Generation Babyboomer bei der Arbeit: Fünf starke Merkmale – geboren aus Schmerz

Veröffentlicht am Kategorisiert in Kriegsenkel & Ahnentrauma
Generation Babyboomer Merkmale - Birgit Elke Ising im Business Anzug
Immer happy - Immer gut drauf. Aber um welchen Preis?

Die Generation Babyboomer und ihre Merkmale gehen in Rente. Eine Generation, der Attribute wie fleißig, verantwortungsbewusst, zupackend zugeschrieben werden. Das hat Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt. Dazu hat sich die Unternehmerin und Geschäftsführerin der Firma Werkzeug Weber, Vanessa Weber, zu Wort gemeldet. Anlässlich des Ausscheidens zweier Mitarbeiter:innen veröffentlichte sie ihren „Abschiedsbrief an eine Generation, mit der vieles verloren geht“.

Merkmale der Generation Babyboomer: In Ihrem Artikel auf Xing „Abschied der Babyboomer: fünf Werte, die der Arbeitswelt fehlen werden“ sagt sie: „Wenn die geburtenstarken Jahrgänge in Rente gehen, wird uns mehr als nur ihre Arbeitskraft fehlen. (…) Ihr Boomer hinterlasst eine Lücke. Nicht nur eure Arbeitskraft wird uns (…) fehlen, sondern auch die Werte, für die ihr steht. (…) Erlaubt mir bitte (…) voller Wertschätzung loszuwerden, was ich vermissen werde.“

Aaaah, da sieht jemand unsere Werte und bringt sie auf den Punkt. Lechz, Wertschätzung. Das freut! Grundsätzlich. Dafür danke ich Vanessa aus vollem Herzen.

Doch schon ihre Einleitung triggert mich. Sofort und augenblicklich sitze ich auf der Palme! Noch beim ersten Kaffee im Schlafanzug, mit verklebten Augen, schreibe ich diese Gegenrede. Mirrr kocht der Bludd!

Was mich an dem durchweg wertschätzend gemeinten Artikel so ankäst und warum, das kannst du in diesem Blogartikel lesen.

„Ihr hattet Glück. Ihr hattets leicht!“ – Ich: Zack! Palme!

Zwei Absätze Einleitung und ich koche:

Zur richtigen Zeit am richtigen Ort, und das schon seit eurer Geburt: Liebe Babyboomer, ihr hattet das große Glück, in den Frieden und die wachsende Wirtschaft Deutschlands nach dem Zweiten Weltkrieg hineingeboren zu werden – und gerade noch rechtzeitig vor dem Siegeszug der Antibabypille.
Viele sind der Meinung, dass ihr, die geburtenstarken Jahrgänge der 50er und 60er, es leichter als viele andere Generationen hattet. Ihr konntet euch mehr leisten, mehr erlauben und mehr Träume erfüllen. Da mag was dran sein. Aber ich bin der Meinung: Leicht habt ihr es euch trotzdem nie gemacht.“

Mein Widerstand: Dass wir es „viel leichter hatten“, diese Redewendung kennen wir in- und auswändig! Aber: Sie stimmt nicht! Wir sind in den ÄUSSEREN FRIEDEN hinein geboren, in Aufbau und Wirtschaftwunder. Trotzdem erlebten viele von uns materiellen Mangel. Und (was viele vergessen, aber für unsere ganze Generation fatal war (und ist?)): wir erlebten großen emotionalen Mangel. Denn wir wurden hineingeboren in die unausgesprochenen INNEREN KRIEGE in unseren Familien.

Die Kriege, denen wir ausgeliefert waren hießen: Kälte, Gewalt, Schweigen, Schuld, Scham und nicht selten Alkoholismus. Um diese Kriege zu überleben, entwickelten wir schon als Kinder Strategien, die uns vermeintliche Sicherheit brachten. Die verhindern sollten, dass „Bomben hochgehen“. Strategien, die wir verinnerlichten und so sehr zu uns nahmen, dass sie uns später im Erwachsenenleben nicht immer gute Dienste taten. Vieles davon geschah unbewusst.

Nicht „wir haben es uns nie leicht gemacht“, sondern: „Wir hatten es schwer!“ – Anders als die Generationen vor uns, aber auch schwer!

Erkennen, was hinter unseren Werten liegt!

