Kritik an den eigenen Eltern? Wir dürfen. Sie hören nur selten zu.

Veröffentlicht am Kategorisiert als Kriegsenkel & Ahnentrauma
Kritik an den eigenen Eltern - Ergebnisse der Umfrage

83 von 114 Menschen (73 %) fällt es schwer, mit Vater oder Mutter über das zu reden, was in Kindheit und Jugend wehgetan hat – fast jede:r Zweite findet es sogar extrem schwierig.

Das ist das Ergebnis meiner Umfrage im September 2026, in der ich gefragt habe: Darfst du Kritik an den eigenen Eltern üben?

Die, die es trotzdem wagen, erleben zu drei Vierteln nur eins: Abwehr.

Du sitzt am Telefon. Der Satz über das, was richtig wehgetan hat (und vielleicht immer noch schmerzt) liegt dir schon auf der Zunge. Und dann sagst du wieder nur:

„Ist schon okay, Mama.“

Kennst du? Ich auch.

Warum ich das wissen wollte

Ich hab‘ mir diesen Satz jahrelang selbst gesagt. „Ist schon okay.“ Auch wenn es überhaupt nicht okay war. Bei meiner Mutter lief es immer gleich: Sagte ich, was mich als Kind verletzt hat, kamen ihre Tränen. Und plötzlich ging es um sie. Nicht um mich. Ein echtes Gespräch gab es nie – und irgendwann hab‘ ich aufgehört, es zu versuchen.

Und weil mir genau das in meinem Coaching auch ständig begegnet, wollte ich wissen: Geht das nur mir und meinen Klientinnen so? Oder uns allen?

Dürfen wir unsere Eltern kritisieren? war meine Ausgangsfrage. Aber dahinter stecken noch ganz andere, die ich noch viel interessanter finde: Warum ist das so schwer? Was riskieren wir – und lohnt es sich? Und was ist mit der Hoffnung, dass die Kritik etwas bewirkt – dass die Eltern es endlich verstehen?

Vorher: meine Wette

Bevor überhaupt die erste Antwort da war, hatte ich meine eigene Vermutung formuliert:

Meine Hypothese:
„Bei 80 % meiner Befragten ist es so: Sie dürfen ihre Eltern nicht kritisieren, ohne als undankbar zu gelten – und selbst wenn sie’s versuchen, hören die Eltern meist nicht zu, sondern machen daraus ihr eigenes Thema. Deshalb ändert sich am Ende so gut wie nie etwas. – Sie hoffen aber weiter …“

Nachher: oopsi! Halb Volltreffer, halb Bauchklatscher

Volltreffer Nr. 1: Es ist schwer.

Ich hatte auf 80 % gewettet. Insgesamt sind es 73 %, denen es schwerfällt, mit Vater oder Mutter über das zu reden, was wehgetan hat. Und bei meinen Kernleserinnen, die bis Mitte September geantwortet haben, sind es 81 % – fast punktgenau meine Wette.

Volltreffer Nr. 2: Die Eltern machen es zu ihrem Thema und hören nicht zu.

Das stimmt. Sogar noch krasser, als ich dachte. Dazu gleich mehr in Erkenntnis 3 und Erkenntnis 4.

Bauchklatscher Nr. 1: Das Verbot von außen?

Ich dachte: Wir kritisieren unsere Eltern nicht, weil wir sonst als undankbar gelten würden. Weil es verboten ist – von den Eltern, von der Familie, vom vierten Gebot.

Pustekuchen. Das Wort „undankbar“ taucht in 114 Antworten nur ein einziges Mal auf. Und ein ausdrückliches Verbot – „Eltern kritisiert man nicht“, „Du sollst Vater und Mutter ehren“ – nennen nur 6 von 108 Menschen als Grund, warum sie schweigen.

Warum schweigen dann alle anderen? Weil sie sich vorher selbst stoppen:

  • Rund 4 von 10 wissen schon, was kommt:
    Tränen, Rollentausch, „Das bildest du dir ein“. Also fangen sie gar nicht erst an.
  • Rund 2 von 10 wollen ihre Eltern schonen:
    Sie sind alt, krank, haben selbst so viel durchgemacht.

