Generationentrauma. Endlich gehört — Interview mit Artemis Dimitriadis

Veröffentlicht am Kategorisiert als Kriegsenkel & Ahnentrauma
Artemis-Dimitriadis. Generationentrauma. Endlich gehört.

Auf Helgoland habe ich Artemis Dimitriadis wiedergetroffen. Eine junge Frau, die ich seit mehr als 15 Jahren kenne. Damals saß sie als kleines, in sich gekehrtes Mädchen im Dünensand — und ich ahnte nicht, dass auch sie an einem über Generationen weitergegebenen Familienthema zu tragen hat, das bis heute nachwirkt.

Aus dem stillen Mädchen ist eine junge Frau geworden, die klug, reflektiert und wortgewandt genau die Dinge ausspricht, die in ihrer Familie nie Worte finden durften. Sie redet öffentlich über lange Verschwiegenes und über ihren Weg in die Selbstbestimmung — jenseits der Konzepte und Regeln, die ihr die Familie mitgegeben hat.

Auf der Stranddecke waren wir schnell in einem Gespräch, das weit über Small-Talk hinausging — bis es jäh unterbrochen wurde, dabei hatte ich noch so viele Fragen. Und dann DIE Idee: ein Interview! Sie stimmte sofort zu und hier ist es.

Im Gespräch schildert Artemis ihre Perspektive auf ein Muster, das sich durch drei Generationen ihrer Familie zieht — von der Großmutter, die ihre Gehörlosigkeit schon ihr ganzes Leben lang versteckt, über eine Mutter, die selbst mit diesem Schweigen aufwuchs, bis zu Artemis, die als Erste in dieser Familie beschließt, es öffentlich auszusprechen.

Sie klagt nicht an. Sie schildert ihre Sicht, ihre Wahrheit. Im Beitragsbild zeigt Artemis die internationale Gebärde für das Wort „Liebe“.

Die internationale Gebärde für das Wort Liebe.
Die internationale Gebärde für „Liebe“

Ich komme gar nicht heraus aus meiner Bewunderung für diese mutige, starke, junge Frau, die so viele ihrer alten, sie selbst behindernden Glaubenssätze transformiert hat.

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1. Eine Kindheit im Unsichtbaren

Birgit: Liebe Artemis, wie schön, dass wir uns zufällig wieder getroffen haben und dann gleich sooo intensiv geredet haben. Ich mochte das sehr und fand es schade, dass unser Gespräch unterbrochen wurde. Aber wie toll, dass daraus nun dieses Interview entstehen darf. Danke!

Artemis: Ja, ich freue mich sehr darüber. Ich finde, du schreibst so wunderbar. Und ich habe genau das Gleiche gedacht, nämlich, dass ich gerne noch länger mit dir geschnackt hätte. Also, lass uns weitermachen. Was interessiert Dich?

Birgit: Du bist mit einer angeborenen, beidseitigen Schwerhörigkeit aufgewachsen und hast später sprechen gelernt als andere Kinder. Wie hast Du das damals erlebt? Wusstest Du als Kind schon, dass etwas anders war, oder kam dieses Wissen erst später?

Artemis: Ich habe wahrgenommen, dass ich anders bin, als meine Schwerhörigkeit im Alter von ungefähr dreieinhalb Jahren festgestellt wurde. Ich habe nicht langsamer sprechen gelernt, sondern eher später — durch die bilinguale Erziehung und die angeborene beidseitige Schwerhörigkeit hat sich meine lautsprachliche Entwicklung verzögert. Das habe ich damals aber bewusst nicht als „anders“ verstanden. Die Diagnose kam heraus, als meine Eltern merkten, dass ich statt längerer Sätze nur einzelne Worte sprach, in beiden Sprachen — das war im März 2001. Danach folgte eine beidseitige Versorgung mit Hörgeräten, jahrelange Logopädie auf Griechisch und mehrere Operationen in Deutschland.

Richtig gemerkt habe ich mein Anders-Sein erst mit der Einschulung mit sechs Jahren an der Deutschen Schule in Thessaloniki. Im Kindergarten hatte ich noch gute Hörbuddies an meiner Seite, die mir mit verpassten Sätzen und Worten geholfen haben. In der Grundschule war plötzlich alles neu und laut zugleich: Unterricht, Schreiben, Lernen, Rechnen, dazu eine überwältigende Geräuschkulisse mit so vielen Kindern. Da fing meine mühsame Anpassungsarbeit an. Ich wurde oft ausgelacht, weil ich akustisch nicht hinterherkam, und Kinder können schnell ausgrenzend sein, sobald eines nicht als „normal“ eingestuft wird.

Birgit: Du hast eine jüngere hörende Schwester. Wie war das für Dich?

Artemis: Ich kann mich an den Schmerz und den Neid erinnern, gegenüber meiner kleinen hörenden Schwester, die auf dem Ponyhof ihre Zeit verbringen durfte, während ich mit meiner Mutter in der Klinik war. Den Schmerz habe ich damals nicht verstanden, aber anscheinend akzeptiert.

Birgit: Gab es Situationen, in denen Du für „zurückgeblieben“ oder „dumm“ gehalten wurdest? Was hat das mit Dir gemacht?

Artemis: Ableismus (Anm.: von engl „able“ (fähig sein) – gesellschaftliche Benachteiligung, Abwertung, Ausgrenzung oder Diskriminierung von Menschen aufgrund einer Behinderung oder vermeintlich eingeschränkter Fähigkeiten) und unterschwelliges Verhalten, bei dem ich aufgrund meiner Höreinschränkung für weniger intelligent gehalten wurde, sind mir nicht unbekannt. So etwas kann ständig passieren, wenn man nicht auf die eigenen Hörbedürfnisse hinweist — das tue ich aber erst seit Mitte 20, seit ich meine Hörbehinderung als Teil meiner Identität akzeptiert habe. Als Kind hatte ich das noch nicht verstanden, und so entstanden viele Missverständnisse. Kommentare wie „Du bist blond, bist du so dumm?“ sind gefallen. Oder ich wurde ausgelacht, wenn ich akustisch etwas falsch verstanden hatte.

