Der Renteneintritt der geburtenstarken Jahrgänge reißt ein großes Loch in den Arbeitsmarkt. Ein Umbruch für die Gesellschaft. Alle reden über Fachkräftemangel, Rentenkasse und Arbeitsmarkt, kaum eine:r darüber, was dieser Umbruchzone mit Kriegsenkel:innen macht.
Denn für sie ist es viel mehr als nur ein Rententhema: Wenn Arbeit wegfällt, fällt für sie viel mehr weg: Das Empfinden der Sinnhaftigkeit des eigenen Tuns, des Gebrauchtwerdens als Mensch und als Mitarbeiter:in. Aber auch: Beschäftigtsein. Funktionieren. Struktur. Ablenkung. Der Überlebensmodus mit Kalenderfunktion. Vielleicht sogar Identität. Die Frage ist, ob der Ruhestand ihnen die ersehnte Freiheit bringt?
Ich zeige hier beide Seiten auf: Chancen, Risiken, und am Ende gibt‘s meine ganz eigene Erfahrung dazu.
Kurzantwort:
Ruhestand für Kriegsenkel:innen ist Chance UND Gefahr: Endlich Zeit, sich selbst besser kennenzulernen und alte Überlebensmuster zu hinterfragen – Raum für Selbstbestimmung, Heilung und echte Lebendigkeit. Doch er kann auch alte Muster aktivieren: Leistungsdruck, Schuldgefühle, Leere. Die Angst, „nutzlos“ zu sein oder das Abrutschen in alte Familienrollen. Entscheidend ist, ob wir den Mut haben, uns im Ruhestand selbst zu begegnen oder nur hineinstolpern – und weitermachen wie bisher.
Bevor du weiterliest: Meine Klientinnen fragen oft: „Was beschränkt mich da so?“ – Antworten gibt‘s hier:
„Glaub‘ DAS NICHT!“
DAS Workbook gegen fiese Glaubenssätze. Für alle, die immer wieder mit Vollgas aus der gleichen Kurve fliegen – und endlich wissen wollen, warum.
Welche Chancen bietet der Ruhestand für Kriegsenkel:innen?
Kurzantwort:
Der Ruhestand bietet Kriegsenkel:innen die Chance, nach Jahrzehnten des Funktionierens endlich Raum für die eigene Persönlichkeit, den Körper, alte Muster, neue Rollen jenseits der Familie und ein wirklich selbstbestimmtes Leben zu finden.
Ich bin Jahrgang 1962. Überall um mich herum freuen sich die Leute auf ihren bevorstehenden Ruhestand. „Krass“, denke ich, „Jetzt passiert es wirklich!“ – Die Menschen meiner Generation hören auf zu arbeiten. Wir, die wir von Eltern aufgezogen wurden, die durch Krieg, körperliche Gewalt, Flucht, Verlust und Hunger traumatisiert waren. Wir, die viel zu früh viel zu viel Verantwortung übernehmen mussten und uns gut auskennen im Spannungsfeld von Pflichtgefühl, Erschöpfung, Sinnsuche und übernommenen Familienmustern.
Der Ruhestand kann für viele Kriegsenkel:innen eine riesige Chance sein, weil plötzlich etwas auftaucht, das viele von uns jahrzehntelang kaum hatten und oftmals schmerzlich vermissten: Zeit, Raum und Ruhe. Zum Sein, zum Denken und Fühlen. Ruhe, um zu spüren, wer wir eigentlich sind — jenseits von Leistung, Verantwortung, Dauerfunktionieren und familiären Lieferverpflichtungen. Raum für eigene Bedürfnisse, innere Klärung und ein eigenes Leben jenseits von den Erwartungen anderer.
Denn Kriegsenkel:innen sind Meister:innen darin, „Augen zu und durch“ zu leben und Dinge „durchzuziehen“. Wir funktionieren und wir organisieren. Meistens zudem perfekt! Wir halten aus, was andere uns vor die Füße kippen oder um die Ohren hauen – schon seit Kindheitstagen können wir das 1a. Oft ohne zu merken, wie tief dieses alte Familienprogramm in uns steckt.
