Warum weiß ich nicht, wer ich bin? Identität ist keine Wahrheit, die du findest. Sie ist ein Widerspruch zum Aushalten!

Veröffentlicht am Kategorisiert als Kriegsenkel & Ahnentrauma
Birgit Elke Ising im Profil scharf im Vordergrund, ihr Spiegelbild unscharf im Hintergrund – Sinnbild für die Frage: Warum weiß ich nicht, wer ich bin?

„Warum weiß ich nicht, wer ich bin?“ fragen mich immer wieder Klientinnen in meiner Coaching Praxis. Dazu zum Einstieg eine kurze Geschichte von mir:

Ich war brav. Lieb. Leise.

Nicht, weil ich so war. Sondern weil meine Eltern mich so wollten. Ich war so, wie sie mich haben wollten. Nur so! Klar war ich in der Schule dann auch leise – und ausgerechnet DAS wurde plötzlich kritisiert. Zu Hause brav sein: gut. In der Schule leise sein: schlecht. Wer kann bei diesen Ansagen noch wissen, wer er ist?

Am glücklichsten war ich, wenn mich keiner brauchte. Wenn ich in meiner eigenen Welt war, in meinem kleinen Schneckenhaus saß und vor mich hinpuzzelte oder malte. Später: schrieb. Da drin, tief drin, wusste ich: Ich bin eigentlich anders. Nur – wie? Ich wusste es nicht, hatte keine Ahnung. Die Frage blieb offen. So offen, dass ich am Ende auch den Beruf ergriff, den meine Eltern für mich vorgesehen hatten. Sie wussten ja genau, wie ich zu sein hatte. Ich aber nicht.

Kurz gesagt:

Wenn du nicht weißt, wer du bist, fehlt dir keine Erkenntnis – vielleicht hat dir als Kind der Raum gefehlt, dich auszuprobieren, weil deine Aufmerksamkeit anderswo gebunden war.

Die Lösung ist nicht, endlich EINE feste, widerspruchsfreie Antwort auf „Wer bin ich?“ zu finden.

Die Lösung ist, dir diesen Raum jetzt zu holen – und dir dabei zu erlauben, widersprüchlich zu sein. Der schnellste Einstieg dahin ist nicht die Frage „Wer bin ich?“, sondern: Wann warst du zuletzt richtig glücklich, und was genau hast du da getan?

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Der bunte Vogel in der Bank

So landete ich in einer Bank. Und war dort das, was man einen bunten Vogel nennt – jemand, der nie wirklich dazugehörte. Ich konnte besser mit Buchstaben, Sätzen und Wörtern umgehen als mit Zahlen. In einer Bank. Passte prima!

Trotzdem machte ich Karriere, denn ich hatte ja von klein auf gelernt, mich zu verstellen. Ich wurde Projektleiterin für Großprojekte, für Millionenprojekte. Und galt als schwer zu führen. Ich gab Widerworte. Forderte Belohnungen aktiv ein. Ließ mich von als Chefs getarnten, egomanischen Narzo-Terriern nicht einschüchtern und machte mein Ding.

Erst später, als ich öffentlich zu schreiben begann, erst mein Buch veröffentlichte und später meinen Blog, fand ich darüber meine eigene Stimme. Mit ihr wuchs auch das Gefühl für meine eigene Identität. Nicht davor. Damit und danach.

Kennst du das? Dieses Gefühl, du müsstest erst wissen, wer du bist, bevor du anfangen darfst, laut zu werden – dabei ist es oft genau umgekehrt.

Fragen, die ich mir schon in meinem Symptom-Artikel gestellt habe

Wenn du meinen Artikel über die zehn Kriegsenkel-Trauma-Symptome gelesen hast, ist dir Symptom Nummer eins vielleicht noch im Kopf: Du haderst mit deiner Identität. Hier nochmal, mit anderen Worten, weil sich das Gefühl eben immer wieder neu anfühlt:

Fühlst du dich manchmal leer – ohne dass du sagen könntest, was erfüllt bedeuten könnte? Weißt du nicht, wohin du eigentlich willst, nur dass „das hier gerade“ sich nicht richtig anfühlt? Fragst du dich mitten im ganz normalen Alltag: Wer bin ich eigentlich – und was will diese Person? Wer ist dieses ICH überhaupt?

Und dann diese Unruhe vor allem, was noch kommt. Dieses mulmige Grundgefühl, ohne dass du genau sagen könntest, wovor. Bist du dabei vielleicht sogar in ziemlich geordneten, gutgestellten Verhältnissen groß geworden – hast rein äußerlich betrachtet alles, was man so braucht? Und trotzdem sitzt diese Unzufriedenheit einfach da, lässt sich mit keinem Argument der Welt wegdiskutieren.