Das hat meinen Selbstwert und meine Selbstliebe stark beeinflusst. Ich habe unbewusste Glaubenssätze entwickelt wie „Ich bin nicht gut genug“ und „Ich bin anders als die anderen“ — und so sehr man sich auch anstrengt, es reicht nicht, wenn die Ohren einfach nicht mehr geben können. Als Folge habe ich Selbsthass entwickelt.

Mein Verstand war damals kein schöner Ort.

Artemis Dimitriadis

Ich hatte eine sehr strenge innere Stimme, einfach weil ich nicht verstanden habe, dass ich dafür nichts kann und dass es nicht meine Schuld ist.

2. Gesehen und doch nicht gesehen — das Familienmuster

Birgit: In Deiner Familie wurde Deine Schwerhörigkeit emotional nicht benannt, alle taten so, als seist Du „ganz normal“. Was macht das mit einem Kind?

Artemis: Ich bin sehr angepasst erzogen worden. Meinen Eltern waren Bildung und die individuelle Entwicklung ihrer beiden Töchter immer sehr wichtig, in dieser Hinsicht bin ich privilegiert aufgewachsen. Gleichzeitig herrschte aber die Haltung: Das Kind trägt Hörgeräte, also ist es ausreichend versorgt. Heute weiß ich, dass das nicht ausgereicht hat. Ich hatte keinen Kontakt zu anderen schwerhörigen Menschen in meinem Alter, keine Verbindung zur Deutschen Gebärdensprache und keine therapeutische Begleitung, die mir geholfen hätte, mich selbst zu verstehen und meine Behinderung zu akzeptieren. Ich hatte weder die Worte noch die Werkzeuge, um über meine Schwerhörigkeit sprechen zu können.

Deshalb habe ich mich gleichzeitig gesehen und nicht gesehen gefühlt.

Erschwerend kam hinzu, dass ich kaum Vorbilder hatte. Die einzige hörgeschädigte Person in meinem direkten Umfeld war meine gehörlose Großmutter — sie sprach nie offen über ihre Behinderung, sondern versuchte, sie zu verstecken. Das war das einzige Bild, das ich vom Umgang mit einer Hörbehinderung kannte. Ich habe mich oft isoliert, unverstanden und unsichtbar gefühlt, und mich so sehr für meine Schwerhörigkeit geschämt, dass ich nie die Haare hochgetragen habe. Deshalb bin ich in Bücher geflüchtet, sie wurden für mich ein sicherer, aber auch einsamer Rückzugsort.

Birgit: Gibt es eine ganz konkrete Situation aus Deiner Kindheit, die Dir bis heute besonders präsent ist?

Artemis: Eine Situation ist mir besonders in Erinnerung geblieben, weil sie sich so eingeprägt hat: Wir hatten in Griechenland am Haus am Meer Besuch von einer befreundeten Familie. Ich habe mich den ganzen Tag auf meine Freunde gefreut, und als sie endlich da waren, bin ich sofort zum Strand gerannt und habe völlig vergessen, dass ich meine Hörgeräte noch trug — die sind leider nicht wasserfest. Als meine Mutter bemerkte, dass ich mit ihnen ins Wasser rannte, ist sie ausgeflippt, weil die Hörgeräte sehr wertvoll sind und ich sie fast kaputt gemacht hätte. Als Folge hat sie mich in mein Zimmer eingesperrt, ich habe Hausarrest bekommen. Das hat mich damals zutiefst getroffen, so tief, dass ich mich noch heute an dieses Gefühl erinnern kann. Ich habe mich isoliert und ausgegrenzt gefühlt und nicht verstanden, warum ich eingesperrt wurde — ich wollte doch nur mit den Kindern spielen.

Jahre später, vor drei, vier Jahren, habe ich mit meiner Mama darüber geredet und ihr erklärt, was das mit mir gemacht hat. Sie hat sich dafür entschuldigt und erklärt, dass sie damals einfach überfordert gewesen ist. Meine Eltern haben ihr Bestes gegeben und mir viel ermöglicht. Wir sind alle nicht von Fehlern befreit.

Birgit: Was hättest Du Dir als Kind von den Erwachsenen um Dich herum gewünscht?

Artemis: Ganz klar Kontakt zu Gleichgesinnten. Hätte ich als Kind andere Kinder wie mich kennengelernt, hätte ich mich besser verstanden und akzeptiert gefühlt. Heute bin ich in mehreren Communities unterwegs, wo ich Kontakt zu Gleichgesinnten in meinem Alter habe. Das hat mein Weltbild, meine Identität und meine Beziehung zu meiner Hörbehinderung um 180 Grad gewandelt.

3. Ein Generationentrauma bekommt einen Namen

Birgit: Deine Oma ist gehörlos, auch darüber durfte in der Familie nicht gesprochen werden. Wann hast Du verstanden, dass das kein Zufall, sondern ein Familienmuster ist?

Artemis: Ich habe das erst Mitte 20 verstanden, wirklich spät. Meine Oma ist ein Opfer ihrer Zeit — einer Zeit, in der Menschen mit einer Hörbehinderung massiv ausgegrenzt und versteckt wurden. Eine Hörbehinderung ist ja auch eine unsichtbare Behinderung, folglich lässt sie sich gut verstecken. Meine Oma ist 1944 geboren, zu einer Zeit, in der es keinen Raum dafür gab — die Deutsche Gebärdensprache wurde ja erst 2001 als offizielle Sprache anerkannt.