Mit dieser Gegenrede möchte ich zur Bewusstwerdung beitragen. Denn: Vanessas Einleitung zeigt, dass Wissen und Sensibilität rund um die Themenkomplexe „vererbter Schmerz“ und „generationenübergreifendes Trauma“ nicht in der Breite unserer Gesellschaft verankert sind.

Wir wurden erzogen von Menschen, denen der Krieg noch in den Knochen steckte, von einer traumatisierten Generation. Von Tätern, Opfern, Mitläufern, Wissenden und Nichtwissenden, die mit NS-Methoden gedrillt wurden. Von Menschen, die das Grauen kannten und es vergessen wollten: Menschen, die ihre Gefühle verscharren mussten, damit sie vor dem Hintergrund ihrer schrecklichen Erlebnisse überhaupt weiterleben konnten.

Viele von uns Babyboomern kennen Emotionslosigkeit und Kälte aus ihren Elternhäusern. Unsere Eltern benutzten die NS-Erziehungsmethoden weiter, ohne dass sie darum wussten. In bester Absicht drillten sie uns auf Machen, Leistung und Verantwortung. Viele von uns übernahmen schon als sehr kleine Kinder viel zu viel davon: eine übergroße Verantwortung. Klar machte uns das stark und leistungsfähig. Aber um welchen Preis?

Die Kraft der Generation Babyboomer, die Vanessa wertschätzt und beschreibt, entwickelte sich aus vielen individuellen und kollektiven Erfahrungen. Es waren (und sind bei manchen immer noch?) Überlebensstrategien.

Ja, wir haben diese Kraft. Es ist eine Kraft, die sich aus Schattenerfahrungen und Schmerz speist.

Nachfolgend ziehe ich die fünf Werte heran, die Vanessa in ihrem Artikel in unserer Generation bei der Arbeit erkennt und beschreibt – und ich schaue auf die Hintergründe. Denn da kann einem so mancher Wert schon mal im Hals stehen bleiben.

„Loyalität – auf uns kann man zählen“

Verantwortung zu übernehmen, das lernten wir früh. Zu früh! Verantwortung für die diffus-explosive oder passiv-aggressive Gefühlslage unserer Eltern, den Haushalt, die kleinen Geschwister. Dabei begleiteten uns Sätze wie „Du weißt gar nicht, wie gut Du es hast!“ – Sie schleuderten uns in die emotionale Eiswüste, wenn wir versuchten unseren Kummer oder Schmerz auszudrücken. Was konnten unsere Tränen schon bedeuten, angesichts des Schreckens des Krieges, den unsere Eltern und Großeltern erlebt hatten? – Wir lernten, nicht zu stören, uns einzufügen.

Und, ja Vanessa, wir sind „stets bereit, weiterzuackern, bis Erfolge sichtbar werden“.

Wir machen immer weiter. Für unser Überleben.

„Selbstbewusstsein – ihr habt es euch verdient“

Unsere „Lehrjahre waren keine Herrenjahre. (…) Ihr habt gelernt, zu lernen und zu arbeiten. Selbstbewusstsein war für euch nicht etwas, mit dem man ausgestattet war. Sondern etwas, das man sich erarbeitete. Hart. Geduldig.“

Uns blieb nichts anderes übrig! Unsere Eltern waren mit sich beschäftigt. Sie waren emotional für uns nicht verfügbar. Wir waren auf uns selbst gestellt und lernten, dass wir die Dinge alleine hinbekommen mussten. Und dabei hätten wir sie so gerne gehabt, die Anerkennung, Liebe und Wertschätzung unserer Eltern.

Und später die unserer Chef:innen. Viele von uns rackerten sich ab für deren Anerkennung. Bis wir das „Du“ endlich im Sack hatten! Yay! Dabei verwechselten wir unsere Vorgesetzten auf der emotionalen Ebene oft unbewusst mit Mutti und Papa.

Denn wir wussten: Liebe gibt es nur gegen Leistung! Die mussten wir uns „erarbeiten“. Ob sich damit Selbstbewusstsein verdienen lässt, das allerdings stelle ich in Frage!

„Arbeitsmoral – manchmal sogar zu hoch“

Ja, arbeiten. Das können wir. Wundert das an dieser Stelle noch jemanden?

