben am Arm durch Gänge, in die genau zwei Leute nebeneinander passen. „Tschullligung, darf ich mal …“ – drängel-schieb. Und der Dill in der Gemüseabteilung hat dabei mehr Geduld als ich: Der blüht einfach in aller Ruhe vor sich hin, bis ihn irgendwann jemand entsorgt – oder kauft (für seine Makrelen). Man weiß ja nie. Der, der hier so langsam seinen grünen Schleimtod stirbt, hat es ja immerhin schon mal bis hierher geschafft. Schön, wenn das einer würdigt und ihn nicht gleich in die Tonne kloppt. Ist ja auch schon mal was. Man sollte positiv denken!

Bürokratie-Ballett

Regelmäßige Flugverbindungen nach Helgoland gibt es nicht mehr. Früher: 20 Minuten ab Cuxhaven, und wir standen auf der Düne. Heute: ein schlechter Witz und leider wahr. Kurzfassung: Der Ostfriesische Flugdienst kaufte nagelneue Flugzeuge für die Insel – und musste kurz vor Linienstart feststellen, dass die vorgeschriebene technische Vorflugkontrolle nur von einem zertifizierten Betrieb in den Niederlanden durchgeführt werden darf. Tägliche Leerflüge dorthin und zurück, bevor überhaupt ein Passagier einsteigen durfte, hätten den Betrieb unrentabel gemacht. Ergebnis: Die Flugzeuge werden nun wieder verkauft, die Linienflüge eingestellt.

Helgoland. Schild Luftfahrtgelände. Betreten verboten.
Selbst das Schild am Flughafen hat sich erstmal hingelegt.

Betroffen: Helgoländer:innen, Gäste, Offshore-Leute vom Windpark, Pendler, Ärzte, Menschen mit dringenden Arztterminen. Kurz: die ganze Region zahlt den Preis für etwas, das offenbar niemand rechtzeitig auf dem Schirm hatte. Määäh!

Und dann die Gemeindeinfuhrsteuer! Helgoland gehört steuerlich nicht zum Inland, ist von deutscher Umsatzsteuer und EU-Mehrwertsteuer befreit – und erhebt dafür seit über 90 Jahren eine eigene kleine Einfuhrsteuer auf Alkohol, Tabak und Kaffee. Über zehn Jahre lang hab‘ ich mir Lebensmittel und unsere Lieblingsgetränke von zu Hause aus einfach auf die Düne schicken lassen. Mega-easy. Bis letztes Jahr.

Jetzt läuft das so: Ist ein Paket schwer oder wird Alkohol darin vermutet, wird es zurückgehalten – bei Post und Zollamt auf der Hauptinsel, bis dir irgendwann ein Zettel zugeflattert kommt. Mit Glück in die Bungalowverwaltung.

Wir hamm da was für sie …

Findest du den ↑ Zettel, heißt es: rüber fahren, innerhalb der Zoll-Öffnungszeiten. Erfahrungsgemäß liegt die Zettel-Fundzeit außerhalb. Oder die Dünenfähre ist gerade weg …

Jetzt muss ich also, gar nicht helgolandgroovy, doch was planen. Menno! So eiern wir also am nächsten Tag mit der Dünenfähre rüber und schlappen, laaatschlaaatsch …, zum Zoll-Post-Kombi-Häuschen im Hafen. Dort heißt es erstmal, unser Paket auch finden. Vorausgesetzt, wir haben den Zettel mit. Und unseren Perso.

Derweil erklärst du nett und brav, was drin ist:

Ich: „Zwölf Flaschen Schaumwein.“
Zoll: „Ach?! Das wäre ja unter der Bagatellgrenze.“
Ich: „Prima, damma her mit dem Paket.“
Zoll: „Nee, nee. Sooo schnell geht das nicht! Müssen wir trotzdem reingucken. Und Ihren Personalausweis bitte.“
Ich: „Ja, hab‘ ich. Na dann … Haben Sie mal ein Messer oder eine Schere?“
Zoll: „Bitte.“
Ich: „Danke! Sehr nett.“ [ritschratsch]
Zoll: „Ach! Da sind ja nur 12 Flaschen drin.“
Ich: „Ja, sag ich doch.“
Zoll: [schulterzuck] „Na dann.“
Ich: [schulterzuck] „Na dann!“ – [hier meine Paketschnapgeste denken]
Zoll: Mooomeeent! Sie müssen hier erst noch unterschreiben, bitte.“
Ich: [krickelkrakel]Ok, und wieviel müssen wir jetzt bezahlen? Ach, kann ich ja selbst schnell ausrechnen: 26 Cent pro Flasche mal 12 macht ja …
Zoll: Nee, nee. Stopp! Nix! Sie müssen nix bezahlen. Liegt ja unter der Bagatellgrenze.“
Ich: … ? … [Stille]

