Die Sezierung eines Systems – oder warum ich selbständig sein MUSS!

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Wie ich erkannte, dass ich in meiner abhängigen Beschäftigung (in einem kranken System) die bekannten, unguten Beziehungsmuster meiner Kindheit wiederholte.

Frauen in Führungspositionen? Guggsdu, Arbeitsbiene.

Ich habe mehr als 30 Jahre in einem großen, hierarchisch strukturierten und patriarchalisch geführten Unternehmen im Projekt- und Programmmanagement gearbeitet – in einer großen Bank.

Frauen als Führungskräfte sind in dieser Branche noch immer rar gesät, auch wenn es inzwischen „Women Empowerment Programs“ gibt und sich die Unternehmen auf die Fahne schreiben, Frauen zu fördern. Wenn es um Beförderungen und Weiterentwicklung ging, habe ich jedoch oft beobachtet, wie weniger qualifizierte Männer von ihren männlichen Chef-Buddies, bevorzugt wurden. Ich habe erlebt, dass es in diesen Momenten nicht darum ging, welche Fähigkeit und welches Talent die Position benötigt oder welche Skills im Team noch fehlen und besetzt werden müssten. Befördert wurde soziale Gleichheit! Wenn du die gleiche Uhr hattest wie dein Chef, das gleiche Auto fuhrst, das gleiche Urlaubsziel und den gleichen Fußballverein liebtest, auch zwei Kinder hattest wie er und dazu noch ein Mann warst, der über die gleichen schlechten Witze lachen konnte, dann hattest du gute Chancen! Wenn du dann noch keine schrägen Ideen hattest, schön im Strom der Ja-Sager mitschwammst, keine Widerworte gabst und unhinterfragt alles, was in der Hierarchie von oben kam, stumpf nach unten durch routetest, dann stiegen deine Karrierechancen auf das doppelte Maß. Eins der obersten (unausgesprochenen) Gebote war zudem, niemals, nie, nie, nie deinen Chef zu kritisieren. Bämm. Nochn Punkt.

Ich kannte viele Frauen, die sich in diesem Umfeld einen Wolf rackerten, Abteilungs- und Bereichsleitern mit ihrem Fleiß, ihrer Zuverlässigkeit und Genauigkeit, mit ihrer Strukturiertheit und Weitsicht immer wieder den Arsch retteten, ohne dass die Herren dies gewürdigt oder gar bemerkt hätten. Die Damen taten dies, weil sie davon überzeugt waren, dass das der richtige Weg sei und: hielten die Klappe und murkelten stumm und brav weiter, während der blöde Kollege sie auf der Karriereleiter überholte.

Chefinnen: die besseren Chefs

Als ich diese stereotypen Verhaltensweisen erkannt hatte, kamen für mich nur noch Frauen als Führungskräfte in Frage und ich habe es fast in meinem gesamten Berufsleben geschafft, dieser Entscheidung treu zu bleiben. Versteh‘ mich nicht falsch, ich habe nicht immer gleich das Weite gesucht, wenn ich nach der zigsten Umorganisation plötzlich einen neuen männlichen Chef bekam. Ich guckte mir sein Verhalten stets eine Weile an, bevor ich mir selbst eine neue Chefin aussuchte und die Abteilung oder den Bereich wechselte. Zweimal hatte ich sogar das große Glück, Chefs zu bekommen, die souverän und an der Sache orientiert agierten und sich dem „Nach-oben-buckeln-und-nach-unten-treten“-Motto verweigerten. Männer, mit denen Gespräche, Auseinandersetzungen, Reibereien möglich waren und die es aushalten konnten, wenn ich anderer Meinung war.