Meine Mama ist auf einer kleinen Insel aufgewachsen, wo jeder jeden kannte. Für sie war es als Kind einer gehörlosen Mutter sicher nicht einfach.
Sie ist eine CODA — ein Kind gehörloser Eltern (Anm.: von engl. „Children Of Deaf Adults“). Es gibt viele CODAS und sogar eigene Communities dafür. Viele von ihnen gebärden fließend. Meine Mama aber ist eine CODA, die nicht gebärden kann und die ebenfalls nie Zugang zu Gleichgesinnten hatte. Sie kennt niemanden, der auch eine gehörlose Mutter hat wie sie. Wenn ich darüber nachdenke, finde ich das sehr sehr traurig und isolierend — … was das mit ihr gemacht haben muss?

Höreinschränkungen und der Umgang damit ziehen sich durch unsere Familie – über Generationen hinweg. Ich würde sagen, es ist ein Generationentrauma, das meine Familie getroffen hat. Mit diesem Gedanken beschäftige ich mich selbst erst seit Kurzem — und ja, es ist ein wahres Trauma.

Birgit: Deine Mutter ist also selbst mit einer gehörlosen Mutter aufgewachsen. Glaubst Du, das hat beeinflusst, wie sie später mit Deiner eigenen Schwerhörigkeit umgegangen ist?

Artemis: Das hat sie beeinflusst. Natürlich hat sie dadurch eine vorbelastete Beziehung zu Schwerhörigkeit gehabt. Ich kann mir auch vorstellen, dass es für sie — ich war ja ihr erstes Kind — ein Weltuntergang gewesen ist. Keine einfache Situation für sie und meinen Papa, beide waren überfordert: Du bekommst dein erstes Kind, und es stellt sich heraus, dass es auch eine Hörbehinderung hat. Danach mussten sie zusehen, wie sie damit umgehen. Sie haben sich sehr darum bemüht, dass ich medizinisch und technisch gut versorgt wurde — meine Mama ist zum Beispiel immer mit mir nach Hannover zur Universitätsklinik gefahren, die auf Hörschädigungen spezialisiert ist. Aber emotional einen guten Weg zu finden, das war für alle schwierig, für alle Generationen.

Birgit: Deine Oma ist taub und lebt zurückgezogen. Wenn Du an sie denkst — was fühlst Du?

Artemis: Meine Oma hat nie wirklich Gebärdensprache gelernt. Sie wurde ihr von Beginn an verboten. Man kann sich das so vorstellen, als würde man einer hörenden Person die Lippen zunähen. Auch Hörgeräte durfte sie nicht tragen. Als Resultat dessen hat sie eine enorme Sprachdeprivation. (Anm.: fehlender oder unzureichender Zugang zu einer für ein Kind zugänglichen Sprache, besonders in den frühen Lebensjahren. Dadurch kann sich die sprachliche, kognitive, soziale und emotionale Entwicklung beeinträchtigen)

Wenn ich an sie denke, bin ich frustriert, traurig und auch wütend. Dadurch, dass ich meine Hörbehinderung erst vor drei Jahren akzeptiert habe und das noch seelisch aufarbeite, triggert es mich manchmal, heute mit ihr zusammen zu sein — vor allem, weil ich jetzt ja selbst Deutsche Gebärdensprache lerne. Wenn ich ihr zum Beispiel helfen möchte mit der Kommunikation, denn sie liest mühsam die Lippen ab, und ich ein bisschen gebärde, sagt sie zu mir: „Hör auf zu plaudern“, das ist ein altes Wort für gebärden. Sie möchte nicht, dass ich gebärde. Das trifft mich sehr, weil ich selbst so viele Jahre versteckt habe, was ich bin, und mich nicht getraut habe, es zu zeigen.

Meine Oma tut mir sehr leid, weil sie ein Opfer ihrer Zeit ist. Sie hat mein tiefstes Mitgefühl. SIE versteckt ihre Behinderung und sie darf damit umgehen, wie sie will – auch wenn ICH es mir für sie anders wünschen würde. Für mich bleibt es meine Aufgabe, das zu akzeptieren.

Ich bin heute stolz darauf, dass ich DGS (Anm.: Deutsche Gebärdensprache) lerne, stolz, dass ich akzeptiert habe, dass es in Ordnung ist, eine Hörbehinderung zu haben.

Ich bin dankbar, dass ich heute all diese Möglichkeiten habe — dass sich meine Community dank Internet und sozialen Medien so gut vernetzen kann, dass es technische Hilfen gibt.

Birgit: Glaubst Du, Deine Oma hätte einen anderen Weg gehen können, wenn ihre Gehörlosigkeit in der Familie hätte Thema sein dürfen?

Artemis: Ich denke, man kreiert sich auch oft seinen eigenen Weg — meine Oma hätte durchaus, spätestens seit den frühen 2000ern, als die Deutsche Gebärdensprache als offizielle Sprache anerkannt wurde, vielleicht einen anderen Weg einschlagen können. Aber sie hat sich dafür entschieden, ihre Hörbehinderung zu verstecken.

Ob sie das Schweigen geerbt hat, das schon vor ihr da war, weiß ich nicht — es gab einfach gesellschaftlich eine starke Ausgrenzung. Die Gehörlosen-Community war so lange kein Teil der Gesellschaft, die Deutsche Gebärdensprache wurde als „Affensprache“ beschimpft. In der Nazizeit wurden Menschen mit Behinderungen systematisch ermordet — ich kann von Glück reden, dass meine Oma „erst“ 1944 geboren wurde und nicht früher. Wenn man bedenkt, wie langsam Veränderungen passieren, ist das gar nicht so lange her.