„Den Stift einfach fallen lassen kam für“ uns „nicht in Frage“. Wir haben „es als Pflicht betrachtet“, unsere „Arbeit gut zu erledigen. Auch wenn das mal länger dauerte, als vertraglich vereinbart. Das hatte auch eine Kehrseite. Tinnitus, Rücken, Herzrasen – Warnsignale eures Körpers habt ihr gern in den Wind geschlagen.“

Mit dem Fokus stets im Außen, immer dabei, zu checken, wie es den anderen geht, das ließ uns oft uns selbst vergessen. Wir taten, was getan werden musste. Jammern war tabu. So schufteten wir oft über unsere eigenen Grenzen hinweg. Und kippten aus dem Hamsterrad direkt in den Burnout. Hoppla!

Das in Vanessas Artikel angeführte Zitat einer ihrer Mitarbeiterinnen lautet: „Geht es dem Kunden gut, dann geht es der Firma gut. Geht es der Firma gut, geht es dem Chef gut. Und geht es dem Chef gut, dann geht es mir gut.“ Es ist ein gruseliger Beweis für die fehlende Wahrnehmung der eignen Bedürfnisse und Befindlichkeiten. Oder für deren Hintanstellung.

Als Unternehmerin bewundert Frau Weber, wie unsere „Generation auf die Arbeit blickte: als Quelle (unserer) Identität“.

Mich erschreckt dieser Satz: Den Selbstbetrug anzuerkennen, dass wir mehr sind als unsere Leistungen, dafür brauchten wir Jahre und manche:r von uns viele Stunden Psychotherapie. Know that, Frau Vanessa Weber!

„Verantwortungsbewusstsein – machen statt fragen“

„Ihr habt die Spülmaschine in der Firmenküche dann ein- und ausgeräumt, wenn es nötig war – und nicht erst, wenn euch jemand den Auftrag dazu erteilt hat. Ihr habt Arbeit gesehen und gesucht. Wenn ihr Entscheidungen treffen musstet, habt ihr sie schnell getroffen – und im Sinne der Firma. Hadern, zaudern, zögern, das gab es bei euch nicht.“

Ja, wir sehen die Arbeit und wir treffen Entscheidungen – schnell. Sehr schnell!

Sachen zusammenraffen und los! Zack zack, nicht lang zögern. Ruckzuck fertig zum Abmarsch! Das lernten wir von den Menschen, denen genau das das Leben gerettet hatte, egal ob beim Bombenangriff, auf der Flucht oder im Schützengraben. „Hinnemachen“ war überlebenssichernd! Lange zögern konnte einem den Kopf kosten.

Das steckt uns in den Knochen: Machen statt fühlen. Das können wir! Eins der Top Merkmale der Generation Babyboomer.

„Nehmerqualitäten – ihr wart nie nachtragend“

„Im Einstecken wart ihr immer stark. Kritik musste für euch nicht in Watte gepackt und mit Schleifchen serviert werden. Sicher, harte verbale Dämpfer wie „Wofür habe ich dich eigentlich eingestellt?“ gingen auch an euch nicht spurlos vorbei.“

Ja, danke! Damit sind wir aufgewachsen. Unser (nach außen hin) dickes Fell haben wir uns selbst gezüchtet. Die Narben darunter sollte niemand sehen. Wir machten uns stark. Und auch nach heftigen Angriffen so zu tun als sei nichts gewesen, das haben wir schmerzlich trainiert:

Tun, als ob nichts wär‘: Den Schmerz und die Abgründe nicht zeigen. Wow! Darin sind wir Meister!

FAZIT: Es ist wichtig, hinter die Fassade zu schauen und zu reden

Was ich der nächsten Generation mitgeben möchte

Es ist schön, wenn ihr unsere Stärken als Merkmale der Generation Babyboomer seht. Das freut uns sehr. Denn uns selbst fällt es oft schwer, unseren Fokus drauf zu richten. Umso berührender ist es für uns, dass diese auch von euch wahrgenommen werden.

Aber bitte seht auch den Preis, den wir dafür bezahlt haben. Manchmal habe ich den Eindruck, wir, die Babyboomer hätten Burnout, Depressionen und Lebensängste erfunden. Also sagt bitte nie wieder, wir hätten es so gut und leicht gehabt!

Was ich meiner Generation mitgeben möchte

Hinterfragt die Merkmale der Generation Babyboomer. Fragt euch, ob euch das „automatische“ Verhalten, das ihr in euren Familien gelernt habt, und auch die Glaubenssätze und Bewertungen heute noch guttun. Versucht zu spüren, wann euch etwas nicht gut tut und was genau das ist. Hinterfragt, woher eure Gefühle und Überzeugungen kommen.