Anders sein ist einfach, da wo alle gleich sind

Das größte Kompliment bekam ich von so einem Herrn mit Format: „Frau Ising, sie sind schwer zu führen!“

Anfangs verstand ich das als Kritik, aber nach längerem darüber Nachdenken, war ich stolz auf mich. Schwer zu führen! Geil! Ich war also kein Schaf, das sofort „Määäh!'“ blökte, nur weil er eine Ansage machte. Als ich ihn am nächsten Tag fragte, ob er denke, ich solle das ändern und er antwortete „Frau Ising! Bitte nein! Auf keinen Fall!“ – kam ich aus dem Grinsen nicht mehr raus. Ich war also anders! Und offenbar wurde das gebraucht. Dieses anders sein war leicht in einer Branche, in der schon eine orangefarbene Hose für Aufsehen sorgte. Ich war der bunte Vogel und empfand mich selbst als Hofnärrin. Nahm mir Dinge und Sätze heraus, die andere sich nicht trauten und hielt so manchem den Spiegel vor die Nase.

Unterirdisches Verhalten bekommt leicht Junge

Nicht alle mochten das. Ich wurde angegriffen und bedroht. Ich solle „Dreck fressen“ war die harmloseste der zahlreichen Varianten auf der Klaviatur der Demütigungen. Ich erfuhr Gesprächsverweigerungen, Verleugnungen, ließ unzählige unnötige Umzüge über mich ergehen, weil ich da „wohl etwas missverstanden hatte“. Nach einer langen Krankheit waren die persönlichen Dinge aus meinem Büro verschwunden – wie vom Erdboden verschluckt.

Dies, was mir jetzt, da ich es aufschreibe, unhaltbar und untolerierbar erscheint (was es ist), fühlte sich damals für mich normal an. Fast heimelig. Derartiges Verhalten kannte ich von Zuhause und das hatte ich schon als kleines Mädchen in- und auswendig gelernt. Ich wusste mich darin möglichst unbeschadet zu bewegen.

Ich arbeitete in einer Branche voller Narzissten. Es gab Choleriker und Machtmännchen. Chefs, die mit Handys und Lochern nach ihren Mitarbeitern warfen. Brüllaffen, die mit der Verbreitung von Angst und psychischer Gewalt ihre persönlichen Defizite kaschierten, regierten wie kleine Despoten. Es gab sexuelle Übergriffe und niemand tat etwas dagegen. Die Vorstandsriege palaverte auf Großveranstaltungen von Kommunikation auf Augenhöhe, von Ethik und Werten, von Wertschätzung, Fehlerkultur und lernender Organisation, war aber insgeheim froh um die kläffenden Terrier, die ihr den Rücken frei hielten. Und die, die in der Hierarchie nachwuchsen, ahmten das Revierverhalten nach. Denn das versprach ja offensichtlich Erfolg und keine Rügen. Wuff!

In meinem Bauch quoll sie mehr und mehr wie gut gehende Hefe an: die Hauptzutat für Pustekuchen!

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Dem Irrsinn aus dem Weg gehen

Ich sah zu, dass ich mich von den Toxi-Terriern fern hielt und nichts mit ihnen zu tun hatte. Ich umschiffte sie, ignorierte ihre E-Mails, ging nicht ans Telefon, wenn sie anriefen, ließ mich verleugnen und grüßte trotzdem nett. Ein paarmal schloss ich mich von innen in meinem Büro ein, weil ein HB-Männchen mich stalkte. Er wollte mich unbedingt in seinem Team haben, lauerte mir im Flur und in der Kantine auf und konnte es nicht aushalten, dass ich keine Lust darauf hatte, „unter ihm“ zu arbeiten. Von vielen Kolleg:innen wusste ich, dass „mit ihm“ nicht ging. Gar nicht.

Lange schaffte ich es, mir meine Rolle in der Bank vor mir selbst schön zu reden. „Birgit, solche wie dich braucht es hier.“, beruhigte ich mich selbst.

Klöter, klöter, klöter – Sprinting in the Hamsterrad

Ich arbeitete in meinem Hamsterrädchen bis zum Umfallen. Ich leitete strategische Projekte von „besonderer Wichtigkeit“, fühlte mich gebauchpinselt und geehrt wenn sie sagten „Das schafft nur die Frau Ising!“ und lieferte und leistete. Das hatte ich ebenfalls zu Hause gelernt, dafür wurde ich geliebt. Brüller! Erst die Arbeit, dann das Vergnügen! Ich hielt die Zeitpläne der Projekte ein und erst jetzt sehe ich mich in der Rolle der fleißigen Arbeitsmaus. Ich war genauso wie die Frauen, die ich am Anfang dieses Artikels wegen ihrer Arbeitsamkeit und Strebsamkeit kritisiere. Ich war nicht besser!

Ich erlitt mehr als einen Burnout und lernte langsam, dass nicht alles an mir, in meiner Hand und vor allen nicht in meiner Verantwortung lag.

Was mit meiner Würde würde

Ich kletterte nach und nach auf die Meta-Ebene und nach dem xten Projekt, dass ich wie eine Irre durch die Bank gedonnert hatte, das gestern noch so mega-wichtig, aber dessen Ergebnisse kaum ein halbes Jahr nach Projektende schon wieder scheißegal waren und in die Tonne gekloppt wurden, wusste ich, dass mir meine Zeit, meine Lebenszeit dafür zu schade war. Von da oben, von meinem Meta-Berg aus, sah ich plötzlich völlig klar und glaubte mir selbst nicht mehr. In dem Moment spürte ich, dass ich auf dem Weg war, meine Würde zu verlieren. Meine Führungskräfte hatten mich auf ihrem strategischen Weg nach oben verloren. Sie rannten voraus, drehten sich nicht um und merkten nicht, dass ihnen kaum noch jemand folgte. Ich jedenfalls schon lange nicht mehr. Führende haben Folgende. Haha!

Ich machte mir meinen vorletzten Chef in der Bank nicht zum Freund. Als er meine Bürotür aufriss, mir außer Atmen „Biiiiiirgiiiiit, dieses Projekt musst uuuunbedingt duuuuu machen. Es ist sooo strategisch und sooo meeegawichtig. Wir haben morgen einen Termin beim Vooorstand. Bereite da mal was vooor.“ entgegenjapste, antwortete ich ihm: „Ja, ok, mach ich, gerne. Aber woher weiß ich denn, dass das nicht übermorgen schon wieder scheiß egal ist?“ –

Erkenntnis. Entscheidung, Fertig.

„Augen auf bei der Berufswahl!“ dachte ich und plötzlich wusste ich, ich verwechselte meine Chefs und Cheffinnen auf der emotionalen Ebene mit Mutti und Papi. Ich sah, wie sich meine Erfahrungen in meiner Herkunftsfamilie im Berufsleben spiegelten: gesehen werden für Leistung, für Leistung Liebe erwarten, Gebrüll, psychische und physische Übergriffe, Machtmissbrauch, mundtot gemacht werden, sich der eigenen Wahrnehmung schämen oder ihr erst gar nicht trauen, Angst vor Bestrafung, Bedrohung, ein Klima der Verunsicherung, Suche nach Schuldigen.

Ich erkannte, dass nur ich es in der Hand hätte, etwas zu verändern. Und mir war klar: Ich würde nicht mehr mitmachen. Ich würde mich diesem System nicht mehr aussetzen. Ich würde meine Energie in einem Umfeld, das sich wie mein toxisches Zuhause als Kind anfühlte, keine Sekunde länger verschwenden.

Ich wollte selbstbestimmt arbeiten, etwas schaffen, kreieren, planen-machen-Werk anschauen, Menschen auf Augenhöhe begegnen, ihnen helfen, mein Wissen weiter geben. Ich wollte entscheiden, was ich tue und was ich lasse. Ich wollte keine Befehle mehr entgegen geschleudert bekommen, sondern selbst gestalten. Ich wollte nicht mehr kämpfen und mich nicht mehr beweisen müssen vor Menschen, die ich nicht mehr Ernst nehmen konnte. Ich wollte nicht mehr Sonntags mit diesem mulmigen Gefühl im Bauch ins Bett steigen, weil morgen schon wieder Montag war.