Ich weiß, dass meine Oma auf ein Förderinternat kam — sie wurde sehr früh von ihrer Familie isoliert und musste dort vor allem eines lernen: sich anzupassen. Ihr wurde auf die Hand geschlagen, wenn sie gebärdet hat, und es wurde ihr untersagt, Hörgeräte zu tragen. Das Institut für Gebärdensprache in Hamburg hat vor ein paar Jahren offiziell eine Entschuldigung ausgesprochen — gegenüber genau der Generation meiner Oma, gegenüber Menschen, die heute von Teilhabe abgeschnitten sind, weil sie nie gebärden durften.

Trotzdem verstehe ich einfach nicht, warum meine Oma ihren eingeschlagenen Weg nicht verlassen hat. Ich kann mir gar nicht vorstellen, was wäre, wenn meine Oti (Anm.: Oma – in Halunder, der Sprache Helgolands) die Deutsche Gebärdensprache fließend könnte, das wäre eine ganz andere Entwicklung in unserer Familie gewesen. Aber an diesem „Was wäre, wenn, hätte, hätte, Fahrradkette“ muss ich noch arbeiten, um zu akzeptieren, dass sich das nicht mehr ändern lässt.

Birgit: Was glaubst Du, sollte in Deiner Familie durch das Schweigen geschützt werden?

Artemis: Beide Seiten. Hauptsache, es wurde nicht sichtbar gemacht.

4. Der Kipppunkt mit 26

Birgit: Du sagst, Du hast Deine Behinderung erst mit 26 wirklich akzeptiert. Was ist in dieser Zeit passiert — gab es einen Auslöser, oder war es ein langsamer Prozess?

Artemis: Beides. Ich habe mich jahrelang selbst sabotiert mit ungesunden Bewältigungsstrategien und es nicht richtig verarbeitet — den Schmerz versteckt und verdrängt, um mit diesem Schmerz nicht umgehen zu müssen.

Es erfordert enorme Kraft, radikal ehrlich mit sich selbst zu sein.

Artemis Dimitriadis

Der Auslöser war im Sommer 2023, als mir der HNO-Arzt sagte, ich sei nicht weit von der Taubheit entfernt. Ich fühlte mich, als wäre ich in einer Sackgasse gelandet — Angst davor, alt zu werden, Angst davor, irgendwann keine Musik mehr hören zu können. Ich habe alles hinterfragt. Ich war sehr wütend auf mein Schicksal.

Da hat meine beste Freundin, die mich auch von Helgoland kennt, den Bund der Schwerhörigen in Hamburg für mich rausgesucht und gesagt: „Hey, du gehst da jetzt hin, du triffst dich mit Gleichgesinnten.“ Das erste Treffen war nur mit schwerhörigen Omas, einer älteren Generation, und gar nicht so förderlich, denn ich hatte nach jungen Menschen gesucht. Dann habe ich von einem Hörverein für junge Erwachsene erfahren, der im November 2023 in Mannheim eine Mitgliederversammlung hatte. Acht Stunden saß ich im Zug, habe mich getraut und auf einmal 30 Leute kennengelernt, die so ähnlich waren wie ich. Das war überwältigend und hat mir gezeigt: Ich bin nicht allein. Auf der Zugfahrt zurück nach Hamburg, nach diesem intensiven Wochenende, hat es bei mir den Damm gebrochen — die Tränen vor Erleichterung sind geflossen, und ich habe die Behinderung akzeptiert. Das war mein 180-Grad-Wendepunkt, es hat sich angefühlt, als wäre ein starkes Gewicht von mir genommen worden.

Der Kontakt zu Gleichgesinnten hat bei mir alles ausgelöst. Dass ich meine Behinderung endlich akzeptiert habe.

In diesem Kontakt habe ich z.B. auch verstanden, dass manche Eigenschaften, die ich für rein persönlich gehalten habe, eigentlich mit meinem Hörgeschädigt-Sein zu tun haben. Ich bin oft damit aufgezogen worden, dass ich bloß nichts verpassen will — FOMO eben (Anm.: Angst, etwas zu verpassen, von „Fear Of Missing Out“). Aber es ist bei uns in der Community bei fast allen so: Wir wollen möglichst viel mitbekommen, gerade weil wir akustisch ohnehin schon so vieles nicht mitkriegen. Das ist kein Charakterzug!

Ich war lange nachlässig mit mir selbst. Ich kam nicht auf die Idee, mich zu fragen: Bin ich aktuell wirklich zufrieden und glücklich mit meinem Leben, so wie ich es führe?

Dass ich meine Behinderung akzeptiert und mein Studium abgeschlossen habe, das waren für mich damals Wendepunkte. Und dann habe ich mich auch getraut, mich selbstständig zu machen.

Ohne meine Schwerhörigkeit wäre ich nicht die Person, die ich hier und heute bin. Dafür bin ich sehr dankbar.

Artemis Dimitriadis

5. Cringe Mountain — der Weg in die Sichtbarkeit

Birgit: Auf Instagram nennst Du es „Cringe Mountain überwunden“. Was meinst Du damit?

Artemis: Damit meine ich, den Weg sichtbar zu gehen — sichtbar zu sein in den sozialen Medien, über meine Hörbehinderung zu sprechen, sie zu akzeptieren und im Alltag darüber zu reden. Das ist mein Herzensprojekt geworden. Ich möchte über Missverständnisse aufklären und zeigen, dass Menschen mit Hörbehinderung andere Hörbedürfnisse haben und dass Inklusion möglich ist — weil ich mir wünsche, dass zukünftige Kinder nicht so viel leiden und sich so einsam fühlen müssen, wie ich es getan habe. Der steilste Teil meines Wegs war der Prozess 2023, als ich auf der Suche nach Gleichgesinnten war. Jetzt im Internet darüber zu reden, ist ein Teil meiner Aufarbeitung, irgendwie auch meiner Therapie.