Schaut Euch die Schatten in euren Familien, in Eurer Kindheit an. Was haben eure Eltern und Großeltern erlebt? Wie sind sie aufgewachsen? Was haben sie gelernt? Versucht, zu erkennen und zu verstehen, was da und was bei euch gelaufen ist. Und warum. Redet mit euren Eltern, solange sie noch leben.

Sie hatten es schwer. Und wir, wir hatten es auch schwer. 

Was ich uns allen mitgeben möchte

Lasst uns das Schwere leicht machen.

Lasst uns über die Kraft der Babyboomer und deren Schattenseiten reden, damit unsere Kinder und Enkelkinder nicht auch noch an diesen meist verschwiegenen generationenübergreifenden Schatten zu knabbern haben. Wir Babyboomer sind Kriegsenkel und was das bedeutet, das erfährst du hier in meinem Blogartikel „Kriegsenkel – kurz erklärt“.

Ich danke Vanessa Weber für ihren Artikel auf Xing „Abschied der Babyboomer: fünf Werte, die der Arbeitswelt fehlen werden“, für den Impuls, der mich zu diesem Text über die Schattenseiten der Merkmale der Generation Babyboomer bei der Arbeit inspiriert hat.

Und nun zu dir. Was sind deine Gedanken dazu? Teile sie gerne unten in den Kommentaren.

Birgit Ising mit Notebook
Wer schreibt hier eigentlich?

Hi, ich bin Birgit Elke Ising. Ex-Bank-Managerin, Coachin, Autorin, Speakerin und (improvisierende) Schauspielerin. Ich bin Expertin für Transformationsunterstützung. Mit kreativen Coaching-, Theater- und Schreib-Techniken helfe ich dir aus der Schwere ins Handeln.
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(Sven Rohde, ehem. Vorstand Kriegsenkel e.V.)

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23 Kommentare

  1. Liebe Birgit, ich bin fassungslos!
    Bis gestern hätte ich mich (Jahrgang 1956) noch richtig stolz gefühlt über die „Wertschätzung“ in dem erwähnten Xing-Artikel. Trifft fast alles auf mich zu. Wie peinlich, dass ich, obwohl ich fast alles hinterfrage, nicht so wie du hinter die Kulissen geschaut habe und es realisiert habe, was diese Lobhudelei im Grunde bedeutet: ein Schlag ins Gesicht!
    Ich habe mich viel mit Trauma beschäftigt, da ich seit 6 Jahren mit einem syrischen Flüchtling unter einem Dach lebe und es reihen sich Probleme um Probleme um das Ankommen, die ich unentwegt versuche zu lösen und zu verstehen. Nachdem mich dieser Blog gefunden hat, sehe ich auch bei ihm die Gefahr vieles an seinen Sohn weiterzugeben. Vor allem der kulturelle, familiäre und religiöse Hintergrund und die Werte und Erwartungen haben großen Einfluss auf ihn und sein Handeln. Ich habe mich gefreut, dass du diese Problematik in einem anderen Artikel schon erkannt hast.
    Ich bin unehelich geboren, meine Mutter hat im Haushalt und Betrieb einer Unternehmerfamilie gearbeitet, für ein Taschengeld und kostenloses Dienstbotenzimmerchen. Ich bin bei meiner Großmutter die ihre große Liebe, ihren Mann, in Stalingrad verloren (vermisst) hat aufgewachsen. Meine Großmutter war streng aber vom Gefühl her hatte ich eine sehr glückliche Kindheit, mit vielen Verwandten die mich liebten und alles taten, damit es mir gut geht. Ich habe nichts vermisst. Ich kenne keinen Neid. Und ich habe immer meinen eigenen Weg gesucht und bin ihn auch gegen alle Widerstände gegangen. Ich bin offen, aber auch extrem angepasst was die Arbeit angeht. Loyal, zuverlässig, schnell, fleißig, freundlich, hilfsbereit, nicht fordernd sondern machend! Es ist ein Graus! Mein Problem ist, dass ich auch viel von anderen erwarte aber nichts sage. Mein Freund der Syrer zeigt mir nun ein ganz anderes Verhalten, eine andere Beziehung zur Arbeit. Er ist auch absolut zuverlässig aber er fordert auch viel von seiner Arbeit. Zu schlechte Bezahlung – Kündigung, zu wenig Freizeit? – Kündigung, Nicht genug Anerkennung bzw. Wertschätzung – Kündigung. Ich unterstütze das, diese Suche nach einem guten Leben. Ein Leben neben der Arbeit! Meine Familie hat nie verstanden, wenn ich meine Arbeit gewechselt habe. Das kannst du doch nicht tun. Das ist peinlich vor anderen (für die Familie, nicht für mich). Das ist doch schön, dass du Arbeit hast.
    Ich muss sagen, ich habe immer Glück gehabt und ein gutes, zufriedenes Leben gelebt. Alles korrekt gemacht, Steuern und Sozialabgaben gezahlt, nichts schwarz gearbeitet. Aber jetzt bin ich in Rente und es reicht nicht für die Miete! Was haben mir all diese gepriesenen „Werte“ gebracht nach 50 Jahren Vollarbeit für diesen Staat? Ich bin eine Kämpfernatur, ein Überlebenskünstler. Profitiert haben von meinen ererbten Werten eigentlich nur andere. Erst heute fange ich damit an mich zu fragen: Wer bin ich eigentlich, was will ich eigentlich. Diese Fragen waren in meinem Lebenslauf nicht erwünscht. Nur mach deine Sache gut, gib keine Widerworte, behandle Erwachsene respektvoll, unterbrich kein Gespräch, dräng dich nicht in den Vordergrund, mach einen Knicks, sag Danke, ziehe dich anständig an, gehe gerade, ziehe nicht so ein Gesicht, BESCHWERE DICH NICHT. Auch heute, wo es bei mir finanziell äußerst knapp ist, ist die einfache Antwort meiner noch lebenden Tante: Such dir doch eine kleine, billige Wohnung und einen Nebenjob. Dann wird es schon gehen. Erwähne ich einmal Missstände, kommt: Ja, was sollen wir machen? Wir müssen es so nehmen wie es ist.
    Meine größte Freude war: MUT statt MÄH!
    Ich bin ein Kriegsenkel aber nicht nur das, sondern auch noch durch meine Großmutter streng preußisch erzogen.
    Für mich ist das Thema neu und ein extrem wichtiges für unsere und die nächsten Generationen, unser Land, Demokratie und Freiheit. Ich hoffe es kommt an die Oberfläche!
    Danke dafür.