Ich entzog mich einem System, in dem die dunkle Triade der Macht regierte: Narzissten, Machiavellisten, Psychopathen – Selbstüberhöhung, Empathie- und Rücksichtslosigkeit wollte ich endgültig hinter mir lassen. Und ich schwor mir: ich würde nie wieder einen Chef haben! Und auch keine Chefin.


Selbständigkeit! Für mich die einzig würdevolle Art der Arbeit.

Ich

Was ich in dir gelernt hab‘, Bank – Das hilft jetzt Anderen.

Ich habe in der Bank viel gelernt und auch gute Zeiten gehabt. Ich durfte Reinhard K. Sprenger kennenlernen, mit Wölfen und Pferden Führungsverhalten trainieren und viele Kreativitätstechniken lernen. Ich suchte mir meine Nischen, wurde Coachin beim Zentrum für Unternehmensführung in Zürich. Mein Gehalt finanzierte mir meine Schauspielausbildung und großartige Reisen. Ich hatte zwei wundervolle Chefs, durchweg tolle Chefinnen und Mega-Kolleginnen und Kollegen. Es gab für mich viele geile Projekte. Ich durfte meine Persönlichkeit durch viele Höhen und Tiefen entwickeln. Ohne die Tiefen, wäre ich nicht hier, wo ich heute bin.

Dafür bin ich dankbar.

Aber: Ich habe auch in Abgründe geschaut: Ich erlebte grauenhaft zugerichtete, verstümmelte Seelen, die als Führungskräfte auf andere Menschen losgelassen werden und die das Schlimme, das sie selbst erfahren haben, wiederholen, hoffentlich nicht an ihren Kindern (das kann ich nicht beurteilen), aber sicher an ihren Mitarbeiter:innen!

Nun bin ich selbständige Autorin und ich berate Menschen darin, ihren eigenen Schmerz nicht unflektiert an andere weiter zu geben. Und solche, die sich dem fremden Schmerz nicht länger aussetzen möchten.

Wie gesagt, damit kenne mich aus.

6 Kommentare

  1. Liebe Birgit, und schon wieder sitze ich hier nach einem Text von dir und bin sehr bewegt und betroffen. Was für ein Text. Ich liebe die Klarheit, ich liebe deine Wortkonstrukte und die Kraft.
    Und wie gut, dass du gegangen bist. Wer weiß, ob du sonst schreiben würdest, noch schreiben könntest.
    Danke für den Text. Er hat mich sehr inspiriert.

  2. hallo Birgit,
    sehr stark, der Artikel. Da ich ungern sehr lange Artikel lese, habe ich ihn nach dem 4 Absatz überflogen. dabei war es sehr hilfreich, dass Du fett gedrucktes dabei hattest. Da hielt ich dann wieder inne. Bewegende Story, wichtiges Thema, tolle Aufgabe, deine Aufgabe. Sehr spannend und trotzdem leicht geschrieben. mir gefällt´s. Ilona aus Populär

  3. Liebe Birgit,
    ein toller und mutiger Artikel. Einiges davon erkenne ich wieder (war Managerin in einer großen IT-Firma), auch wenn es bei mir nicht so drastisch war.
    Gut, dass du gegangen bist. Du hast der Welt so viel mehr zu geben und der Corporate Rahmen hätte dich vermutlich nie in deiner vollen Größe scheinen lassen. Alles Gute weiterhin und Danke für dein Vorbild. Alles Liebe – Korina

    1. Liebe Karina, wow, dankeschön! Das sagst Du etwas. Ich denke, unser volles Potenzial und unsere volle Größe können wir nur in Freiheit entfalten, auch wenn die erstmal Angst macht. Das mit dem Vorbild muss ich erstmal sacken lassen, weil es sich noch immer so fremd anfühlt. Es freut mich sehr, wenn mein Schreiben etwas bewirkt. Liebe Grüße, Birgit

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