Das Schweigen zu brechen und öffentlich darüber zu sprechen, ist Teil MEINES Heilungsprozesses, es ist MEINE Art, das Erlebte aufzuarbeiten.

Artemis Dimitriadis

Schwieriger war es, mich selbst mit meiner Schwerhörigkeit zu versöhnen — dafür habe ich 26 Jahre gebraucht.

Beides, die Versöhnung und das darüber Sprechen gehören zusammen, sie sind Teil meiner Reise.

Meine Hörgeräte verstecke ich nicht mehr — das hat sich über viele Jahre entwickelt. In meiner Jugend habe ich sie gar nicht getragen, während der Ausbildung und im Studium musste ich sie tragen, weil ich akustisch nicht hinterherkam. Dass ich sie heute offen trage und offen darüber spreche, ist erst seit 2023 so.

Birgit: Für wen sprichst Du?

Artemis: Ich spreche für mich selbst und für alle, die nach mir kommen — auch für Gleichgesinnte in meinem Alter, die vielleicht nicht die sozialen Kompetenzen entwickelt haben, die ich dank meiner Freunde und meiner Bilingualität habe. Ich möchte zeigen:

Es ist in Ordnung, anders zu sein.
Es ist in Ordnung, nicht gut zu hören.

Artemis Dimitriadis

Ich wünsche mir eine inklusivere Welt, in der Menschen mit Behinderungen nicht auf Kosten ihrer mentalen Gesundheit kämpfen müssen.

Birgit: Auf Instagram beschreibst Du Deinen „Hörakku“, der irgendwann leer ist. Was meinst Du damit? Und wie hast Du gelernt, Dir Grenzen zu erlauben?

Artemis: Ich konzentriere mich enorm beim Zuhören, mein Gehirn leistet eine große Arbeit, damit ich hinterherkomme. Manchmal gibt es Tage, an denen ich nicht gut genug geschlafen habe und mich nicht konzentrieren kann. Ich habe lernen müssen, auf meinen Körper zu hören, damit es mir nicht noch schlechter geht. Das habe ich erst seit dem Zugang zur Community gelernt — dass ich auf meinen Körper hören und meine Grenzen kommunizieren kann.

Als Kind habe ich eher gelernt, mich zu verstecken. Jetzt weiß ich besser damit umzugehen.

Wenn es zu viel ist, ist es zu viel.

Resilienz (Anm.: die Fähigkeit, schwierige Zeiten und Krisen zu bewältigen und sich davon wieder zu erholen) hilft mir persönlich sehr. Ich habe meine Glaubenssätze verändert, bin sanfter mit mir geworden. Und ich habe gelernt:

Ich muss nicht mehr alles mitkriegen, nicht überall dabei sein. Ich muss nicht alles verstehen, um dazuzugehören.


Ich gehöre dazu. So wie ich bin, mit meiner Identität und Persönlichkeit und dem, was ich geben möchte.

Artemis Dimitriadis

Im Wort dazugehören ist ja auch „hör“ drin. Deswegen hat dieses Wort auch eine schöne, besondere Bedeutung für mich.

6. Zwischen zwei Welten

Birgit: Du beschreibst Dich in einem Post als „zwischen zwei Welten“. Wie fühlt sich dieses Dazwischen an?

Artemis: Meine bikulturelle Identität ebenso wie meine Schwerhörigenidentität fühlen sich meistens an wie eine Bereicherung, wie ein eigener Raum. Aber mit „dazwischen“ meine ich: Als schwerhörige Person bin ich zu hörend für die Deaf Community und zu schwerhörig für die hörende Gesellschaft. Ich bin zu deutsch für die griechische Gesellschaft, zu griechisch für die deutsche. Man hat mich schon immer versucht, in Schubladen zu stecken, und ich hab‘ nicht immer reingepasst. Deswegen ist das mein eigener Standort.

In der griechischen Mentalität z.B. haben Behinderungen aus meiner Wahrnehmung kaum Sichtbarkeit. Als ich 2016 nach Deutschland gezogen bin, habe ich auf einmal so viele Menschen mit Behinderung im Alltag gesehen — ein krasser Unterschied zu Griechenland. Das merke ich bis heute, wenn ich dort darüber spreche: Die Menschen sind perplexer, wenn ich so offen mit meiner Behinderung umgehe, sie sind es nicht gewohnt, dass jemand scheinbar „so lässig, so cool“ damit umgeht. Aber ich habe dieses Narrativ für mich umgedreht — ich habe gemerkt, dass ich den Raum einnehme, je nachdem, mit welcher Energie und welchem Selbstbewusstsein ich hineingehe. Das gilt eigentlich für jede Person, egal ob mit oder ohne Behinderung.

Ich will nicht pauschalisieren, aber was mich am meisten schockiert hat ist, dass ich auch Ausgrenzung aus der Gehörlosen-Gesellschaft erleben musste, weil ich nicht fließend gebärden kann. Dabei ist es nicht mein Verschulden, dass ich den Zugang zur Deutschen Gebärdensprache erst so spät gefunden habe.

Die schwerhörige Community hat nicht so viel eigene Kultur wie die Gehörlosen-Community, weil sie sich eher anpassen kann — und von der Gesellschaft auch dazu gezwungen wurde.

Es ist kein einfacher Weg, mich zwischen diesen Welten bewegen zu müssen. Aber ich sehe es als Bereicherung, ich darf so viel darüber lernen — über das Leben, über Gruppen, Minderheiten, über die Welten an sich.

Birgit: Was war Dein entscheidender Schritt in diese Freiheit und Selbstbestimmtheit?

Artemis: Ich habe endlich verstanden, dass ich mich nicht länger selbst sabotieren wollte.