    1. Liebe Angelika, wow, herzlichen Dank für Deinen langen und bewegenden Kommentar. Ja, das Thema guckt uns in der Gesellschaft allerorten an. In unserer Generation, in den Familien der Geflüchteten und jetzt zunehmend in den Altersheimen. Und dennoch wird noch viel zu wenig darüber gesprochen. Dies zu ändern, dafür trete ich an.
      Ich kenne sie gut die Fragen „Wer bin ich eigentlich?“ und „Was will ich eigentlich?“ und wie quälend es ist, darauf keine Antworten zu haben.
      Auch Deine Mitgiften sind mir einsynapst worden und haben mich so lange an einem selbstbestimmten und freien Leben gehindert. Sätze wie „Mach Deine Sache gut. Gib keine Widerworte. Sei leise, wenn Erwachsene sich unterhalten. Halte Dich zurück. Mach einen Knicks, sag Danke, zieh Dich anständig an, geh gerade, zieh nicht so ein Gesicht“ und „Du weißt gar nicht wie gut Du es hast“, ergo beschwere Dich nicht. Echt uff!
      Es freut mich, dass Dich „MUT statt Mäh“ anspricht. Manchmal muss ich erklären, dass ich weder was mit Schafen noch mit Rasenmähern mache, aber dann weiß ich , dass diese Leute falsch bei mir sind. Ich wünsch Dir alles Gute und Liebe und freue mich, wenn Du dazu beiträgst, das Thema weiter zu verbreiten.
      Von Herzen, Birgit

  2. Danke Birgit für Deine durchschaute Sichtweise dieser „Werte“…! Seit kurzem bin ich „dank“ der Erschöpfungsdepression auf das Thema Kriegsenkel gestossen. Es lässt mich immer wieder „Aha-Tränen“ kullern. Eine Einsicht nach der anderen purzelt im ersten grossen Rückblick meines Lebens durch meine Knochen, Gelenke und GEFÜHLE!!!
    Deutschland- was hat das mit mir zu tun? Ich, geboren 1968 in der Schweiz… ok- meine Mutter ist Deutsche- das hat doch mit mir nichts zu tun… (Mutter geboren 1939 in Dresden…)….
    Als ich die kleinen Mosaikkörnchen der Familiengeschichte- zusammen mit den geschichtlichen Fakten – versuchte zusammen zu setzen- wurde es mir nur noch übel… Doch ich habe auch viel Verständnis daraus gewonnen…! Immer wieder; auch Dir noch einmal vielen Dank für Dein „hinter-den-Vorhang-blicken“…!!! Liebe Grüsse aus der Schweiz

