„Sie macht sich sofort zum Opfer“: Wenn Eltern mit Tränen und Schuldumkehr reagieren

Veröffentlicht am Kategorisiert als Kriegsenkel & Ahnentrauma
Birgit Elke Ising neben einem älteren Elternpaar, dazu der Text „Sie macht sich sofort zum Opfer“ – O-Töne zur Kritik an den eigenen Eltern

O-Ton-Serie · Teil 1 · Artikel 1/10  Anvertraut von 117 Menschen in meiner Umfrage

Wie geht es uns mit Kritik an den eigenen Eltern? Die Zahlen dazu findest du in der Auswertung. In dieser Serie kommen die Menschen selbst zu Wort. Dieser Artikel gehört zu Teil 1: Mit Eltern über die Kindheit reden: 10 Gründe, die uns hindern, alles zu sagen. Alle Teile und Artikel der Serie findest du im Überblicks-Kasten am Ende dieses Artikels.

Du sitzt bei Muddi am Küchentisch, der Kaffee ist schon kalt, und endlich sagst du den Satz, den du seit Wochen im Kopf hin und her schiebst. Du sprichst an, was dir wichtig ist und schon fließen die Tränen. Du möchtest darüber reden, was für dich nicht so toll war oder ist und deine Mutter weint. Sofort hast du ein schlechtes Gewissen und bereust, überhaupt mit dem Thema angefangen zu haben.

Ich kenne das so gut. Selbst immer wieder erlebt. Kaum ausgesprochen, ging es nicht mehr um mich, sondern darum, was Mama alles für mich getan hat, dass sie es nur gut gemeint hat, ich undankbar sei – und die ganze Szenerie drehte sich: Ich musste mich entschuldigen. Ich war eine schlechte Tochter. Und Mama sagte: „Ja, ja. Ich weiß. Ich bin eine ganz furchtbare Rabenmutter …“

Dabei wollte ich da gar nicht hin. Ich wollte doch nur erzählen, wie es mir damals ging.

Was du zu hören bekommst

„Ich habe doch alles für dich getan“

Das ist eines der häufigsten Muster in meiner Umfrage. 25 Menschen beschreiben es, als ich frage, was sie davon abhält, alles zu sagen. Neun schreiben von sich aus das Wort „Opfer“. Und fünf zitieren denselben Satz, mal wörtlich, mal sinngemäß. Du ahnst schon, welcher: „Ich habe doch alles für dich getan.“

Wenn du es doch ansprichst …

Mutter

Ja, ich weiß, ich habe alles falsch gemacht.

Nr. 75 · aufgeschrieben von Hilkea Knies

Mutter

Wenn du uns nicht gehabt hättest …

Nr. 57 · sinngemäß, anonym

Eltern

Ihr bringt mich noch ins Grab.

Mein Herz!

Das halte ich nicht mehr aus.

Ich habe doch alles für dich getan.

Nr. 24 · aufgeschrieben von Elli

Mutter

Ich hatte es so schwer.

Ich habe doch alles für dich getan.

Nr. 35 · sinngemäß, anonym

Mutter

Ich mache keine Fehler. Nie!

Du bist zu empfindlich.

Nr. 22 · sinngemäß, anonym

Du

…

und am Ende tröstest du sie.

Warum sich deine Mutter zum Opfer macht

Das Tragische daran: Oft stimmt es sogar. Viele unserer Mütter haben es wirklich schwer gehabt. Krieg, Flucht, Hunger, Gewalt, Männer oder Väter, die nicht oder anders zurückkamen. Niemand hat sie je gefragt, wie es ihnen damit geht. Sie mussten funktionieren. Weitermachen.

Und da ist noch etwas: Scham. Du sagst: „Das hat mich damals verletzt.“ Und deine Mutter hört: „Du warst eine schlechte Mutter.“ Schuld hieße: Ich habe etwas falsch gemacht. Scham heißt: Ich bin falsch. Das hält kaum jemand aus – und schon gar nicht eine Frau, die ihr Leben lang funktionieren musste. Also weint sie. Und das Gespräch ist vorbei, bevor es angefangen hat.

Nur: Wenn du heute mit deiner Geschichte kommst, schwimmt ihre Geschichte plötzlich wieder obenauf, bahnt sich ihren Weg, wird lauter. Und du machst, was du schon als Kind gemacht hast: Du beruhigst und relativierst, bis du dich sagen hörst: „Ist ja nicht so schlimm.“

Und plötzlich tröstest du die, von der du Trost gebraucht hättest.