Viele Kriegsenkel:innen haben nie gelernt zu fragen: „Was will ich eigentlich?“, sondern eher: „Was wird gebraucht?“ oder „Wo muss ich funktionieren?“
Und genau hier kann die Rente plötzlich ein kleines Erdbeben auslösen. Im positiven Sinn. Denn wenn im Ruhestand das berufliche Dauerrattern leiser wird, unterbricht dies das Funktionieren häufig zum allerersten Mal im Leben für längere Zeit, nicht nur für einen Urlaub.
Es kann sehr sehr heilsam sein, wenn dann plötzlich etwas auftaucht, das lange keinen Platz hatte und das sich anfühlt wie: die eigene Stimme. Uuuuuaaaah!?
Chance 1: Endlich entsteht Raum für die eigene Persönlichkeit
Endlich nicht mehr nur funktionieren zu müssen bietet Raum fürs eigene Ich.
Ich kenne viele Kriegsenkel:innen, die erst nach dem Berufsleben merkten, wie erschöpft sie eigentlich sind. Nicht nur körperlich. Sondern innerlich. Plötzlich müssen sie nicht mehr performen. Kein(e) Chef:in erwartet Dauerverfügbarkeit. Schluss ist‘s mit Meetings, vollem Kalender, Karriereleiter-Gerangel und Kolleg:innen, die ständig etwas wollen.
Wenn diese Anforderungen im Außen wegfallen, entsteht Raum, damit etwas völlig Neues entstehen kann oder längst vergessenes wieder auftaucht: die eigene Persönlichkeit. Jenseits von Rollenzuschreibungen wie „verständnisvolle Chefin“, „zuverlässige Mitarbeiterin“ oder „emotionale Feuerwehr für alle“.
Wenn wir mutig sind und es zulassen können, zeigt sich das eigene Ich.
Viele Kriegsenkel:innen hatten nie wirklich Zeit oder Erlaubnis, sich zu fragen: „Was macht mir eigentlich Freude?“
Nicht: Was wird gebraucht? Nicht: Was erwarten andere? Sondern wirklich: Was tut MIR gut?
Im Ruhestand fällt oft erstmals ein Teil des äußeren Drucks weg. Befreiend kann das sein! Und oft sagen Menschen dann einen Satz, der mich jedes Mal berührt: „Ich glaube, ich lerne mich gerade zum ersten Mal richtig kennen.“
Chance 2: Der Körper bekommt endlich eine Stimme
Kriegsenkel:innen haben jahrzehntelang ihre Grenzen ignoriert. Müdigkeit? Egal. Stress? Weiter. Schmerzen? Funktionieren. Im Ruhestand bekommt auch unser Körper mehr Raum und eine Stimme. Wenn wir ihm zuhören, ist das manchmal unangenehm. Es kann aber auch eine Chance sein. Denn plötzlich merken wir: „Oh. Ich bin ja dauererschöpft.“
Oder: „Ich habe eigentlich seit zwanzig Jahren keine echte Pause gemacht.“
Manche beginnen dadurch erstmals, achtsamer mit sich umzugehen. Weniger Härte. Mehr Selbstfürsorge. Für Kriegsenkel:innen manchmal fast schon ein Wow!
Chance 3: Alte Muster werden sichtbarer — und damit veränderbar
Viele Kriegsenkel:innen entdecken die Themen für ihre eigene persönliche Weiterentwicklung erst richtig im Ruhestand. Vorher schwelte zwar schon etwas, aber es war einfach immer zu viel los. Nun haben wir endlich Zeit für unsere eigene Geschichte. Wir beginnen oftmals erst im Ruhestand zu verstehen, warum wir so lange funktioniert haben. Warum Ruhe sich komisch anfühlt. Warum Nein-Sagen schwer ist. Warum wir uns nur wertvoll fühlen, wenn wir gebraucht werden.
Ständig viel zu arbeiten und unablässig beschäftigt zu sein ist ein perfekter Schutz gegen unangenehme Gefühle, innere Leere, längst fällige Antworten auf nie gelöste Fragen, zu durchlässige oder zu rigide Grenzen und ungelöste Familiengeschichten.