Da steht heute meist niemand mit erhobenem Zeigefinger. Das Verbot wird nur selten ausdrücklich ausgesprochen. Viel häufiger haben wir längst gelernt, was passiert, wenn wir reden – und stoppen uns vorher selbst.

Wir dürfen schon. Wir verbieten uns die Kritik an unseren Eltern selbst – weil wir die Reaktion schon kennen und weil wir unsere Eltern nicht verletzen wollen.

Bauchklatscher Nr. 2: Sie hoffen aber weiter?

Meine Hypothese war: Die meisten hoffen weiter. Das ist falsch!

Ich vermutete, die Menschen klopfen weiter an die emotionale Tür ihrer Eltern, obwohl längst klar ist: Diese Tür ist zu, sie geht nicht auf! Stattdessen zeigt sich: ganz viel Loslassen. Und zwar nicht bei ein paar Leuten – bei der Hälfte.

Nur 18 % sagen, dass sie sich heute immer noch wünschen, dass ihre Eltern es endlich verstehen. 84 % derer, die es versucht haben, haben es mehrmals versucht – die meisten, obwohl sie dabei immer wieder Abwehr erlebt haben. Ob dahinter jedes Mal Hoffnung steckte, habe ich nicht gefragt. Aber aufgegeben hatten sie das Gespräch offenbar noch nicht.

Doch viele haben damit aufgehört.

Krass? Krass.

Nur eine Person schrieb ausdrücklich, sie habe resigniert. Für mich schwingt bei Resignation mit, innerlich weiter zu warten, sich aber äußerlich zu fügen.

Wirkliches Loslassen ist etwas anderes. Es bedeutet: Ich warte nicht mehr auf dich. Ich habe verstanden, dass ich nicht mehr warten muss. Genau das beschreiben viele in ihren Antworten. Für mich entsteht hier das Bild eines riesigen Tors zur Freiheit!

Nicht alle sind freiwillig hindurchgegangen. Bei manchen hat erst der Tod der Eltern das Tor aufgestoßen, bei anderen die Erschöpfung. Dazu gleich mehr.

Trotzdem macht es mich stolz und hoffnungsfroh, schwarz auf weiß zu sehen, wie viele Menschen jenseits ungesunder Familienstrukturen doch noch ihre Stärke und ihren inneren Frieden finden.

Was mich sonst noch überrascht hat

Es gibt mehr als Hoffen und Loslassen: Viele liegen „dazwischen“.

Bei 31 % der Teilnehmer:innen (33 von 105, die diese Frage beantwortet haben) liegt der Umgang mit ihrer Kritik an den eigenen Eltern irgendwo zwischen Hoffnung und Loslassen.

Aber was heißt das?

Da sind vier verschiedene Wirklichkeiten, die sich in meine Antwortoption „Was dazwischen“ gequetscht haben:

  1. Bei einem Elternteil ist es vorbei, beim anderen nicht – weil zum Beispiel der Vater tot ist, aber die Mutter noch lebt. Fast die Hälfte der „Dazwischen“-Gruppe (16 von 33) hat noch genau ein lebendes Elternteil.
  2. Bei anderen ist „Loslassen“ gar nicht gewählt, sondern erzwungen: durch Demenz, durch den Tod. Kein Frieden. Eher ein: Es geht nicht mehr anders.
  3. Wieder andere verstehen ihre Eltern inzwischen – und sind trotzdem wütend. Beides gleichzeitig, kein Widerspruch.
  4. Und manche haben den Wunsch einfach verschoben: weg von den Eltern, hin zu sich selbst. „Ich wünsche mir für mich, dass ich loslassen könnte“, schrieb mir Elli. Nicht mehr die Eltern sollen sich ändern. Sie selbst will ankommen.

Eine Person hat es auf den Punkt gebracht: „Schon wieder so unzureichende Antwortmöglichkeiten“ schrieb sie anonym. Stimmt. Meine Antwortkästchen reichten nicht aus für das, was Familien mit uns machen.