Spürst du diffuse, dunkle Gefühle, ohne zu wissen, woher die eigentlich kommen – und schiebst du das dann auf dich selbst, nach dem Motto: Mit mir ist wohl irgendwas nicht ganz richtig? Sagst du dir Sätze wie „Ich kann doch nicht klagen, mir fehlt’s ja an nichts“ – und machst tapfer weiter, Augen zu und durch, während es innen längst ganz anders aussieht?

Diese Fragen sind nicht zufällig entstanden. Ich hab‘ sie geschrieben, weil ich sie alle mit „Ja“ beantworten konnte. Und weil ich – bei allem, was ich inzwischen über mich weiß – bis heute keine einzige, feste, für immer gültige Antwort auf „Wer bin ich?“ gefunden habe. Nur eine andere Beziehung zu der Frage.

Warum Identität eine Aufgabe ist – und nichts, das man einfach so hat

Der Entwicklungspsychologe Erik Erikson, der den Begriff „Identitätskrise“ geprägt hat, sagt, Identität sei eine ganz normale Entwicklungsaufgabe: In der Jugend und im jungen Erwachsenenalter sollen wir aus den vielen Rollen, Erwartungen und inneren Antrieben ein stimmiges Ganzes bauen. Ein „Ich“, das sich über Situationen hinweg treu bleibt. Das gelingt nicht immer.

Sein Schüler James Marcia hat das weiter ausdifferenziert. Er beschreibt vier mögliche Zustände, je nachdem, wie sehr jemand die eigenen Möglichkeiten schon erforscht und wie sehr er oder sie sich schon auf etwas festgelegt hat:

Erarbeitete Identität

  • erforscht und entschieden
  • die Person weiß, wofür sie steht, und hat sich das selbst erarbeitet.

Übernommene Identität

  • festgelegt, ohne je wirklich zu erforschen
  • Einfach übernommen, was Eltern oder Umfeld vorgaben
  • Klingelt’s? Bei mir schon – das war der Bank-Beruf.

Moratorium

  • mittendrin im Suchen, noch nicht entschieden.
  • die Phase, die man eigentlich mit zwanzig haben sollte

Diffuse Identität

  • weder erforscht noch entschieden
  • das Gefühl von Nebel
  • von: Ich weiß nicht, wo ich stehe, und ich weiß nicht mal, wo ich anfangen soll, das herauszufinden.

Marcias Modell war ursprünglich für Jugendliche gedacht, für die Pubertät. Nur – was, wenn es für diese Erforschung in deiner Jugend keinen Raum gab? Was, wenn du z.B. mit sechzehn keine Zeit und Möglichkeit hattest, dich auszuprobieren, weil du zu Hause ganz andere Dinge im Blick behalten musstest – zum Beispiel, brav und leise genug zu sein und zu große Verantwortung zu tragen?

Warum der Identitätsfinde-Raum bei manchen von uns gar nicht erst aufging

Die Erforschung unserer Identität braucht Raum. Einen Raum, der sich in der Jugend öffnen sollte und in dem wir ausprobieren dürfen: verschiedene Klamotten, Meinungen, Freundeskreise, unterschiedliche Arten von Grenzen, verschiedene Interessen, Frisuren, whatever. Verschiedene Versionen von dir selbst. Ein Raum, der sich dann, wenn’s gut läuft, langsam wieder schließen kann – mit einem „Ich“ darin, das du dir selbst zusammengebastelt hast.

Bei manchen von uns war der Raum aber schon besetzt. Allerdings nicht von uns selbst.

Wenn du in einer Familie groß geworden bist, in der emotional wenig Platz war – weil deine Eltern mit unverarbeitetem Schmerz beschäftigt waren, den sie verdrängt hatten und nie benennen konnten –, dann ging deine Aufmerksamkeit in den Jahren, die eigentlich fürs Ich-Erforschen gedacht waren, in etwas anderes: ins Funktionieren und dich anpassen, ins Antennen aufstellen für die Stimmung im Haus. Ins Funktionieren. Ins Brav-und-leise-Sein. Ins so sein, wie sie dich haben wollten. Wie sie dich brauchen konnten, wie du möglichst nützlich warst oder wenigstens nicht störtest.

Die Journalistin Sabine Bode hat das für die sogenannten Kriegsenkel – die Kinder der Kriegskinder, geboren etwa zwischen 1960 und 1975 – ausführlich beschrieben. Diffuse Identität gehört zu den Merkmalen, die in dieser Generation immer wieder auftauchen: das Gefühl, nicht zu wissen, wer man ist, wo man hinwill, kein eigenes Leben zu leben – kombiniert mit nebelgleichen Ängsten vor der Zukunft, vor dem eigenen Versagen.