Doch wenn der Dauerlärm und die Rödelei wegfallen, kann vieles plötzlich sicht- und hörbar werden.
Nicht immer angenehm — aber oftmals der Beginn echter persönlicher Veränderung.
Chance 4: Neue Freiheit statt alter Familienrolle
Alte Rollen dürfen endlich bröckeln. Die Dauer-Retterin, die Vernünftige, die Familienmanagerin, die Verantwortliche. Die, die immer alles im Blick hat. Der emotionale Mülleimer für alle anderen. Im Ruhestand dürfen diese Rollen endlich Risse bekommen. Und durch diese Risse kommt manchmal Licht – auf die Möglichkeiten, Wünsche, Träume, nie gelebte Ziele.
Im Ruhestand beginnen manche Kriegsenkel:innen zu merken: „Ich muss das gar nicht mehr alles tragen.“ Darin liegt die Chance, nicht mehr nur die starke Person für andere zu sein – sondern auch ein Mensch mit eigenen Bedürfnissen.
Chance 5: Zum ersten Mal etwas wirklich Eigenes tun
Ich beobachte bei vielen Kriegsenkel:innen im Ruhestand eine enorme Sehnsucht nach Lebendigkeit, Kreativität oder sozialem Engagement.
Plötzlich wollen Menschen malen, schreiben, reisen, Theater spielen, singen. Verrückte Dinge ausprobieren oder auch einfach nur morgens lange Kaffee trinken und Zeitung lesen, ein Buch gar – ohne schlechtes Gewissen. Nach dem Motto: „So, liebes Leben, jetzt reden wir beide mal Klartext.“
Der Ruhestand kann die erste Lebensphase sein, in der es nicht mehr nur um die alten Muster des Überlebens geht — sondern ums echte, ums eigene (!), selbstbestimmte Leben.
Ich liebe, es das zu erleben – wo doch so viele Kriegsenkel:innen schon als Kinder gelernt haben, vernünftig zu sein. „Ruhe zu geben“, nicht zu stören, sich anzupassen, stark und bescheiden zu sein.
Klingt gut, oder? Aber es gibt auch eine andere Seite.
Welche Gefahren birgt der Ruhestand für Kriegsenkel:innen?
Kurzantwort:
Der Ruhestand kann für Kriegsenkel:innen gefährlich werden, weil mit dem Wegfall der Arbeit auch Schutz, Identität und Ablenkung verschwinden — wodurch innere Leere, alte Familienrollen, Freizeitstress und Partnerschaftskonflikte plötzlich mit voller Wucht spürbar werden.
Die größte Gefahr liegt darin, dass der Ruhestand alte Kriegsenkel:innen-Muster nicht automatisch auflöst, sondern manchmal sogar lauter macht. Deswegen kann Ruhe für Kriegsenkel:innen emotional durchaus heikel werden. Denn wenn Arbeit wegfällt, fällt oft auch die wichtigste Ablenkungsmaschine weg. Das kann alte Wunden aktivieren.
Denn für Kriegsenkel:innen ist Arbeit oft viel mehr als Arbeit. Sie ist häufig Schutz, bietet Struktur, liefert Identität, sichert Betäubung, ist gut fürs Selbstwertsystem und manchmal auch die eleganteste Form, den eigenen Gefühlen aus dem Weg zu gehen.
Wenn das plötzlich wegfällt, wird es heikel.
Gefahr 1: Die Arbeit war die emotionale Stabilisierung
Viele Kriegsenkel:innen definieren sich extrem über Leistung, weil sie innere Sicherheit und (im besten Falle) Bestätigung gibt. Denn wer arbeitet, wird gebraucht. Wer gebraucht wird, fühlt sich wertvoll. Wer wertvoll ist, hat ein Recht auf Leben. Wer funktioniert, tut automatisch etwas Sinnvolles (?) und bleibt in Bewegung.
Der Ruhestand kann deshalb plötzlich ein großes schwarzes Loch sein und unangenehme, die Identität erschütternde Fragen aufwerfen, z.B.:
- Wer bin ich eigentlich ohne Leistung?