    1. Liebe Heidi, ich danke Dir herzlich für Deinen ausführlichen Kommentar. Ja, es ist so wichtig, hinter den Vorhang zu schauen und sich die Zusammenhänge zu erschließen. Schmerzlich ist der Blick darauf, doch er lässt langsam, wie bei Dir, Verständnis und vielleicht sogar Milde, wie bei mir, entstehen – für Familiengeschichten und Verhaltensweisen, die wir uns anders gewünscht hätten. Herzlichen Dank für Deinen Blick und schöne Grüße in die Schweiz (die ja so wenig mit allem zu tun hat, haha!), Birgit

  3. Liebe Birgit,
    ein toller Text von dir als „Gegenrede“.
    Hab ihn mit Freude gelesen.
    Absolut interessant und eindrucksvoll, auch wenn ich selbst nicht zur Generation „Babyboomer“ gehöre.

    1. Liebe Mary, ganz herzlichen Dank für Deinen Kommentar. Auch wenn Du persönlich nicht zu dieser Generation gehörst, bin ich sicher, dass Du viele dieser Muster um Dich herum bei Menschen entdecken kannst, die dazu gehören. Allein dieses Wissen macht im zwischenmenschlichen Umgang schon vieles leichter. Ganz liebe Grüße, Birgit

  4. Liebe Sabine, wow, Dein Feedback fegt mich ja vom Platz! Danke dafür! Ich finde es ganz berührend, wie Du meine Arbeit wahrnimmst und wie Du den Blick um die Ecke schätzt. Und schön, wenn Du „positive Lebendigkeit“ in meinen Texten spürst. Denn dass ist mir sehr wichtig: Das schwere Thema leicht, lebendig und positiv anzugehen. Denn, wie sagte schon Irvin D. Yalom, der große Psychoanalytiker, Psychotherapeut, Psychiater und Schriftsteller: „Wir müssen die Hoffnung auf eine bessere Vergangenheit aufgeben.“ Wir müssen klarkommen. Mit allem, was war. Wir können wachsen und lernen und wir können die Welt zu einem besseren Platz machen. Sie positiv gestalten. Für die Zukunft unserer Kinder und Enkelkinder. Dazu braucht es Wachheit, Bewusstheit und Mut. Dafür will ich stehen und ich werde nicht müde, dafür anzutreten.
    Und jetzt mal echt, Sabine, das mit dem Beitragsbild, das war mir noch gar nicht aufgefallen. Megakrass! Danke dafür. Schüttel! Wir sind also die Kuchenbackeabschiedspartyhalbtagskräftegrinsekatzen? Schönen Dank! Hört, hört, da draußen: Miez miez, wo‘s passt. Aber wo nicht: Beware of my Tiger-Krallenfetz!
    Ich sende Dir herzliche Grüße in die Blogosphäre und freue mich auf die weitere inspirierende Reise mit Dir. Alles Liebe, Birgit

  5. Liebe Birgit,
    man muss um die Ecke denken bis zur Wirklichkeit.
    Ich sage nochmal WOW! Ich finde es grandios, wie Du dieses komplexe und sensible Thema erfasst, mit klaren Worten „entstaubst“ und auf den Punkt bringst. Da steckt so viel Kraft, Mut und positive Lebendigkeit drin. Das gefällt mir.
    Ich war ewig nicht auf XING und musste natürlich als Kommunikations-Expertin „den Boden Deiner Palme“ checken. Man kann sicher noch viel zu dieser „Ansprache“ sagen und recherchieren. Ich kenne die Autorin nicht. Interessant fände ich, wie viel die Autorin zum Thema Kriegsenkel überhaupt etwas weiß. Auf den ersten Blick hat mich sofort das Titelbild inklusive abgebildetes Frauenbild getriggert. Das geht so gar nicht.
    Wenn die beiden Beiträge etwas zeigen, dann die Tatsache, dass da noch viel Information, Hinschauen, Aufklären, Trauern, Verstehen … nötig ist. Für alle (!) Beteiligten.
    Du machst eine ganz wichtige Arbeit, die mich sehr berührt und anrührt. Ich weiß seit wenigen Jahren, was mit „Kriegsenkel“ gemeint ist. Seitdem weiß ich, dass ich eine bin. Das hat meinen Blick auf vieles verändert und tut es noch. Und wenn ich Deinen Palmen-Beitrag lese kann ich nur immer wieder nicken. JA,JA,JA.
    Die Welt braucht Menschen wie Dich, die diese Tatsachen so klar und mutig in Worte formulieren. Ich freue mich, dass ich Dir beim Bloggen begegnet bin und werde weiter von Dir lesen 🙂
    LG, Sabine