Das Muster dahinter, vereinfacht erklärt: Die Großeltern und Eltern haben Krieg, Flucht oder Bombennächte erlebt und nie richtig darüber gesprochen. Die nachfolgenden Generationen sind mit dieser unausgesprochenen Schwere aufgewachsen und haben sie – meist völlig unbewusst – übernommen und vielleicht sogar an ihre Kinder weitergegeben. Nicht durch Erzählungen. Durch Schweigen. Durch Anspannung im Raum. Durch Sätze wie „Stell dich nicht so an“, „Uns ging’s doch viel schlechter“ oder „Du weißt gar nicht, wie gut du es hast“.

Was du geerbt hast, ist kein Ereignis. Es ist eine Haltung. Eine, die keinen Platz für dein Innenleben vorgesehen hatte, weil das unausgesprochene Innenleben deiner Eltern schon den ganzen Raum in dir ausfüllte.

Das lässt sich inzwischen sogar biologisch zeigen, nicht nur in Geschichten. Die Traumaforscherin Rachel Yehuda hat mit ihrem Team Nachkommen von Holocaust-Überlebenden untersucht und fand Veränderungen an einem stressregulierenden Gen (FKBP5), die sich bei den Kindern ähnlich zeigten wie bei den Überlebenden selbst – obwohl die Kinder den Krieg nie erlebt hatten. Deine Nebelgefühle können heißen: Was in deiner Familie nicht verarbeitet wurde, wirkt weiter. Handfest, messbar und nicht eingebildet.

Und wenn deine Familie keinen Krieg erlebt hat?

Dieses Muster ist nicht exklusiv für Kriegsenkel:innen reserviert.

Auch wenn deine Familie nichts mit Krieg zu tun hatte – das Grundprinzip bleibt gleich. Immer dann, wenn ein Kind früh lernt, sich auf die Stimmung, die Bedürfnisse oder die Krisen der Erwachsenen um sich herum zu konzentrieren, statt auf die eigenen, bleibt für die Entwicklung eines eigenen „Ich“ weniger Raum. Ob die Erwachsenen mit Krieg, Sucht, Krankheit, Trauer oder einfach einer sehr rigiden, kalten Erziehung beschäftigt waren, macht für das Kind im Grunde erstmal keinen Unterschied. Wichtig waren für dich als Kind: die Anderen. Nicht du.

Wenn du z.B. die überverantwortliche Tochter warst – diejenige, die die Stimmung im Haus im Blick hatte, bevor sie überhaupt selbst wusste, wie es ihr ging –, dann trägst du das Nebelgefühl womöglich immer noch mit dir rum, ganz unabhängig von Jahreszahlen und Weltkriegen.

Wo mir beim Thema „Identität“ die Laune kippt

Ich werde oberskeptisch, wenn Menschen sich selbst nur in strahlenden Farben darstellen. Nur im Positiven. „Ich bin großzügig.“ „Ich bin freundlich.“ „Ich bin eine liebevolle Person.“ Oder bei Leuten, die nur übersich selbst schimpfen „Ich bin sooo fau!“. Ich schnappatme, wenn die Reflexion darüber fehlt, dass sie genausogut ihr eigenes Gegenteil sein können.

Sag ich „ich bin großzügig“, fallen mir sofort hundert Situationen ein, in denen ich rattengeizig war. Sag ich „ich bin freundlich“, fallen mir tausend Situationen ein, in denen ich oberzickig war. Wenn Leute ein festes, widerspruchsfreies Bild von ihrer eigenen Identität haben und das auch noch als DIE Wahrheit über sich verkaufen – dann könnte ich mich streiten bis aufs Messer.

Denn genau dieses feste Bild – „Ich bin so“ – ist die Falle, in die ich selbst jahrelang getappt bin. Ich hab‘ gedacht, das Ziel wäre, endlich EINE (!) klare, widerspruchsfreie Antwort auf „Wer bin ich?“ zu finden. Ein Schild, das ich mir für immer um den Hals hängen kann.

Aber vielleicht ist das gar nicht das Ziel. Vielleicht ist das Ziel nicht, eine fixe Identität zu FINDEN – sondern endlich den Raum zu bekommen, den ich als Jugendliche nie hatte: den Raum, mich auszuprobieren, mir zu widersprechen, mal so und mal anders zu sein, ohne dass das gleich eine Krise ist.

Nicht: „Ich bin diese eine Sache.“ Sondern: „Ich darf großzügig UND rattengeizig sein, liebevoll UND zickig – und muss mich für keine dieser Seiten entscheiden, um zu wissen, dass ich existiere.“

Identität ist keine Wahrheit, die du findest. Sie ist ein Widerspruch, den du aushältst.

Die Frage, die mehr bringt als „Wer bin ich?“

„Wer bin ich?“ ist eine Frage, an der wir uns wund grübeln können, ohne je irgendwo anzukommen. Ich würde dir stattdessen eine andere Frage vorschlagen, eine, die ich mir selbst und auch Klientinnen stelle:

In welchem Moment warst du in deinem Leben besonders glücklich?

Was genau hast du da getan? Was für eine Situation war das? Welche Menschen waren dabei? Was hast du damals mehr gemacht als heute? Was von damals fehlt dir?

Der Trick ist: Nicht bei der Frage „Wer bin ich?“ hängenbleiben, sondern bei einer konkreten Tätigkeit landen. Bei dem, was du damals gemacht hast, als du glücklich warst – nicht bei einem Etikett, das du dir überklebst. Und dann schauen: Steckt da was drin, das du dir heute zurückholen kannst? Ein Fitzelchen von dem Puzzeln, Malen, Schreiben aus dem Schneckenhaus. Ein Fitzelchen von dem Widerworte-Geben in der Bank.

Wichtig dabei ist, wirklich konkret zu sein. Z.B. „Ich habe meine Freunde öfter getroffen“ oder „ich bin in die Bibliothek gegangen“, „ich habe in Cafés herumgesessen“, „Ich war so oft schwimmen“ ö.ä. Es ist egal, was es ist, Hauptsache, es hat dich glücklich gemacht.

Das ist konkreter als jede Grübel-Frage. Und es hat mir selbst mehr gebracht als jede Suche nach einer für immer gültigen Antwort.

Zum einen hat es mir mein Schreiben wiedergeschenkt zum anderen mir die Erkenntnis gegeben, welche Dinge ich wieder mehr in meinem Leben will. Mir dieses Mehr wiederzuholen, es umzusetzen, war ein Puzzlestückchen um Puzzlestückchen weit identitätsbildend für mich.

Du bist kein Sonderfall

Wenn du dich in den Fragen von oben – den zehn Symptomen, dem Nebel, dem Schneckenhaus – wiedererkannt hast: Es ist erklärbar, es ist erforscht, und es ist – bei allem Respekt vor dem, was es an manchen Tagen mit dir macht – nicht das Ende der Geschichte.

Was in deiner Familie nicht ausgesprochen wurde, hat trotzdem gewirkt. Auf dich, ganz konkret. Aber du bist nicht dazu verdammt, dieses Erbe einfach weiterzureichen oder als Schattenwesen im Nebel zu verschwinden. Du darfst anfangen, hinzuschauen. Und du darfst dabei auch lachen, wenn’s mal wieder besonders absurd wird. Bei mir tut’s das ziemlich oft.

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Birgit macht Juhu

Magst du direkt weiterlesen? Hier ist meine kurze Erklärung, was Kriegsenkel sind. Und die restlichen neun Kriegsenkel-Trauma-Symptome findest du hier.

Und jetzt du: Wann warst du zuletzt richtig glücklich – und was genau hast du da getan? Schreib’s mir gerne in die Kommentare.

Du musst mit diesem Nebel nicht allein bleiben.

Wenn du herausfinden willst, welche deiner „Widersprüche“ du bisher nur für einen Fehler gehalten hast – und was von deinem alten Schneckenhaus-Glück heute noch in dir steckt –, dann lass uns reden. Kein Verkaufsgespräch, kein Drumherumgerede. Nur du, ich, 30 Minuten und die Antwort auf die Frage, wie ich dich dabei unterstützen kann.

Du willst noch mehr lesen? Hier ist mein Buch:
Buch „Eingefroren in der Zeit“ von Birgit Elke Ising

Eingefroren in der Zeit.
Ein guter Einstieg ins Thema Ahnentrauma. Du brauchst keine Vorkenntnisse. Nur Lust auf Geschichten. Skurrile Geschichten.

Deep Shit, mit Humor und Leichtigkeit erzählt.

„Wütend, witzig, weise.“
(Sven Rohde, ehem. Vorstand Kriegsenkel e.V.)

Birgit Ising mit Notebook
Wer schreibt hier eigentlich?

Hi, ich bin Birgit Elke Ising. Ex-Bank-Managerin, Coachin, Autorin, Speakerin und (improvisierende) Schauspielerin. Ich bin Expertin für Transformationsunterstützung. Mit kreativen Coaching-, Theater- und Schreib-Techniken helfe ich dir aus der Schwere ins Handeln.
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