- Wer bin ich eigentlich, wenn niemand mehr etwas von mir will?
- Wer bin ich, wenn mir keiner zuschaut?
Viele Kriegsenkel:innen definieren ihren Wert stark über Nützlichkeit. Wenn plötzlich niemand mehr etwas von ihnen braucht, kann eine tiefe innere Verunsicherung eintreten.
Gefahr 2: Die innere emotionale Leere wird plötzlich spürbar
Viele Kriegsenkel:innen kennen ein tiefes inneres Gefühl von „nicht genug“, „nicht wichtig“ oder „nicht wirklich lebendig“.
Solange der Terminkalender und der Alltag vollgestopft sind, musst du vieles nicht fühlen. Im Ruhestand wird es stiller. Und in dieser Stille hat der innere Raum ein Megafon! Denn solange du rennst, merkst du nicht, was innerlich fehlt. Aber der Stillstand macht das Fehlende sichtbar. Und plötzlich sind da Traurigkeit, Einsamkeit, Wut oder die Frage: „War das jetzt alles?“
Kriegsenkel:innen erleben nach dem Renteneintritt eine seltsame, nebelige innere Leere. Nicht unbedingt Depression, eher eine Art diffuse Orientierungslosigkeit. Manche beschreiben es so, als hätten sie ein Loch im Bauch.
Ich sehe ich es kritisch, wenn Ruhestand uns nur als „endlich nichts mehr tun müssen“ verkauft wird. Denn Menschen brauchen nicht nur Ruhe. Sie brauchen auch Sinn, Verbindung zu sich selbst und anderen. Bewusste innere, äußere und vor allem selbstbestimmte Agilität und Lebendigkeit.
Gefahr 3: Alte Familienrollen werden plötzlich wieder aktiviert
Ich sehe das häufig: Kaum sind Menschen im Ruhestand, rutschen sie wieder stärker in alte Familiendynamiken hinein. Wir gehen in Rente, während unsere hochbetagten Eltern pflegebedürftig werden und Hilfe brauchen. Und zack: Schon steht die alte Familienrolle wieder vor der Tür, diesmal mit Arztterminmappe. Dann wird sich plötzlich wieder übermäßig um die hochbetagten Eltern gekümmert, um Kinder und Enkel. Oder um alle anderen — nur nicht um sich selbst. Reflexartig springen Kriegsenkel:innen wieder in ihre alten Rollen: Kümmern. Aushalten. Organisieren. Sich selbst hinten anstellen.
Es rutscht sich schnell in die uns so bekannte Überverantwortung. Aus „endlich mein Leben“ wird dann „ich muss mich kümmern, sonst bin ich schlecht“ – und schon fressen Pflege und Schuldgefühle den wohlverdienten Ruhestand auf.
Aus „Endlich Freiheit!“ wird „Ich kann doch jetzt nicht an mich denken.“ – und oft merken wir erst sehr spät, wie sehr wir uns dabei selbst verlieren.
Denn die meisten Kriegsenkel:innen haben nie gelernt, dass ihr eigenes Leben wichtig genug ist und es kein Verbrechen ist, sich um sich selbst zu kümmern. Sie haben nicht gelernt, dass es essenziell und mitnichten egoistisch ist!
Ohne berufliche Struktur und mit viel Zeit vor der Nase entsteht manchmal ein gefährlicher Sog zurück in alte Pflichtprogramme. Und dann geht die Rödelei wieder los. Machenmachenmachen, um nix zu fühlen. Siehe oben, Teufelskreis!
Gefahr 4: Aus Arbeit wird Freizeitstress
Manche Menschen reagieren auf den Ruhestand nicht mit Ruhe – sondern mit noch mehr Aktionismus. Neue Projekte. Noch mehr Ehrenamt. Permanente Selbstoptimierung. Dauerreisen. Vollgas-Freizeitstress.
Viele Kriegsenkel:innen können nicht wirklich aufhören zu funktionieren. Sie wechseln nur das Spielfeld: Ehrenamt, Enkelbetreuung, Vereinsarbeit, Pflege, Kurse, Reisen, Projekte. Alles schön – solange es Freude ist.