Ich bin verantwortlich für mein eigenes Glück. Dafür, dass mein Verstand ein angenehmes Zuhause sein soll.

Artemis Dimitriadis

Das war ein jahrelanger Prozess. Ich bin dankbar, dass ich heute selbstbestimmt arbeite, dass ich den Weg in die Selbstständigkeit gegangen bin, dass ich mir zutraue, eine Führungskraft zu werden — nicht trotz meiner Schwerhörigkeit, sondern mit ihr. Das habe ich vor ein paar Jahren nicht gekonnt. Aber das kommt nicht von irgendwoher, da steckt jahrelange Transformationsarbeit dahinter.

7. Was Selbstbestimmtheit heute bedeutet

Birgit: Weiß Deine Familie, wie offen Du heute auf Instagram über Deine Schwerhörigkeit sprichst? Wie reagiert sie darauf?

Artemis: Ja, meine Familie weiß, wie offen ich darüber spreche, und sie sind auch stolz darauf. Es ist nicht immer leicht, aber es ist MEIN Weg: Ich möchte mich nicht mehr so stark von meiner Familie beeinflussen lassen. Ich bin offener mit meinen Freunden als mit meiner Familie. Sie nehmen mich so, wie ich bin, und ich kann über alles reden, ohne das Mitleid erleben zu müssen, das ich von meiner Familie immer bekommen habe.

Trotzdem: Wenn zum Beispiel ein Familienmitglied aus Griechenland unter einem Beitrag von mir kommentiert „Du bist ja gar nicht behindert“, dann denke ich nur: Was soll dieser Kommentar? Ich habe eine Hörbehinderung, ich bin nicht hörend — sprich mir das doch nicht ab. Auch wenn die Person es lieb gemeint hat, ist genau das schwierig: dass mir jemand aus meinem nächsten Umfeld abspricht, was ich doch ganz offen zeige und worüber ich spreche.

8. Der Kampf um Anerkennung

Birgit: Auf Instagram sprichst Du eine bestimmte Situation an: Du verstehst etwas akustisch nicht und fragst nach — aber statt es zu wiederholen, sagt Dein Gegenüber so etwas wie „Ach, nicht so wichtig“ oder „Egal“. Magst Du dazu etwas sagen?

Artemis: Das begleitet mich bis heute, eigentlich mein ganzes Leben lang — in der Familie, im Kindergarten, in der Schule, in der Ausbildung, im Arbeitsleben. Ich kann mich gar nicht an einen einzelnen Moment erinnern, eher an eine Sammlung: ganz viele kleine Situationen aus verschiedenen Lebensphasen. Bis heute gibt es zum Beispiel Menschen in meinem näheren Umfeld, die gar nicht wissen, auf welchem Ohr ich besser höre. Daran merkt man, dass meine Schwerhörigkeit zwar immer klar war, aber dass nie wirklich darüber gesprochen wurde.

Ich gebe immer mein Bestes, um akustisch mitzukommen, aber mein Bestes reicht eben manchmal nicht aus. Deswegen: Wenn eine hörgeschädigte Person nachfragt, dann bitte: wiederhole es einfach. Wenn Du dann entscheidest, dass es „egal“ oder „nicht wichtig“ war, dann stößt mich das vor den Kopf. Für mich als nicht gut hörende Person ist das ein Affront und macht mich sauer.

Denn mir ist ja in dem Moment wichtig, Teilhabe zu haben. Ich möchte Dich hören, um Dich zu verstehen und ob Dein Gesagtes wichtig für mich ist, das möchte ich bitte selbst entscheiden dürfen. Ich mag es nicht, wenn mir diese Möglichkeit genommen und abgesprochen wird.

In diesen „Abblitz-Momenten“ geht es für mich zwar vordergründig ums Verstehen, aber emotional geht es um so viel mehr. Darum, dass Du mir etwas absprichst: meine Entscheidungsgewalt und meine Autonomie. Und ja, Du verletzt damit auch meine Würde.

Birgit: Uff, das hat Wucht, was so etwas achtlos Dahingesagtes auslösen kann. Was können wir Hörende im Umgang mit schwerhörigen Personen denn noch besser machen?

Artemis: Bewusster sein — aufs Mundbild schauen, ein bisschen deutlicher sprechen. Einfach mehr Sensibilisierung für hörgeschädigte Menschen. Und ich würde mir wünschen, dass die Gesellschaft offener wäre für die Deutsche Gebärdensprache, dass sie ein optionales Unterrichtsfach wäre. Das würde die Inklusion enorm ankurbeln, davon könnten wir alle profitieren.

Und wenn Dich etwas wirklich interessiert — zum Beispiel meine Stimme, die sich „besonders“ anhört — dann frag doch einfach vorher: „Ich hab eine Frage zu Thema xyz, darf ich sie Dir stellen?“ Dann kann ich entscheiden.

Grundsätzlich bin ich immer offen für solche Gespräche, wenn jemand mich direkt darauf anspricht — das zeigt mir ja, dass echtes Interesse dahintersteckt und keine Bewertung.

Birgit: Gibt es auch etwas, das Du als schwerhörige Person Hörenden voraushast? Was können wir von Dir lernen?

Artemis: Dazu habe ich ein schönes Beispiel: Auf einem Festival habe ich zwei Mädels kennengelernt. Wenn es um mich herum laut ist, neige ich mich der anderen Person im Gespräch ganz automatisch stark zu, bin ganz im Austausch, schenke meinem Gegenüber hundert Prozent Aufmerksamkeit, um es zu verstehen. Das haben die beiden auch genau so wahrgenommen und mir zurückgespiegelt. Sie waren richtig dankbar dafür.