  6. Danke liebe Birgit für deine Sicht auf die Dinge und dass du diese mit uns teilst.
    Ich hätte mich beim Lesen des Artikels von Vanessa gebauchpinselt gefühlt. Tatsächlich wäre ich nie auf die Idee gekommen, dass meine Werte, die natürlich alle im Artikel so wunderbar gewürdigt werden, vielfach antrainiertes Verhalten ist. Antrainiert seit frühester Kindheit – zum Zwecke der Selbsterhaltung.
    Ich hatte ein liebevolles Elternhaus und auch Gespräche über Gefühle … aber wenn ich kritisch und ehrlich zurückblicke, begann das „Miteinander reden“ erst, nachdem meine Eltern ihre Traumata therapeutisch aufgearbeitet hatten. Da war ich bereits erwachsen und zum ersten Mal ins Burnout geglitten. Und noch heute bin ich getrieben, irgendetwas Großartiges zu tun, um anerkannt und gesehen zu werden, obwohl ich eigentlich keine Lust mehr darauf habe. Ein seltsames Ding, diese Psyche.
    Danke für deinen erfrischenden Beitrag.
    Liebe Grüße und vergiss nie, die Palme zu gießen 😁,
    Marion

    1. Liebe Marion, danke für Deine Zeilen. Ich auch. Gebauchpinselt, meine ich. Und auf den zweiten Blick ist da eben so viel mehr, was uns nicht gut tut, wenn es uns nicht klar ist. Danke für Deine Worte. Ich geh jetzt die Palme gießen. 🤣 🌴💦 🤣 Liebe Grüße, Birgit

  7. Also ich wäre ja nie auf die Idee gekommen, den Artikel bei Xing zu lesen, aber schon nach deiner Einleitung saß ich neben dir auf der Palme. Auch wenn ich die Generation danach bin und dann noch in der DDR aufgewachsen – also das Kind von Babyboomern nur etwas anders – fühle ich wie du denkst. Meine Eltern vermitteln nicht unbedingt den Eindruck, dass ihr Leben so leicht war. Und da kommt nicht mal unbedingt der ganze Sozialismus-Kram ins Spiel, sondern tatsächlich die Erziehung. Es gab in meiner Kindheit keine entspannten Frauen. Fleißige, ja. Jede Menge. Ordentlich wars bei uns immer. Aber mal ne Auszeit nehmen… nee, da hab ich keine Zeit für. Was davon weitergegeben wurde steht auf einem anderen Blatt.

    1. Liebe Susanne, danke für Deinen wunderbaren Kommentar. Tjäh, entspannte Frauen? Da sagst Du was! Kann ich mich auch gar nicht dran erinnern! Und: „Ordnung ist das halbe Leben!“ – Das kenn ich auch. Das kenn ich auch. Puh! Und „faul“ sein (wie damals vielleicht Auszeiten heißen), das war aber so was von verpönt! Und in der DDR, da kam ja noch der ganze andere Schnack dazu, dass die Faschisten nur im Westen saßen. Da musste nicht darüber gesprochen werden und die Aufarbeitung war damit dann auch schnell erledigt. Noch ein anderes, weites Feld. Puh!
      Herzliche Grüße,
      Birgit

  8. Liebe Birgit, der Artikel spricht mir so aus dem Herzen, ich könnte heulen, kotzen und die Fäuste ballen. Und dann kommt das große Mitgefühl mit unserer Generation, denn ich gehöre auch zu den Baby Boomern.

    Was für ein selbstgerechter Scheiß und wie praktisch für die Chefs und Chefinnen, wenn man solche Menschen für sich arbeiten lassen kann.
    Und dann ist es auch noch gut gemeint, wertschätzend – dass ich nicht lache.

    Ich kenne das Gefühl, sich zu Tode zu ackern, für jedes Lächeln, für jedes „Gut-gemacht“, von den oberen endlich gesehen werden.
    Nie genug getan, nie gut genug gewesen … und ich war eine von denen, die keinen Bock hatte, die Spülmaschine auszuräumen, weil es halt dran war. Da war was los, in der Familie und auch auswärts. Dann war ich eine Egoistin, nur auf den eigenen Vorteil bedacht – wegen einer Spülmaschine!