Problematisch wird es, wenn der Ruhestand einfach nur die nächste Bühne fürs Funktionieren wird. Dann sieht das Leben von außen zwar „aktiv“ aus, innerlich bleibt aber alles beim Alten. Wenn dahinter wieder nur alte Sätze stecken wie: „Ich darf nicht einfach nur sein“ oder „Ich werde nur dann geliebt, wenn ich was tue!“, wenn hinter dem „Ich will noch so viel erleben!“ auch panische innere Unruhe steckt, dann hält oftmals das Kriegsenkel:innen-Nervensystem die Fäden in der Hand und raunt ins Unterbewusste: „Achtung! Wenn es still wird, wird es gefährlich.“
Deshalb fällt vielen von uns echte Entspannung so schwer.
Gefahr 5: Die Partnerschaft wird plötzlich zur Bewährungsprobe
Jahrzehntelang hat die Arbeit eine natürliche Pufferzone geschaffen. Du warst beschäftigt, unterwegs, hattest deinen Bereich. Im Ruhestand ist das plötzlich weg — und zwei Menschen, die sich gut nebeneinander (voneinander weg?) organisiert haben, sind von früh bis spät miteinander, 24/7.
Für Kriegsenkel:innen kann das zum Problem werden, wenn sie dieses tief verankerte Nähe-Distanz-Muster haben: Einerseits wollen sie nichts mehr als Verbindung — und gleichzeitig löst zu viel Nähe alten Stress aus. Schon als Kind war der eigene Rückzugsraum oft das Einzige, das ihnen wirklich gehörte.
Wenn dieser Raum im Ruhestand plötzlich wegfällt, werden wir reizbar und rückzugsbedürftig, ohne genau zu wissen, warum. Oder wir entdecken, dass wir unsere:n Partner:in in Wirklichkeit kaum kennen. Oder plötzlich stoßen wir auf alte, längst wegorganisierte Konflikte — die nun keine Ablenkung mehr haben.
Nicht umsonst nimmt die sogenannte graue Scheidung — Trennungen nach dem Renteneintritt — deutlich zu. Für Kriegsenkel:innen bedeutet der Ruhestand zu zweit deshalb ein doppeltes Experiment: endlich wirklich mit sich selbst sein. Und endlich wirklich mit dem anderen.
Au weia! Na das kann ja doppelt anstrengend werden.
Wie gehe ich persönlich mit dem Ruhestand als Kriegsenkelin um?
Kurzantwort:
Als Kriegsenkelin habe ich gelernt, dass Ruhestand nicht automatisch Freiheit bedeutet, sondern bewusste innere Arbeit erfordert – heute frage ich mich bei allem, was ich tue, nicht mehr OB ich aktiv bin, sondern WARUM: aus Freude und Selbstausdruck oder aus altem Funktionszwang.
Ich bin seit September 2020 im Ruhestand meiner ehemals abhängigen Beschäftigung der Bank, die irgendwann einmal irgendwas mit „P“ zu tun hatte. Aber Ruhe fand ich in diesem Stand zunächst nicht. Ich war und bin alles andere als „fertig“.
Kaum war ich in Pension, beschloss meine hochbetagte Mutter mit dem von ihr stets wiederholten Satz „Na Du hast ja jetzt auch Zeit. Jetzt kannst Du Dich ja auch um mich kümmern!“, dass ich für sie zuständig sei. Kaum meiner Arbeitsverpflichtung entkommen, durfte ich „als brave Tochter“ bei ihr sein und für sie liefern und leisten. „Nachdem, was ich alles für Dich getan habe“, war das jetzt mein neues, von mir nicht hinterfragtes Normal.
Ich habe schmerzlich gelernt, dass Ruhestand NICHT automatisch Freiheit bedeutet und dass innere Freiheit zu erlangen echte Arbeit ist!
Es war nicht getan mit meiner romantischen Vorstellung von „endlich mehr Zeit und kein Müssen mehr“. Pustekuchen war das! Ich hielt mich beschäftigt bis zur Erschöpfung. Wenn ich nicht Muddi-Alarm hatte, gab ich mich anderen „Dringlichkeiten“ hin: Rezepte scannen und katalogisieren, Schränke organisieren, Papierhaufen von rechts nach links schieben, Keller von oben nach unten kehren. Immer in Bewegung. Immer unter Strom!