Das macht einen Austausch sehr wertvoll. Wir hörgeschädigten Menschen haben eine ganz andere Körperkommunikation, z.B. geben wir viel intensiveren Blickkontakt, als Hörende ihn oft haben. Das wird von diesen oft als besonderes Geschenk in der Kommunikation mit uns wahrgenommen.

Ich musste meinen Intensivo-Blick aber auch schon erklären und richtigstellen, weil er von einem Gesprächspartner als Verliebtheit ausgelegt wurde …

Birgit: Passiert Dir selbst auch schon mal, dass Du im Umgang mit einer anderen Behinderung nicht sensibel genug reagierst?

Artemis: Ja, keiner ist perfekt, das geht auch mir so.

Ich war mal in einer Bar, hatte die Hände voll mit Shots, und mir stand ein Mann im Weg, der ziemlich betrunken wirkte und nicht zur Seite wich. Ich war genervt und hab gesagt: „Kannst Du Dich bitte mal zur Seite bewegen?“ Da sagt sein Kumpel: „Sorry, er ist blind.“

Mir war das total peinlich — genau das, was ich selbst so oft erlebe, ist mir da mit jemand anderem passiert.

Solche Begegnungen, in denen wir nicht sensibel genug reagieren, sind menschlich, das ist okay. Was aber wirklich von Stärke zeugt, ist, das reflektieren zu können und zu sagen: Ich hab daraus gelernt, nächstes Mal bin ich sensibler. Oder noch mal auf die Person zuzugehen und sich zu erklären, damit sie nicht mit einem schlechten Gefühl nach Hause geht.

Birgit: Du kämpfst seit Jahren darum, als schwerbehindert anerkannt zu werden. Was ist da passiert?

Artemis: Ich habe keinen Behindertenausweis. Es macht mich sauer und frustriert — schließlich habe ich mir die Behinderung nicht ausgesucht. Ich lebe seit meiner Kindheit damit, meine Diagnose besteht seit über 25 Jahren, und trotzdem muss ich immer wieder darum kämpfen, dass diese Einschränkung überhaupt anerkannt wird. Widerspruch, Klage — immer wieder muss ich beweisen, dass ich schwerhörig bin. Und das geht nicht nur mir so, ich kenne viele junge schwerhörige Menschen, die genau denselben Kampf führen. Für den deutschen Sozialstaat bin ich nicht behindert genug.

Die Folgen sind nicht nur finanzieller oder rechtlicher Natur. Das Schlimmste sind für mich die psychischen Folgen — dieser jahrelange Kampf hat bei mir zu enormem Stress geführt, teilweise zu Panikattacken. Er macht mich wütend, frustriert und tut einfach weh, und das alles wegen einer Behinderung, die ich mir nicht ausgesucht habe und die seit meiner Kindheit dokumentiert ist. Ich wünsche mir mehr Sensibilisierung und Anerkennung — mehr Verständnis dafür, dass Behinderung nicht immer sichtbar ist und dass Menschen nicht jahrelang kämpfen müssen, um zu beweisen, dass sie Unterstützung brauchen. Ich bin da kein Einzelfall, viele schwerhörige Menschen berichten von ähnlichen Erfahrungen.

Birgit: Du sprichst von Deinem eigenen Kampf um Anerkennung — merkst Du dabei auch Unterschiede, je nachdem, aus welchem sozialen oder familiären Hintergrund jemand kommt?

Artemis: Ja, absolut. Ich habe zum Beispiel eine Freundin, die auch schwerhörig ist und auf eine Förderschule gegangen ist — sie ist dadurch weniger angepasst als ich, die auf einer Gesamtschule war, obwohl wir eine ähnliche Hörkurve haben.

Das hat selbstverständlich auch mit Bildung und sozialen Kreisen zu tun. Und ehrlich gesagt: Meiner Familie geht es finanziell gut. Das macht einen Unterschied. Ich bin privilegiert, hatte Zugang zu Ressourcen und zu guten Hörgeräten. Dafür bin ich durchaus dankbar.

Jemand, der aus einem sozial schwächeren Milieu kommt, vielleicht aus einer Familie mit Migrationsgeschichte, die die Sprache nicht so gut kennt, hat es viel schwerer — die richtige Versorgung zu finden oder überhaupt zu verstehen, welche Unterstützung einem zusteht. Da gibt es noch einiges zu tun.

9. Botschaften nach vorn

Birgit: Was wünschst Du Dir von unserer Gesellschaft?

Artemis: Ich wünsche mir eine Gesellschaft, in der es keine Rolle mehr spielt, ob jemand hört, nicht hört oder anders hört, sondern einfach dazugeHÖRt.

Birgit: Was würdest Du einem Kind sagen, das gerade in einer Familie aufwächst, in der ein Anderssein weggeschwiegen wird?

Artemis: Du bist gut genug, so wie du bist. Anders sein ist okay, denn normal ist sowieso eine Illusion — wer hat bestimmt, was normal ist? Jeder Mensch ist individuell, jeder zählt, jeder darf seinen eigenen Weg gehen. Du bist gut genug.

Birgit: Und was würdest Du Erwachsenen sagen, die genau das bei sich selbst erkennen — ein Familiengeheimnis, über das nie gesprochen wurde?

Artemis: Hab Geduld mit dir selbst, hab Geduld mit deinem Umfeld und geh liebevoll mit dir um. Aufarbeitung ist möglich, es ist ein Prozess, und er ist nicht einfach — er erfordert viel Ehrlichkeit, auch zu den eigenen Dämonen. Ich habe realisiert, wie schwierig es ist, ehrlich zu sein, wenn man wie ich eine Verdrängungskünstlerin war. Such dir ein starkes soziales Umfeld, das dich auffängt und dich nicht verurteilt für deine Macken und Kanten, die uns eigentlich alle wunderschön machen.