    Und bei der emotionalen Kälte ist mir ganz anders geworden. Ja, genau, was beklage ich mich eigentlich? Ich habe doch alles gehabt? Es sind doch alle immer so nett gewesen. Keine Alkoholiker, keine körperliche Gewalt. Ja, wirklich, alles gut?

    Je älter ich werde, desto klarer wird es, je weniger ich verstrickt bin, desto trauriger wird es zu sehen, dass da Liebe fehlte, Wärme. „Du warst nie ein schmusiges Kind“, na, mit wem denn auch? Schmusen tut man in einer Atmosphäre der Sicherheit, der Ruhe, der Wärme. Aber nicht die Wärme einer Wärmflasche und nicht die Sicherheit von bombensicher unterdrückten Gefühlen.

    Danke für diesen offenen und wichtigen Artikel, Birgit.

    P.S. der Link führt mich zwar zu Vanessa Weber, aber ich finde ihren Artikel leider nicht

    1. Liebe Hilkea, ooooh, was für ein Kommentar! Herrlich der „selbstgerechte Scheiß“. Ich gehe so in Resonanz mit Deinen Worten! Bei der Arbeit sind wir echt praktisch für Chefs! ENTZAUBERN! Das ist das richtige Wort, das mir gestern eine Freundin aus Helgoland geschenkt hat. Unsere Werte sind viel wert, aber sie gehören ENTZAUBERT. Basta!
      (Ich hattee den Link zu Vanessas Artikel nur ganz oben in meinem Blogpost gesetzt, ihn jetzt aber unten noch einmal wiederholt, danke Dir für den wertvollen Hinweis).
      Alles Liebe, Birgit 💕

  9. Hui! Ganz starker Beitrag! Als Boomer (63er Jahrgang) danke ich Dir dafür. Ich hatte zwar ein extrem liebevolles Elternhaus, aber ja – über Gefühle wurde nicht gesprochen… Oh Mann – ein Artikel, der „bäng“ mitten ins Schwarze trifft!

  10. Superwichtiger Blogartikel!!! Und Volltreffer! Die vergessenen Merkmale der Babyboomergeneration … ❤️🥰💝💚DANKE FÜR DEIN VEHEMENTES DRANBLEIBEN! Babyboomer haben gelernt, die eigenen Gefühle und Bedürfnisse zu unterdrücken, umso wohltuender, dass du nicht müde wirst, diese übergangenen und verdrängten Wunden zu würdigen und anzuerkennen!!!!📚✍🏻

    1. Liebe Monika, herzlichen Dank für Deine motivierenden Worte. Da bleibe ich gerne dran. Ich schätze unsere Werte, aber es ist auch Zeit, sie zu entzaubern und das Wissen um diese Themen in der Gesellschaft zu verankern. Herzliche Grüße, Birgit

  11. Hallo Birgit,

    WOW! Was für ein aufrührender und emotionaler Artikel. Habe ihn direkt an meine Eltern, meine Schwiegereltern und ehemalige Arbeitskollegen weitergeleitet. Sie gehören nämlich zur Generation „Babyboomer“ und haben, so wie du, wahrscheinlich noch nie darüber nachgedacht. Vielen vielen Dank für deine Worte und ich freue mich schon mehr von dir zu lesen. LG Victoria

  12. Ich habe Tränen in den Augen.
    So viele Erklärungen für unser Verhalten…. Die ich längst vergessen oder verdrängt habe. Aber bestätigen kann ich fast alle. Mehr davon…. Ganz wunderbar. Danke für die Zeit, die das Verfassen dieser Gegendarstellung gekostet hat!

    1. Liebe Maike, ich danke dir für Dein wertschätzendes Feedback. Es bleibt wohl unsere Aufgabe, uns immer wieder daran zu erinnern, warum wir so sind, wie wir sind.
      Wenn Du mehr in diese Richtung lesen magst, dann empfehle ich Dir meine anderen Blogartikel zum Thema -> https://birgit-ising.com/category/kriegsenkel-ahnentrauma/
      oder auch mein Buch, Eingefroren in der Zeit: https://shop.tredition.com/booktitle/Eingefroren_in_der_Zeit/W-547-526-206
      Herzliche Grüße, Birgit

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