Bis ich erkannte, dass ich gar keinen Chef und keine Chefin brauche, um mich zu stressen! Das kann ich ganz gut selbst!
Ich spürte, dass es so nicht weitergehen konnte und begann, mir selbst schreibend zu begegnen. Ich schrieb über den Pflegealltag mit meiner Mutter, über mich und langsam auch über das, was ich jenseits des Funktionieren wirklich fühlte und wollte: Eine Stimme haben. Innere Freiheit spüren. Haltung zeigen. Meine Haltung! Mich selbst ernst und wichtig nehmen (und trotzdem nicht zuuu ernst und zuuu wichtig), meinen Humor ernst zu nehmen, trotz aller Familienschwere leicht zu leben. Leicht! Nicht oberflächlich. Mir meines Wertes, meiner Klugheit bewusst zu sein. Meiner Wahrnehmung zu trauen. Laut und lustig zu sein. Sprache zu leben. Zu streiten und meine Sicht, mich und meinen Platz zu verteidigen! Klare Kante zu reden und nicht im Nebel zu kommunizieren. Meine Wünsche zu formulieren und Grenzen zu setzen. Bämmm! Lauter Dinge, die mir als Kind in meiner Herkunftsfamilie als Handlungs- und Erlebensspektrum verboten waren. Und (gaaanz wichtig!): nicht einzuschnappen!
Ich habe erlebt, wie schnell Kriegsenkel-Muster sich andere Spiel- und Ausdrucksplätze suchen, wenn Arbeits- und Bürostruktur wegfallen. Ich habe mich meinen alten Geschichten gestellt, sie angeschaut, neu geordnet, wegsortiert und Teile davon entsorgt. Wütend, witzig und weise haben sie und mein ganz persönlicher Weg, mit ihnen umzugehen, Ausdruck gefunden in meinem Buch „Eingefroren in der Zeit“.
Inzwischen bin ich selbständig. Als Coachin, Schauspielerin und Autorin. Ich schreibe, coache, spiele Theater, entwickle kreative Ideen, gebe Workshops.
Aber ich beobachte auch meinen eigenen inneren Funktionshamster sehr genau, diesen alten Kriegsenkelinnen-Anteil, der sich schnell über Leistung definiert. Ich kann wunderbar beschäftigt sein, sehr wunderbar. Ich werde nervös, wenn nichts geplant ist. Ich kann Vorhaben stapeln wie andere Leute Tupperdosen. Das sieht von außen kreativ, aktiv und inspiriert aus – kann für mich innerlich aber in Wahrheit ein alter Überlebensmodus sein.
Deshalb passe ich auf, nicht ständig produktiv sein zu müssen, andauernd neue Projekte zu starten und mir meinen eigenen Wert durch Leistung beweisen zu wollen. Darüber Bestätigung zu erfahren. Ich gebe darauf acht, mir nicht einfach nur neue Hamsterräder zu bauen und dieses Verhalten dann wichtig „selbstbestimmt“ zu nennen …
Ich empfinde meinen „Ruhestand“ als riesigen Geschenkeraum für Selbstverantwortung, Selbsterkenntnis und Kreativität. Für Selbstausdruck, der früher kaum Platz hatte: schreiben, spielen, improvisieren, Neues ausprobieren, langsamer werden, mehr leben. Ich begleite Menschen zwischen Schnapsideen und Champagner. Und das Schreisen (schreibend reisen), das habe ich auch erfunden. Wie das für mich geht, kannst du hier lesen.
Für mich ist der Unterschied nicht, OB wir im Ruhestand arbeiten oder aktiv bleiben, sondern WARUM.
- Tue ich etwas aus Freude? – Oder aus innerem Druck, um mich wertvoll zu fühlen?
- Will ich mich weiterentwickeln? – Oder meine Dämonen weiter im Verborgenen wirken lassen?
- Will ich als ICH lebendig sein? – Oder nur weiter funktionieren?