Wie sich das anfühlt, beschreiben diese Stimmen:

O-Töne aus der Umfrage

„Sie macht sich sofort zum Opfer“

“

Meine Eltern konnten nicht damit umgehen. Sie wurden dann selber sehr traurig. Oder sie haben es herunter gespielt. Oder haben versucht zu trösten, indem sie mir irgendwelche Geschichten erzählen, die gar nichts damit zu tun haben. Im Endeffekt hatte ich das Gefühl, ich muss meine Eltern beruhigen und ihnen sagen, dass das auch alles gar nicht so schlimm ist.

Nr. 3 · Elke

“

[…] Immer sieht sie sich als Opfer und versteht nicht welche Reaktionen sie hervorruft mit dieser Haltung.

Nr. 17 · anonym

“

Es gibt immer Drama und Tränen und Sätze wie: „Ihr bringt mich noch ins Grab“, „Mein Herz“, „Das halte ich nicht mehr aus“, „Ich habe doch alles für dich getan“. Oder Schweigen und Themawechsel.

Nr. 24 · Elli

“

[…] Ich meinte das später zu ihr: „Wir sind keine Freunde. Ich brauche dich jetzt gerade als meine Mama.“
Was ich damit meinte? Wohl etwas wie: dass sie aufhören soll sich in einer Opferhaltung zu bewegen. Ich hätte gebraucht das sie Verantwortung übernimmt, statt mich zum Täter ihrer Gefühle zu machen.

Nr. 37 · anonym

“

Meine Mutter ist immer gleich beleidigt. Es kam immer „Wenn du uns nicht gehabt hättest“ usw.
Das wirkte sich immer auf die ganze Familie aus.

Nr. 57 · anonym

“

Ihr Schweigen, ihre Schilderungen ihres eigenen Leidens

Nr. 67 · Anna

“

Angst vor Beschämung, Schuldumkehr, Drama, Rechtfertigung, dass ich auf einmal die Beweislast habe, Angst, dass ich verletze und das dann wieder auszugleichen habe, indem ich meine berechtigte Kritik relativiere.

Nr. 70 · Brigitte

“

Meine Mutter kann Kritik nicht vertragen und schlüpft sofort in die Opferrolle

Nr. 79 · anonym

“

Es nützt nichts. Meine Mutter weiß angeblich nichts mehr von Geschehnissen, die ich besprechen will. Meist wechselt sie das Thema. […] Achso, und sie ist dann immer so beleidigt und findet das alles ungerecht und überhaupt, ganz schlimm.

Nr. 100 · anonym

“

[…] sie sieht sich seit ihres Lebens immer in der Opferrolle

Nr. 111 · anonym

“

Meine Mutter stellt sich sofort als Opfer dar.

Nr. 8 · anonym

“

Ihre Reaktion: sie machte keine Fehler, nie! Oder sie ist das Opfer. Es liegt natürlich an mir. Ich bin zu empfindlich, schwierig, anstrengend, überhaupt da (bin die jüngste von 3 Töchtern, nicht mehr gewollt). Sie hat mir Dinge verschwiegen, die zu wissen, ich absolut Anrecht habe/hatte. Durch ihre Weigerung, die Dinge zu erzählen, hat sie mich regelrecht ins Messer laufen lassen.

Nr. 22 · anonym

“

Genau das, was du im Newsletter beschrieben hast: Da kamen sofort Tränen und ach, wie schwer sie es doch hatte, aber sie hat ja alles für mich getan etc. Da kann man ja nicht normal weiterreden.

Nr. 35 · anonym

“

Gesprochen wurde Zuhause immer viel, seitens meiner Mutter, doch was ich wirklich zu sagen hätte – es ging meistens immer nur um sie, ihr Unglück, ihr Leid, ihre Selbstopferung –, das ging im Verständniswahn unter. Ich fürchte, ihr Narrativ ist bis heute so geblieben trotz meiner kompletten Abwendung, die jetzt schon fast 8 Jahre andauert.

Nr. 43 · anonym

“

Das Wissen darum, daß ich mit meinen Erkenntnissen und meiner Sichtweise inzwischen auf meine Kindheit, die Ursachen, Zusammenhänge und Hintergründe meiner Mutter soweit voraus bin, daß sie nahezu keine Chance hat, an mein Verstehen und meine Sichtweise anzuknüpfen. Dazu ist meine Mutter viel zu sehr auf ihren eigenen kleinen (blinden) Kosmos fixiert. Aus Ihrer Sicht hat sie alles für mich getan, was ihr irgend möglich war.