Meine Methodik

Zur Umfrage:

Zur Teilnahme aufgerufen habe ich mit diesem Text:

Du sitzt am Telefon. Der Satz liegt dir schon auf der Zunge – über das, was dir damals wehgetan hat. Und dann sagst du doch wieder nur „Ist schon okay, Mama.“ Kennst du das? Ich frage mich schon lange: Wie vielen von euch geht’s so? Hast du dich schon mal getraut, deinen Eltern zu sagen, was in deiner Kindheit oder Jugend richtig schwer oder doof war – und was ist danach passiert?

Diese Umfrage ist für dich, wenn „Ich kann nicht mehr“ ein Satz ist, den du schon oft gedacht hast. Wenn du überverantwortlich bist – nicht, weil dir das einer gesagt hätte, sondern weil du als Kind ganz genau gespürt hast, was gebraucht wird, und einfach geliefert hast. Immer und immer wieder. Und egal, ob deine Eltern noch leben oder nicht: Wenn zwischen euch noch was Unausgesprochenes steht, bist du hier richtig.

Zeitraum:9. bis 28. September 2026
Teilnehmer:innen:114
Umfrage-Plattform: Tally

Art der Umfrage: Die Umfrage war anonym, mit Vorname, vollem Namen und mit Verlinkung möglich. Es ist keine repräsentative Erhebung, dies ist keine Studie. Es ist eine Befragung in meinem eigenen Umfeld – bei Menschen, die sich mit dem Thema schon beschäftigen.

Aufruf: Zur Teilnahme eingeladen habe ich über meinen Newsletter, meinen WhatsApp-Status, Social Media (Instagram, LinkedIn, Facebook und in Kriegsenkel-Gruppen). Zusätzlich wurde sie geteilt von:
→ meiner lieben Schreibfreundin und Kollegin Susanne Barth in ihrem Newsletter, größtenteils unter Frauen mit transgenerationalem Trauma- oder Kriegsenkel-Hintergrund und
→ meiner Blog-Mentorin Judith Peters, in ihrem Blogartikel „SEOptember 2026: mach mit bei über 50 Umfragen!“

Wer mitgemacht hat:

  • 81 % der Teilnehmer:innen sind 50 oder älter, fast die Hälfte ist zwischen 60 und 69.
  • Ihre Eltern: 80 % der Mütter und 83 % der Väter sind vor 1950 geboren – Kriegskinder oder noch älter.
  • Das typische Bild dieser Umfrage ist eine Frau um die 60, deren Mutter heute um die 90 ist.
  • Bei 30 % leben beide Eltern nicht mehr.

Was ich dazu sagen muss: Mitte der Umfrage, am 17. September, hab‘ ich in meinem Newsletter ausdrücklich die eingeladen, denen das Reden mit den Eltern leichtfällt. Ich wollte kein einseitiges Bild. Und es hat funktioniert: Danach kamen merklich andere Antworten. Bis zum 16.09. fanden 81 % das Reden schwer – danach nur noch 57 %. Die Zahlen in diesem Artikel sind die Gesamtzahlen aus allen 114 Antworten.

Mein eigenes Interesse: Ich bin Coachin für Frauen mit transgenerationalem Trauma und bin selbst Kriegsenkelin. Ich kenne das Thema also von beiden Seiten des Tisches. Viele der Geschichten, die die Menschen in dieser Umfrage teilten, sind mir nicht fremd. Ich kenne sie aus meiner Praxis – und jetzt haben wir sie hier, freiwillig und schwarz auf weiß.

Erkenntnis 1: 7 von 10 finden es schwer, mit ihren Eltern über das zu reden, was wehgetan hat

83 von 114 (73 %) sagen: es ist schwer oder extrem schwer, den Eltern reinen Wein einzuschenken. Nur 9 (8 %) sagen: es ist leicht.

Am härtesten trifft es die, die es sich nie erlaubt haben. 12 Menschen haben angekreuzt: „Nein, das hab ich mir nie erlaubt.“ und alle 12 finden es extrem schwer.

Eltern kritisiert man nicht.

Teilnehmerin, anonym

Was das für dich heißt: Wenn dir deine Wahrheit im Hals stecken bleibt, bist du nicht feige. Du bist in der Mehrheit. Und bevor du dich das nächste Mal fragst, ob du es ansprichst, frag dich lieber: Was genau will ich hören? Schreib es auf und frag dich dann, warum dir das noch immer so wichtig ist.