- Kann einfach ich nur schlecht stillsitzen? – Oder kann ich schlecht einfach nur sein?
Ich lasse bewusst die Finger vom vorgefertigten gesellschaftlichen Bild, dass Ruhestand entweder totale Selbstoptimierung oder komplettes Abschalten bedeuten muss. Ich glaube weder an „Jetzt musst du nochmal richtig durchstarten!“ noch an „Jetzt mach ich gar nichts mehr“. Für mich ist mein Leben: „Jetzt entscheide ich bewusster, wofür ich meine Kraft gebe.“
Ich lebe einen Lebensabschnitt, in dem ich immer öfter merke: Ich darf arbeiten, darf spielen, ruhen, wirken. Und: ich darf auch mal nichts beitragen und keine Verantwortung tragen!
Für viele Kriegsenkel:innen ist genau das revolutionär.
Mir sind wichtig: Mehr Ehrlichkeit, eigenes Tempo, Wollen statt Müssen, Leichtigkeit, Lebendigkeit, Humor. Weniger Funktionieren und mehr:

Fazit: Der Ruhestand ist eine Chance für Kriegsenkel:innen — wenn sie den Mut haben, sich selbst zu begegnen
Ich glaube, dass der Ruhestand für Kriegsenkel:innen eine große Chance sein kann, eine sehr kraftvolle Lebensphase – die sich (vielleicht sogar zum allerersten Mal) wirklich frei anfühlt. Aber nicht automatisch.
Die Rente heilt keine alten Muster, aber sie kann sie sichtbar machen. Das kann scheiße unbequem sein – und höchst befreiend. Aber aus meiner Sicht nur dann, wenn Kriegsenkel:innen diesen neuen Lebensabschnitt bewusst gestalten und sich ihren inneren und familiären Fragen, Familienmustern und -rollen stellen. Und wenn sie sich die Möglichkeit geben, sich selbst endlich wichtiger zu nehmen. Wenn sie ihn nicht als endlose Beschäftigungstherapie oder neues Leistungsprojekt sehen. Und sich nicht weiter selbst verlieren.
Für viele Kriegsenkel:innen ist der Ruhestand deshalb nicht einfach ein neuer Lebensabschnitt. Sondern eine emotionale Übergangsphase.
Nur weil kein Wecker mehr klingelt, wird der Ruhestand nicht heilsam. Es ist wichtig, die Zeit zu nutzen und zu beginnen, ihre alten Muster bewusster wahrzunehmen: z. B. den Leistungsdruck, das ständige Kümmern, die Angst vor Nutzlosigkeit oder das schlechte Gewissen beim Ausruhen.
Das Geschenk des Ruhestandes liegt in der Möglichkeit, sich bewusster entscheiden zu können und Antworten auf Fragen wie diese zu finden:
- Wie möchte ich eigentlich leben – wenn ich nicht mehr nur funktionieren muss?
- Was tut mir wirklich gut?
- Und welche alten Überlebensstrategien möchte ich vielleicht endlich loslassen?
Kriegsenkel:innen haben oft jahrzehntelang funktioniert, getragen und sich angepasst. Der Ruhestand kann deshalb ein Wendepunkt sein: Weg vom reinen Funktionieren. Hin zu mehr echtem Leben.
Wenn sie sich trauen und endlich anfangen, ihr eigenes Leben zu leben. Jenseits der Schatten der Vergangenheit und mit allem, was dazugehört: Ruhe. Sinn. Neugier. Lebendigkeit. Freude. Wut. Trauer. Und all den anderen Gefühlen, die endlich Raum bekommen!
Mich interessiert: Wie erlebst du das Thema Ruhestand — bei dir selbst oder bei anderen Kriegsenkel:innen? Siehst du darin eher eine Chance? Oder eher eine Gefahr? Freust Du Dich auf den Ruhestand? Oder macht er Dir eher Angst? Und wo erkennst Du bei Dir typische Kriegsenkel:innen-Muster rund um Arbeit, Leistung oder Nichtstun?
Schreib’s gern in die Kommentare. Ich bin gespannt auf deine Sicht.