Umpf. So zerre ich also mein klopperschweres Paket auf einer Sackkarre vom Zoll zur Dünenfähre, hieve es aufs Boot. Halte es auf der Überfahrt und hieve es vom Boot auf die Düne. Und weiter rollrollzerr zum Bungalow. Für nix.

Keine andere Gemeinde in Deutschland erhebt eine eigene gesetzlich geregelte Einfuhrsteuer, mit einem Prozess, der mindestens fünf Leute beschäftigt und Gäste verärgert – um am Ende doch nichts einzufordern. Danke dir von Herzen, Helgoland, fürs Nichterheben. Aber nicht für den Rest. Ich hab‘ jetzt Rücken.

Aber das Paket an und für sich, das feiern wir! Freu.

Eine Gruppe Menschen mit einem Karton voller Getränke auf der Helgoländer Düne.
Finally!

Das Letzte! Das Komma.

Es fehlt mir. Sehr. Ich verstehe es nicht! Der offizielle Claim der Insel (Plakate, Banner, Broschüren, überall) lautet:

Helgoland – Die Insel die atmet.

Ähem, Entschuldigung, hallo? Echt jetzt: Die Insel die atmet???

Das fehlende Komma im Werbeslogan Helgolands - die Insel die atmet
Nee, is klar! Also relativ …

Alllteeerrr! Dass das mal jemand vergessen hat, kann ich ja verstehen. ABER DASS ES SO BLEIBT, auf jedem nagelneuen Banner, jeder verdammten neuen Broschüre … kopfschüttel und brech! „Es ist überall und überall falsch“, zuckt mein innerer Grammatik-Nerd jedes Mal zusammen.

Jahaaa, ich kenne die Erklärung: Corporate Design, künstlerische Freiheit, ein Claim muss nicht allen Regeln folgen, bla bla bla. Aber muss er deshalb falsch sein? Ich spüre beim Lesen nur eins: meine Schnappatmung. Und:

Ich bedauere einen armen kleinen Relativsatz, der ÜBERALL verzweifelt auf sein Komma wartet.

Ich überlege, wo ich weiße Permanentmarker herkriege, um nachts durch die Straßen zu ziehen … Das Problem: Es ist hier so lange hell, und in der mich verschluckenden Düsternis fährt die Dünenfähre längst nicht mehr. Mist!

Helgoland – Die Insel, die atmet!
Nimm das, Marketingbude!

Helgoland- Aschenbecher mit korrektem Slogan, mit Komma.
Lustig. Hat mein Freund Arne gebastelt. ChatGPT kann zwar Komma, aber Helgoland nicht. (Finde die Fehler! 🤪)

Und jetzt? Na, ich fahr‘ nächsten Sommer jedenfalls wieder auf die Düne. Wieder vier Wochen am Stück. Wieder amokgebucht. Wieder verdient. Und du?

Und wenn du magst, nimm doch diese Frage mit in deine Woche: Wo in deinem Leben tust du noch so, als wäre nichts gewesen? Und was würde sich verändern, wenn du deine Narben einfach zeigen dürftest – statt sie zu verstecken?

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(Sven Rohde, ehem. Vorstand Kriegsenkel e.V.)

Birgit Ising mit Notebook
Wer schreibt hier eigentlich?

Hi, ich bin Birgit Elke Ising. Ex-Bank-Managerin, Coachin, Autorin, Speakerin und (improvisierende) Schauspielerin. Ich bin Expertin für Transformationsunterstützung. Mit kreativen Coaching-, Theater- und Schreib-Techniken helfe ich dir aus der Schwere ins Handeln.
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