Erkenntnis 2: Fast alle wollen, dass ihre Stimme vorkommt – aber nur jede:r Zehnte mit vollem Namen.

Fast alle wollten, dass ihre Stimme vorkommt: 107 von 114 (94 %) haben mir erlaubt, sie zu zitieren. Aber nur 11 wollten dabei mit vollem Namen genannt werden. Von den 107, die mir das Zitieren erlaubt haben, wollten 96 dabei nicht mit vollem Namen genannt werden.“

Fast alle wollen gehört, aber nur jede:r Zehnte erkannt werden.

In einer Umfrage, die niemand aus ihrer Familie je zu Gesicht bekommt. Klar: Viele bleiben im Netz auch sonst lieber anonym.

Und einige Antworten zeigen: Dabei geht es offenbar um mehr als Datenschutz:

Meine Eltern zu kritisieren fühlte sich an, wie ein Sakrileg; das macht man einfach nicht.“

Teilnehmerin, anonym

Außerdem hatte es sich wie Verrat angefühlt –
alleine das denken darüber.

Heidi

Einfach weil Alles, was in der Familie schief lief,
untern Tisch gekehrt wird und tabu ist.

Mascha

Verrat. Sakrileg. Tabu. Unter den Tisch gekehrt. Das sind keine Worte für ein schwieriges Gespräch, das sind Worte für einen Verstoß gegen ein ungeschriebenes Familiengesetz. Genau so kann transgenerationales Trauma funktionieren: Was nicht ausgesprochen werden darf, wird nicht bearbeitet. Und was nicht bearbeitet wird, wird weitergegeben.

Was das für dich heißt: Wenn es sich für dich wie Verrat anfühlt, auch nur darüber nachzudenken, deine Eltern zu kritisieren, dann ist das kein Zeichen dafür, dass du etwas Falsches tust. Es ist ein Zeichen dafür, wie alt und wie stark diese Familienregel ist. Du musst sie nicht gleich brechen. Aber du darfst sie von jetzt an sehen.

Erkenntnis 3: Bei 3 von 4 kommt nur Abwehr – die häufigste heißt Rollentausch

87 Menschen haben es mindestens einmal versucht, mit ihren Eltern zu reden. Das haben sie erlebt (Mehrfachnennungen waren möglich):

Reaktion von Mutter oder VaterAnteil
hat sich verteidigt / Rollentausch („Ich hab doch alles für dich getan“)47 %
hat abgewiegelt („So schlimm war’s doch nicht“)43 %
hat geschwiegen oder das Thema gewechselt41 %
wurde wütend oder beleidigt33 %
hat sich entschuldigt oder Verständnis gezeigt17 %
hat wirklich zugehört, war berührt15 %

Pro Person zusammengezählt: 67 von 87 (77 %) erlebten ausschließlich Abwehr. Bei 10 kam beides, Zuhören und Abwehr.

Nur bei 10 Menschen kam ausschließlich Zuhören oder Verständnis.

Wirklich zugehört, ohne dass im selben Atemzug abgewehrt wurde? Bei 5 von 87.

Und jetzt kommt’s: Von den 73, die es mehrmals versucht haben, ein Gespräch zu beginnen, haben 55 dabei nie etwas anderes als Abwehr erlebt. Und es trotzdem wieder versucht. Und wieder. Und wieder.

Meine Mutter hat dann oft angefangen zu weinen und gesagt: Ja, ich weiß, ich habe alles falsch gemacht. Dabei wollte ich doch nur über mein Erleben sprechen und sie gar nicht anklagen.

Hilkea Knies

Die Kriegsgeneration schweigt, die Kriegskinder rechtfertigen sich

In den Antworten unterscheidet sich weniger, OB Eltern abwehren – auffälliger ist, WIE sie abwehren.

Rollentausch erlebten:

  • 25 %, wenn die Eltern im Schnitt vor ca. 1932 geboren sind.
  • 47 %, wenn sie aus den 1930er-Jahrgängen stammen.
  • 59 %, wenn sie in den 1940ern geboren sind.

Die Eltern der ältesten Jahrgänge – viele haben den Krieg schon als Jugendliche oder junge Erwachsene erlebt – schweigen eher (56 %). Die Kriegs- und Nachkriegskinder der 1930er- und 1940er-Jahrgänge dagegen gehen in die Rechtfertigung: „Weißt du eigentlich, wie schwer ich es hatte?“

Eine mögliche Erklärung: Ihr eigenes Leid ist so groß, dass für das Leid ihrer Kinder kein Platz mehr bleibt. Für mich steckt darin transgenerationales Trauma in einer einzigen Zahlenreihe.

Was das für dich heißt: Wenn du das Gespräch suchst, rechne mit Rollentausch. Nicht, weil du’s falsch anfängst. Sondern weil es die häufigste Reaktion überhaupt ist. Nimm dir einen Satz mit, der dich zurückholt, wenn’s kippt. Zum Beispiel: „Mama, ich will gerade nicht über dich reden. Sondern über mich.“

Erkenntnis 4: Die Hälfte hat losgelassen – oft erst, als das Reden noch mal wehgetan hat

Wie sieht dein Wunsch an deine Eltern heute aus? 105 Menschen haben auf diese Frage geantwortet:

  • 50 % haben ihn losgelassen.
  • 31 % stehen irgendwo dazwischen.
  • 18 % wünschen es sich immer noch.

Ich hatte Trotz-Hoffnung erwartet. Menschen, die weiter klopfen, obwohl die Tür längst zu ist. Stattdessen: die Hälfte hat losgelassen.

Aber wann? Und warum?

Zwei Dinge fallen auf.

Erstens: der Tod. Sind beide Eltern gestorben, haben 64 % losgelassen. Leben beide noch, sind es 48 %. Ob der Tod der Grund für das Loslassen war, habe ich nicht gefragt. Aber einige Antworten zeigen: Manchmal ist Loslassen keine freie Entscheidung. Es ist das, was übrig bleibt, wenn keine Klärung mehr möglich ist.

Ich mußte es loslassen, Klärung geht ja nicht mehr.
Es war bis zu ihrem Tod sehr belastend.

Mascha

Zweitens: die zweite Verletzung. Ich hab‘ gefragt, welcher Moment der schwierigste war.

19 von 90 Menschen beschreiben nicht das ursprüngliche Erlebnis in ihrer Kindheit als den schwierigsten Moment, sondern das spätere Gespräch darüber.

Das finde ich bemerkenswert. Denn es zeigt: Nicht nur das, was damals passiert ist, kann verletzen. Auch der spätere Versuch, darüber zu sprechen – und dabei wieder nicht gehört, verstanden oder ernst genommen zu werden – kann zu einer weiteren Verletzungen werden.

Und vielleicht erklärt das auch diese Zahl: Von diesen 19 Menschen hofft heute nur noch eine einzige Person darauf, von den Eltern noch verstanden zu werden.

Sie hörte sich das an, aber es kam nichts wirklich an.
Das verletzte mich dann quasi erneut.

Nika

Ob genau diese zweite Verletzung der Grund dafür war, dass sie losgelassen haben, weiß ich nicht. Aber der Zusammenhang fällt auf: Von diesen 19 wünscht sich heute nur noch eine einzige Person, dass die Eltern es doch noch verstehen.

Und dann ist da noch ein Befund, den ich immer noch nicht ganz verdaut habe. 16 Menschen haben den Kontakt zu einem Elternteil dauerhaft abgebrochen. Fast alle von ihnen – 14 – hatten es vorher mehrmals mit einem Gespräch versucht. Und 4 von ihnen wünschen sich bis heute, dass ihre Eltern es verstehen. Das klingt nach wenig. Anteilig ist es aber mehr als in jeder anderen Gruppe. Die Gruppe ist klein, darum ist das keine Regel, sondern eine Beobachtung. Aber eine, die mir zu denken gibt: Kontaktabbruch ist nicht unbedingt das Ende der Hoffnung. Manchmal ist er nur das Ende der Versuche.

Was das für dich heißt: Loslassen ist kein Versagen. Weiterhoffen auch nicht. Die Frage ist nicht, ob Mama oder Papa es irgendwann kapieren. Die Frage ist, ob du darauf warten willst. Und wie viele Verletzungen dir diese Hoffnung noch wert ist. Und wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, dass es noch kommt.

Die Stimmen: was mir am meisten hängen geblieben ist

114 Menschen haben nicht nur Kreuzchen geschickt, sie haben mir Geschichten erzählt. Viele davon so offen, dass ich beim Lesen erst mal aufstehen und ans Fenster gehen musste. Das alles passt nicht in einen einzigen Artikel. Deshalb bekommt jede der großen offenen Fragen einen eigenen – aber hier schon mal ein kleiner Vorgeschmack.

Zu den Zitaten: Ich habe sie wörtlich übernommen, mit allen Ecken und Kanten. Und nur so, wie die Menschen es freigegeben haben.

Nur 11 von 114 wollten mit vollem Namen genannt werden. Alle anderen bleiben lieber unerkannt – und haben trotzdem ihre ganz persönlichen Geschichten geteilt. Danke an alle, die sich mir so vertrauensvoll geöffnet haben. 💛

Warum wir schweigen: Wir kennen die Reaktion schon

Meine Frage war: „Was hält oder hielt dich davon ab, alles zu sagen, was du eigentlich sagen wolltest?“

Rund 4 von 10 halten nicht den Mund, weil sie Angst vor dem Gespräch haben – sondern weil sie genau wissen, wie es ausgeht. Das Wort „Opfer“ schreiben 9 Menschen von sich aus.

Da kamen sofort Tränen und ach,
wie schwer sie es doch hatte,
aber sie hat ja alles für mich getan etc.
Da kann man ja nicht normal weiterreden.

Teilnehmerin, anonym

→ Mehr dazu bald in Teil 1 der Zitateserie:
Warum wir unseren Eltern nicht alles sagen
[Link folgt, sobald online]

Der schwierigste Moment: als Erwachsene wieder klein

Meine Frage war: „Erzähl mir von dem Moment, der für dich am schwierigsten war – egal ob beim Reden oder beim Nicht-Reden.“

Und jetzt als erwachsene Frau von fast 60 Jahren gab sie mir das gleiche Gefühl wie damals als Kind: sie entscheidet und sie weiß, wie es für mich zu sein hat.

Susanne
(Nachname unbekannt)

→ Mehr dazu bald in Teil 2 der Zitateserie:
Die schwierigsten Momente
[Link folgt, sobald online]

Was wir uns gewünscht hätten: oft nur ein einziger Satz

Meine Fragen waren: „Was hättest du dir damals von deinem Elternteil gewünscht?“ und „Magst du zu deinem Wunsch mehr erzählen?“

Jede Zweite wünscht sich, gehört, gesehen oder verstanden zu werden. Eine Entschuldigung wünschen sich nur 10 von 96. Und viele würden sich mit einem einzigen Satz zufriedengeben.

Dass das, was ich sage, nicht irgendwie kommentiert wird, sondern einfach ein: ja, das muss wirklich schwer für dich gewesen sein!

Iris

→ Mehr dazu bald in Teil 3 der Zitateserie:
Was wir uns von unseren Eltern gewünscht hätten.
[Link folgt, sobald online]

Wie wir heute damit umgehen: um die Eltern herum

Meine Frage war: „Hast du für dich einen Weg gefunden, mit dem Thema umzugehen? Wie sieht er aus?“

Nur 5 von 106 nennen weitere Gespräche mit den Eltern als ihren Weg. Die anderen Wege führen eher über Abstand, Therapie, Schreiben oder den Blick auf die Geschichte der Eltern. Und manche haben ihren Weg noch gar nicht gefunden.

Dieses Zitat zeigt in zwei Sätzen, worum es in meiner ganzen Arbeit geht:

Nein, ich habe keinen Weg gefunden. Und zwischen meiner Tochter und mir herrscht Sprachlosigkeit.

Gabriele

Und manchmal reicht die Sprachlosigkeit bis in die nächste Generation.

→ Mehr dazu bald in Teil 4 der Zitateserie:
Wie wir heute damit umgehen – meist ohne unsere Eltern.
[Link folgt, sobald online]

Und es gibt sie doch: die Gegenstimmen

Nicht alle haben Abwehr erlebt. Und nicht alle finden meine Fragen gut. Beides gehört hierher.

Bei meinen Eltern kann ich sagen: Eltern können sich ändern. […] Unser Verhältnis hat sich geändert, weil ICH Therapie gemacht habe und dadurch die Trigger erkennen konnte, die ich gesetzt habe.

Hilkea Knies

Ich finde die Umfrage ehrlich gesagt sehr einseitig gestellt. Wahrscheinlich aus deiner Sichtweise heraus.

Teilnehmerin, anonym

Touché. Und genau deshalb hab‘ ich am 17. September nach der anderen Seite gefragt.

Mein Fazit nach 114 Antworten: Finde einen guten Weg für dich!

Die Frage ist nicht, ob wir unsere Eltern kritisieren dürfen.

Die Frage ist, ob wir aufhören können,
auf die Antwort zu warten, die wir uns wünschen.
Und ob wir dann sehen, was sie uns trotzdem geben konnten – und vielleicht noch geben können.

Die größte Kunst aber ist, mit all dem umzugehen und einen guten Weg für sich selbst zu finden.

Birgit Elke Ising

Was ich trotz dieser Umfrage noch nicht weiß

  • Ist Loslassen Frieden oder Aufgeben? Meine Antwortoption „losgelassen“ trennt das nicht. Und die Antworten zeigen: Beides steckt drin.
  • Muss man überhaupt reden wollen? Eine Teilnehmerin fragt anonym: „Ist ein distanziert, höfliches, einseitig verantwortungsvolles Verhältnis nicht ebenso ein Schutz wie ein Kontaktabbruch?“ Gute Frage. Ich hab‘ keine Antwort.
  • Ging es dir nach dem Tod deiner Eltern besser? War es eine Befreiung? Diese Fragen hat mir Esther mitgegeben. Ich hab‘ sie nicht gestellt. Beim nächsten Mal stelle ich sie. Riecht nach einem weiteren Wespennest-Tabuthema.
  • Kontaktabbruch. Mehr als die Hälfte hat den Kontakt zu einem Elternteil schon mal abgebrochen, 16 Menschen dauerhaft. Was waren die Auslöser? Was macht der Kontaktabbruch mit Menschen? Wie reagiert das Umfeld? Ist die Frage nach der Schuld zulässig? Ein eigenes, breites Themenfeld – und definitiv eine eigene Umfrage wert.
  • Wie hätten Leute geantwortet, die deutlich jünger sind als meine Teilnehmer:innen? Liegt das an einer bestimmten Generation oder sind solche Gespräche mit Eltern IMMER schwierig?

Und jetzt du

Wenn du bis hierhin gelesen hast, ahne ich, warum. Deshalb eine Frage zum Mitnehmen:

„Welchen Satz hättest du gern von deiner Mutter oder deinem Vater gehört?“

Schreib ihn auf. Nur für dich. Oder in die Kommentare, wenn du magst.

Die vier Teile der Zitateserie mit den Geschichten hinter den Zahlen erscheinen in den nächsten Wochen.

Wenn du wissen willst, wie es weitergeht: Ich schicke die Teile 1 bis 4 an alle in meinem Newsletter. Verpasse keinen. Abonniere meinen Newsletter – jeden Freitag kostenlos!


Und wenn du merkst, dass dich das Thema nicht loslässt: Genau damit arbeite ich in meinem Coaching.

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MUT STATT MÄH!

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„Wütend, witzig, weise.“
(Sven Rohde, ehem. Vorstand Kriegsenkel e.V.)

Birgit Ising mit Notebook
Wer schreibt hier eigentlich?

Hi, ich bin Birgit Elke Ising. Ex-Bank-Managerin, Coachin, Autorin, Speakerin und (improvisierende) Schauspielerin. Ich bin Expertin für Transformationsunterstützung. Mit kreativen Coaching-, Theater- und Schreib-Techniken helfe ich dir aus der Schwere ins Handeln.
Mehr über mich erfährst du hier.

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