Welcher Glaubenssatz bremst dich am meisten – und wo kommt er her?
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Eingefroren in der Zeit.
Ein guter Einstieg ins Thema Ahnentrauma. Du brauchst keine Vorkenntnisse. Nur Lust auf Geschichten. Skurrile Geschichten.
Deep Shit, mit Humor und Leichtigkeit erzählt.
„Wütend, witzig, weise.“
(Sven Rohde, ehem. Vorstand Kriegsenkel e.V.)

Wer schreibt hier eigentlich?
Hi, ich bin Birgit Elke Ising. Ex-Bank-Managerin, Coachin, Autorin, Speakerin und (improvisierende) Schauspielerin. Ich bin Expertin für Transformationsunterstützung. Mit kreativen Coaching-, Theater- und Schreib-Techniken helfe ich dir aus der Schwere ins Handeln.
Mehr über mich erfährst du hier.
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Liebe Birgit, das passt jetzt vielleicht nicht ganz hierhin, aber ich habe mich in deinem Artikel wiedergefunden. ich bin zwar keine Kriegsenkelin, sondern kurz danach, aber derzeit arbeitslos (haha) und absolviere eine Online- Fortbildung – 8 Stunden am Tag, die ich ernst nehme. Da ich aber jetzt zu Hause bin, heißt es ebenfalls: Du hast ja jetzt Zeit, kannst du mal eben? Inzwischen mein zweiter Vorname! Bei uns auf dem Hof packt man nunmal mit an, wenn man schon mal da ist. Leider kann ich zur Zeit auch nicht an den Co-Blogging-Terminen teilnehmen, das fehlt mir sehr! Hin und wieder haue ich einen Artikel raus, wenn Sonntags Zeit dafür ist. Ich bin froh, noch keine Enkel zu haben! Darf man das überhaupt sagen?
Liebe Kerstin,
natürlich passt das hierhin – denn genau das zeigt, wie universell dieses Muster ist! „Du hast ja jetzt Zeit“ scheint eine Allzweckwaffe zu sein, die nicht nur Rentner:innen trifft. Ob Ruhestand oder Arbeitslosigkeit mit Vollzeit-Fortbildung: Von außen sieht es für andere aus wie freie Zeit – innen fühlt es sich ganz anders an.
Und: 8 Stunden Online-Fortbildung am Tag ernst zu nehmen, während gleichzeitig der Hof ruft und alle meinen, du stehst für „mal eben“ zur Verfügung – das klingt nach echter Doppelbelastung. Hut ab, dass du das so klar benennen kannst!
Und ja, man darf das sagen! Froh sein, noch keine Enkel zu haben, ist keine Herzlosigkeit – sondern gesunder Selbstschutz. Oder um es mal deutlich zu formulieren: Es ist der Reflex einer Frau, die sehr genau spürt, wie schnell aus „Ich bin da“ ein neues Dauerprogramm werden kann.
Ich freue mich, dass du hin und wieder einen Artikel schreibst. Und: die Co-Blogging-Termine vermissen dich auch! Bis bald, wenn sich das wieder ergibt.
Herzlich, Birgit
Liebe Birgit, dieser Artikel hat mich wirklich erwischt, auch wenn es für mich noch etwas früh ist (aber ich werde ihn meinem Mann weiterleiten 😉) – das Thema Ruhestand und Kriegsenkel ist so wichtig und wird kaum offen besprochen. Der Gedanke, dass ausgerechnet die Ruhephase alte, unverarbeitete Muster hochspülen kann, weil die Struktur des Arbeitslebens als Schutzschicht wegfällt – das leuchtet mir sofort ein. Danke für diesen Artikel! Herzliche Grüße, Sona
Liebe Sona,
herzlichen Dank. Jepp, und noch weniger reden wir darüber, was das mit den Männern, den Kiregsenkeln macht, die sich ja so wunderbar in ihrer Arbeit versenken können. Und darüber viel „Wichtigkeit“ erzielen. Da kommt dann manchmal noch der Fall in die Bedeutungslosigkeit hinzu.
Ich bin gespannt, wie Ihr das wuppt.
Herzlichst
Birgit