Dazu gehört auch soziale Stärke — ohne meine Freunde hätte ich das nicht geschafft. Sie haben mir sehr viel Mut und Kraft gegeben, weil sie mich so akzeptiert haben, wie ich bin, und das hat mir wiederum Kraft gegeben, selbst zu mir zu stehen.

Da bin ich meiner Schwerhörigkeit sogar dankbar — sie wirkt für mich wie ein Empathiefilter, ich kann Menschen relativ schnell einordnen.

Was ich aber noch lerne: Reaktionen anderer nicht sofort persönlich zu nehmen. Wenn jemand nicht gut mit einer schwerhörigen Person umgehen kann, ist das erst mal menschlich — man hat ja nicht jeden Tag Kontakt dazu. Früher habe ich das total auf mich projiziert. Heute weiß ich: Wir nehmen Dinge zuerst persönlich, egal wie unpersönlich die Reaktion des anderen eigentlich gemeint war, und spiegeln uns gegenseitig dabei. Wichtiger ist, gemeinsam in den Dialog zu gehen — dann können wir uns wirklich verstehen. Das ist möglich.

Birgit: Wenn Du an Deine Oma denkst und an Dich selbst heute — was ist der eine Satz, der den Unterschied zwischen euren beiden Wegen am besten trifft?

Artemis: Meine Oma ist auf bedauerliche Weise ein Opfer ihrer Zeit gewesen. Und ich habe das Privileg, heute darüber aufklären zu können und darüber zu erzählen — mit den Werkzeugen, die ich habe, mit dem Internet, mit der technischen Versorgung, mit meiner Bildung, mit meinem Netzwerk.


Ich hoffe, dass ich etwas bewirken kann, damit keine weitere Familie so ein Generationentrauma erleben muss und kein weiteres Kind sich so isoliert fühlen muss wie ich damals.

Artemis Dimitriadis

Birgit: Das ist ein wunderbarer Schlusssatz, liebe Artemis. Ich danke Dir für dieses Gespräch, Deine Offenheit und Dein Vertrauen. Ich bewundere Dich sehr.

Artemis: Danke Dir, liebe Birgit, für die Möglichkeit, für Deine Geduld und für Deine Fragen. Es hat mir gutgetan, so offen mit Dir sprechen zu können. Ich habe über vieles richtig neu nachdenken müssen. Es hat mich weitergebracht, mit Dir zu reden. Danke dafür.
Und für alle Leser:innen: Wer mehr von mir erfahren möchte: Ich bin auf Instagram zu finden. Dort teile ich weiter, was mich bewegt. Ich freue mich immer über Austausch. Melde dich gerne, wenn dich etwas beschäftigt, du Fragen oder Themenvorschläge hast. 🩷

Birgit: Auch an alle Leser:innen: Danke Dir, dass du bis zum Ende gelesen hast. Kommentiere gerne unter diesem Blogartikel. Artemis und ich freuen uns über deine Reaktion und deine Gedanken zu unserem Gespräch. 💛

Artemis Dimitriadis – Interview über Generationentrauma
Über Artemis Dimitriadis

Artemis Dimitriadis, geboren 1996, ist zum Zeitpunkt des Interviews 29 Jahre alt. Sie ist bilingual (griechisch/deutsch) aufgewachsen. Sie selbst nennt es hä-linual. Sie lebt mit einer angeborenen, beidseitigen Schwerhörigkeit, diagnostiziert im Alter von dreieinhalb Jahren.

Ihre Kindheit verbrachte sie unter anderem in Thessaloniki. Richtig akzeptiert hat sie ihre Hörbehinderung erst mit 26 — ein Wendepunkt, der über den Kontakt zu anderen jungen schwerhörigen Menschen kam. Seitdem trägt sie ihre Hörgeräte offen und lernt Deutsche Gebärdensprache.

Auf Instagram (@arte_dimi) spricht sie unter dem Claim „Meine Welt klingt anders und das ist okay“ offen über das Leben mit Schwerhörigkeit — über Missverständnisse im Alltag, ihre eigenen Hörbedürfnisse und darüber, dass Anderssein kein Makel ist. Sie engagiert sich in der Community junger Menschen mit Hörbehinderung und setzt sich öffentlich für mehr Sensibilisierung und Anerkennung ein — auch für den oft mühsamen Weg zur amtlichen Anerkennung einer unsichtbaren Behinderung. Ihr Anliegen: dass niemand mehr so isoliert aufwachsen muss, wie sie es selbst getan hat.

Sie arbeitet als selbständige Community-Managerin, Content-Creatorin und KI-Trainerin. Sie hilft Einzel-Unternehmerinnen und Solo-Preneuren rund um ihr Online-Business und vermittelt KI-Kompetenzen. Hier geht‘s zu ihren Business-Profilen auf Instagram und LinkedIn.

Artemis folgt der Sonne um die Welt und lebt als digitale Nomadin zwischen Berlin, Helgoland, London, Bali und Griechenland.

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Buch „Eingefroren in der Zeit“ von Birgit Elke Ising

Eingefroren in der Zeit.
Ein guter Einstieg ins Thema Ahnentrauma. Du brauchst keine Vorkenntnisse. Nur Lust auf Geschichten. Skurrile Geschichten.

Deep Shit, mit Humor und Leichtigkeit erzählt.

„Wütend, witzig, weise.“
(Sven Rohde, ehem. Vorstand Kriegsenkel e.V.)

Birgit Ising mit Notebook
Wer schreibt hier eigentlich?

Hi, ich bin Birgit Elke Ising. Ex-Bank-Managerin, Coachin, Autorin, Speakerin und (improvisierende) Schauspielerin. Ich bin Expertin für Transformationsunterstützung. Mit kreativen Coaching-, Theater- und Schreib-Techniken helfe ich dir aus der Schwere ins Handeln.
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