Nr. 49 · anonym

“

Meine Mutter hat dann oft angefangen zu weinen und gesagt: Ja, ich weiß, ich habe alles falsch gemacht. Dabei wollte ich doch nur über mein Erleben sprechen und sie gar nicht anklagen.

Nr. 75 · Hilkea Knies

“

Mutter: Dass sie dann ein schrecklich schlechtes Gewissen hat und sich selbst völlig fertig macht. […]

Nr. 86 · anonym

“

Meine Mutter ist die Verdrängerin vorm Herrn. Sie würde sich nur rechtfertigen und in die Opferrolle gehen.

Nr. 106 · anonym

“

Die Befürchtung, dass meine Mutter sich zum Opfer macht und mir die Schuld zugeschoben wird, weil ich etwas gesagt habe.

Nr. 114 · anonym

Was das für dich heißt

Ihre Tränen sind echt. Deine Wahrheit auch.

Beides darf gleichzeitig wahr sein. Deine Mutter darf traurig sein. Und du darfst trotzdem bei dem bleiben, was du gesagt hast.

Ihre Tränen sind kein Beweis dafür, dass du etwas falsch gemacht hast. Sie sind nur ein Zeichen dafür, dass da bei ihr auch etwas wehtut. Das ist ihre Baustelle. Aufräumen musst du die nicht für sie.

Du musst nicht mehr die Erwachsene sein, die alle beruhigt. Nicht mal bei deiner Mutter.

Und wenn deine Lieben mit dir reden möchten?

Jetzt wird’s unbequem. Denn irgendwann sitzt vielleicht deine Tochter bei dir am Küchentisch. Der Kaffee wird kalt, und sie sagt endlich den Satz, den sie seit Wochen im Kopf hin und her schiebt.

Und du merkst, wie es dir die Kehle zuschnürt, wie die Tränen hochsteigen und sich ganz leise ein Satz nach oben schiebt, den du nur zu gut kennst: „Ich hab‘ doch alles für dich getan.“

Erschrick nicht. Das ist ein Muster, und Muster lernt man: am Küchentisch unserer Mütter, die es am Küchentisch ihrer Mütter gelernt haben. So wandert es von Generation zu Generation weiter, bis eine hinschaut.

Hinschauen heißt: Du darfst die Tränen spüren. Du musst sie nur nicht zum Thema des Gesprächs machen. Atme durch und sag vielleicht: „Das tut mir weh zu hören. Erzähl weiter.“

Das ist schwerer, als es klingt. Und vielleicht ist es das Wertvollste, was du deinen Kindern mitgeben kannst: eine Mutter, bei der die persönliche Wahrheit ihrer Lieben Platz hat.

(Und falls du keine Kinder hast: Das Muster zeigt sich auch bei Freundinnen, Kolleginnen, in der Partnerschaft. Überall da, wo dir jemand sagt, dass du ihn verletzt hast.)

Zum Mitnehmen:

Wann hast du zuletzt …

  1. … jemanden getröstet, obwohl eigentlich du Trost gebraucht hättest?
  2. … einen Gegenangriff gestartet, obwohl dir jemand erzählen wollte, wie es ihm geht?

Und wenn Muddi beim nächsten Mal wieder weint? Dann reich ihr ein Taschentuch – und erzähl trotzdem zu Ende. Den Kaffee kannst du ja nochmal warm machen.

Tränen sind übrigens nur eine Art, ein Gespräch zu beenden, bevor es angefangen hat. Eine andere klingt so: „Das bildest du dir ein.“ Davon erzähle ich dir im nächsten Artikel.

Du willst noch mehr lesen? Hier ist mein Buch:
Buch „Eingefroren in der Zeit“ von Birgit Elke Ising

Eingefroren in der Zeit.
Ein guter Einstieg ins Thema Ahnentrauma. Du brauchst keine Vorkenntnisse. Nur Lust auf Geschichten. Skurrile Geschichten.

Deep Shit, mit Humor und Leichtigkeit erzählt.

„Wütend, witzig, weise.“
(Sven Rohde, ehem. Vorstand Kriegsenkel e.V.)

Birgit Ising mit Notebook
Wer schreibt hier eigentlich?

Hi, ich bin Birgit Elke Ising. Ex-Bank-Managerin, Coachin, Autorin, Speakerin und (improvisierende) Schauspielerin. Ich bin Expertin für Transformationsunterstützung. Mit kreativen Coaching-, Theater- und Schreib-Techniken helfe ich dir aus der Schwere ins Handeln.
Mehr über mich erfährst du hier.

Für aktuelle Updates folge mir:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert