In diesem Moment wusste ich, dass ich eine Kriegsenkelin bin

Veröffentlicht am Kategorisiert in Kriegsenkel & Ahnentrauma

Heute möchte ich dir eine Kollegin vorstellen: Dr. Iris Wangermann aus Köln. Sie ist Expertin für Ahnentrauma-Transformation in der Natur. Sie hat mit „Peace with your past“ eine tief gehende, wertschätzende und prozessorientierte Methode zur Persönlichkeitsentfaltung entwickelt, bei der du erleben kannst, dass die Natur zu deiner Mentorin wird, du hilfreiche Erfahrungen machst und neue, dein Leben verändernde Erkenntnisse gewinnst.

Iris ist Initiatorin der Blogparade “Kriegsenkel Moment”. Sie fragt in Ihrem Schreibaufruf: „In welchem Moment wusstest du, dass du Kriegsenkel:in bist?“

Die Blogparade – #Kriegsenkel Moment

Denn wir sprechen noch immer viel zu wenig darüber: Über Generationen vererbte Traumata sind nicht nur individuell von oft lebensverhindernder Relevanz, sondern auch gesellschaftspolitisch ein wichtiges Thema. Gerade jetzt, wo wieder so viele vom Krieg traumatisierte Menschen in unser Land kommen, mit denen wir besser umgehen sollten, als wir selbst und unsere Vorfahren es gelernt und erlitten haben.

Den Ursprung meiner individuellen Leiden und Symptome möglicherweise in den Zusammenhang mit von meinen Ahnen vererbten (Kriegs-)Traumata zu stellen, erschien mir absurd, ja sogar ungehörig und verboten. Mir selbst die Erlaubnis zu geben, dafür brauchte ich etwas Zeit. Ich möchte mein Schlüsselerlebnis und meine Erkenntnismomente mit dir teilen. Vielleicht bringen sie dich ja auch zum Nachdenken über die längst vergangenen Geschehnisse in deiner Familie und die daraus abgeleiteten Verhaltensweisen deiner Vorfahren bis hin zu den Fragen, was das mit dir gemacht haben könnte.

Darum freue ich mich sehr, mit diesem Artikel an Iris‘ Blogparade teilzunehmen. Ich teile – neben neuen Textfragmenten – Bruchstücke aus meinem Buch „Eingefroren in der Zeit – Bewältigung generationenübergreifender Kriegstraumata und Aufbruch in eigenes Lebensglück“ in dem ich meinen persönlichen Weg nachzeichne und Impulse gebe, wie es gelingen kann, trotz transgenerational übernommener, unverarbeiteter Traumata ein gutes Leben zu haben, mit dem Bann der Bedürftigkeit meiner Mutter umzugehen und mich auf das zu beziehen, was mein eigenes Leben nährt und bereichert.

Davor – Wie es mir vor meiner Kriegsenkel-Erkenntnis ging

Ich litt fast mein ganzes Leben unter immer wiederkehrenden Herausforderungen, deren Gründe ich mir nicht erklären konnte. Ich konnte schlecht „Nein!“ sagen, fühlte mich oft von anderen ausgenutzt und nicht gesehen, konnte meine eigenen Bedürfnisse nicht gut wahrnehmen und diffuse Nebelgefühle weder benennen noch einordnen. Ich war eine inmitten von Menschen lebende unverstandene Außerirdische und zweifelte an meinen eigenen Wahrnehmungen. Ich kümmerte mich schlecht um mich selbst, hielt wenn Meinung gefragt war, meistens die Klappe und hasste es, vor Gruppen zu sprechen. Ich missachtete meine körperlichen und psychischen Grenzen, litt unter Migräne-Attacken und flog nicht nur einmal ausgebrannt aus meinem Hamsterrad, in dem ich nach Liebe und Anerkennung bis zur totalen Erschöpfung herumhechelte, das ich aber jahrzehntelang für eine Karriereleiter hielt. Ich war eben so und alles lag immer nur an mir, dachte ich. Ich war selbst schuld!

Wie sich der Mutterkrieg in mir hochspülte

2019 lag ich wieder auf der Nase. Ich konnte nicht mehr. Burnout Nummer drei. Mist! Schon wieder! Ja lernte ich denn gar nichts? Ich befand mich also schon wieder (!) in der psychosomatischen Abteilung der Habichtswaldklinik in Kassel, meiner Geburtsstadt. Ich hatte als Kind nur kurz in Kassel gelebt, meine Eltern ließen sich scheiden, als ich ganz klein war, an meinen Vater kann ich mich nicht erinnern, Mutter heiratete neu und wir zogen mit Stiefvater erst nach Bad-Hersfeld und kurz darauf nach Berlin, wo ich aufwuchs, zur Schule ging, Abitur machte und studierte.

Das Haus in dem mein Vater lebte. Erinnerungslos.

Kassel hat für mich darum diesen ganz besonderen und geheimnisvollen Sog der verlorenen Kindheit. Hier versuche ich immer wieder zu genesen und suche nach Spuren des mir verbotenen, längst verstorbenen Vaters und nach den vergessenen Geschichten. Ich suche nach dem, was hinter Mutters „Ach, Kassel! Diese hässliche Kröte!“ liegt.

Etwas zog mich an diesem 22. Oktober 2019 ins Stadtmuseum Kassel zu einer Gedenkveranstaltung. Es war der Jahrestag des schweren Bombenangriffes, der 1943 die gesamte Stadt fast vollständig zerstört hatte. In einem Vortrag wurde die Bombennacht, nach der die Stadt komplett in Trümmern lag, plastisch nachgezeichnet.

Während des Vortrages schweiften meine Gedanken ab und ich erinnerte mich an die Geschichte vom Geburtstagskuchen, die Oma Elisabeth mir als kleines Mädchen erzählt hatte. Ich sah, wie sie den Kuchen an diesem frühen noch sommerwarmen Vorabend aus dem Backofen nahm und ihn zum Abkühlen auf eine Porzellanplatte, die schöne von ihrer Mutter, auf den Wohnzimmertisch gestellt hatte. Es gab ja so wenig und die seit Wochen vor dem Hunger der Kinder abgezweigten knappen Zutaten, die waren „vom Munde abgespart“. Wenigstens morgen, an ihrem 38. Geburtstag, wollte sie es mit meiner Mutter Inge und dem kleinen Hans schön haben und ein wenig feiern, wenn schon ihr Mann Gustav und ihr großer Sohn Günter nicht bei ihnen sein konnten, beide im Krieg, – der Mann in Norwegen, der Sohn in Holland.

Im Vortrag hieß es, Freitag, der 22. Oktober 1943, sei ein außergewöhnlich schöner sonniger Tag gewesen, das Thermometer zeigte noch 20 Grad, ein warmer Herbsttag zum Noch-einmal-das-Sommerkleid-Anziehen, zum Durchatmen und das-Gesicht- in-die Sonne-Halten. Am Abend um Viertel nach Acht hätten die Sirenen geheult und jede:r hätte immer einen Koffer mit den wichtigsten Dingen und Papieren gepackt und griffbereit gehabt. Kinder schnappten ihre Schultaschen und viele der Menschen machten sich unter dem jede Zelle des Körpers schrill durchdringenden, sich im Bauch verkrampfenden Geräusch dennoch erstaunlich ruhig, ja, diszipliniert auf, um in Keller oder öffentliche Luftschutzräume zu gelangen. Schon so oft hatten die Menschen erlebt, dass nach einem Alarm gar nichts passiert war, es Entwarnung gab und sie bald zurückkehren konnten. Dieses Hin und Her kannten sie schon. Aber was an diesem Abend geschah, das war anders.

Die Vortragende im Stadtmuseum zeichnete das Bild einer Bombennacht apokalyptischen Ausmaßes. Nur wenige Minuten nach Beginn des Alarms griffen alliierte Fliegerverbände die Stadt an. Innerhalb nur weniger Minuten verwandelte sich die Stadt in ein flammendes Inferno. Zunächst schwebten weiße, rote und grüne Leuchtkörper langsam, weil an Fallschirmen hängend, vom Himmel, abgeworfen von Pfadfinder-Flugzeugen. Die magischen Lichter wurden von den Kasselern „Christbäume“ genannt, weil sie wie glitzernde Weihnachtsbäume in Dunkeln nach unten schwebten – für Kinderaugen märchengleich und zauberhaft, wie sie zu Tausenden am Abendhimmel der Stadt hingen. Die Kleinen schauten staunend in den Himmel „Schau mal, Mama, wie schön!“, doch die Erwachsenen zerrten sie schon in die vermeintliche Sicherheit, in Keller und Bunker. In Wahrheit sollten die Leuchtkörper das Zielgebiet der Angreifer, die gleich nicht mehr vorhandene Stadt, für das Bombardement im Dunkel sichtbar machen. Eine Szenerie, bei der niemand Zeit hatte, in Ruhe zuzuschauen und deren trügerische Schönheit zu bestaunen.

In nur eineinhalb Stunden warfen etwa 500 Flugzeuge mehr als 400.000 Brandbomben ab – in einigen Arealen der Altstadt zwei pro Quadratmeter – und zerstörten rund 80 Prozent der Gebäude, mit ihnen fast die gesamte Altstadt des Rüstungsstandortes Kassel.

Innerhalb von Minuten fraß sich ein Feuersturm durch die Stadt, dessen glutroter Schein sogar noch am Himmel des 120 km entfernten Ostwestfalen bedrohlich glühte. Das berichteten meine Schwiegereltern, die aus der Gegend kamen.

Es hallte in mir nach: „… nur wenige Minuten später …“ Der Mittelteil von Omas Geburtstagskuchengeschichte liegt im grauenschwarzen Schweigen. Ich hingegen stellte mir vor, wie sie einen letzten Blick auf ihren Kuchen warf, während sie tief seufzend die bereitstehenden Koffer nahm, ich sah wie meine 15-jährige Mutter in der einen Hand zwei Schultaschen hatte und an der anderen ihren kleinen Bruder Hans, der zwei Monate zuvor gerade eingeschult worden war, wie sich die drei langsam aufmachten, um wieder in den Bunker zu gehen, wie ihre Schritte schneller und aus Gehen Laufen wurde, wie sie rannten im Licht der „Weihnachtsbäume“, die da am Himmel schwebten – erst Staunen, dann Erschrecken, Eile, Angst und Panik. Sie liefen durch Feuer, Rauch und Funken, zusammenstürzende Gebäude und brennendem Phosphor ausweichend, durch höllisch heißen Wind, entfacht durch die infernale Hitze des Großflächenbrandes. Ich malte mir aus, wie sie am Nachbarn vorbeihasteten, massige zwei Meter, die lichterloh in Flammen standen.

Sofort nach dem Kuchenanfang kam bei Oma immer gleich das Ende der Geschichte. Am nächsten Morgen hätte es noch überall gebrannt, die Bürgersteige wären, wenn nicht verschüttet, fast flüssig gewesen. Sie hätten Slalom laufen, aufpassen müssen, um bloß nicht in das noch brennende Phosphor zu treten. „Das hättest du nie wieder abbekommen, das wäre dein Ende gewesen. Ich habe viele gesehen, die das nicht geschafft haben“, erzählte sie mir. Und dann kam immer das Brot, von dem ich als kleines Mädchen nicht wusste, was es in der Geschichte zu suchen hatte, die Wohnung und die blöde Feuerwehr.

Auf dem Rückweg zu ihrer Wohnung zogen die drei vorbei an verkohlten Menschen, eingedampft auf die Größe von Brotlaiben. Auch da, wo gestern Abend noch der Nachbar in Flammen gestanden hatte, hätte so ein Häufchen gelegen. Von Weitem hatten sie ihr Haus inmitten der Verwüstung schon gesehen, eines der wenigen, das noch stand. Welch ein Glück, nicht getroffen! Aber als sie näherkamen, sahen sie ihre ausgebrannte Wohnung! In der Nacht war im Hinterhof eine Bombe eingeschlagen und die Feuerwehrleute waren auf Omas Hochparterre-Balkon geklettert, hatten die Scheiben eingeschlagen und waren dann durch ihre Wohnung gelaufen, hin und her, um das Feuer im Hinterhaus zu löschen. Sie sagte immer „Die hatten in der Wohnung obendrüber geschlafen und den Angriff verpennt. Und dann sind die Idioten mit Phosphor an ihren Feuerwehrstiefeln in meine heile Wohnung und über meine Perserteppiche getrampelt. Alles hin, dabei waren wir gar nicht ausgebombt.“, hörte ich plötzlich wieder Omas Geschichte, an die ich jahrzehntelang nicht gedacht hatte.

Mutters wenige Sätze über diese Nacht malten das Ende der Geschichte immer so: Als sie nach Hause kamen (den Anfang gab es bei ihr nicht) stand Omas Geburtstagskuchen gottseidank noch auf dem Tisch, nur einige Kerzen waren umgefallen, dazwischen glitzerte es – er war übersäht von feinsten Glassplittern. „Als sie den Kuchen sah, hat meine Mutter einen Aberglauben gekriegt. Da ist sie zusammengebrochen. Sie hat so geweint. Und meine Puppe. Die lag völlig verkohlt unten in dem, was vom Kleiderschrank noch übrig war.“, hallten mir Mutters verschüttete Sätze plötzlich in den Ohren.

Das Holzmodell der zerstörten Stadt – Stadtmuseum Kassel

Jäh wurde ich aus meinen Gedanken gerissen. Die Leute klatschten. Mist, ich hatte ganz vergessen, wo ich war. Der Vortrag war zu Ende und eine alte Dame ging nach vorne. Sie hatte im Alter von fünf oder sechs Jahren die Bombenangriffe miterlebt und die kleine Gruppe folgte ihr in den Museumsraum mit einem riesigen Holzmodell der zerbombten Stadt. Das zeigt den Zustand der Innenstadt nach den Bombenangriffen: Wie hohle Zähne stehen nur noch einige wenige Häuserfassaden am Rande der Innenstadt. Der Rest ist platt. Weggefegt!

Die Dame erzählte, wie sie diese Tage als Kind erlebt hatte. Wie die ganze Stadt aufloderte, wie sie den beißenden Rauch, das Feuer und eine Höllenhitze erlebt hatte, wie sie sich nasse Handtücher um den Kopf und vors Gesicht hat wickeln lassen müssen, als Schutz vor dem Staub und um atmen zu können, um durchs Feuer von der Altstadt in die Fuldaauen zu flüchten. Auch darüber, wie Menschen vor ihren Kinderaugen bei lebendigem Leib verbrannten.

Ich fragte mich die ganze Zeit, wie ein Mensch das aushalten und mit diesen Bildern leben kann? Ich bewunderte sie dafür, wie sie sich dem Schrecken stellte, wie sie sich erinnerte und ihre Erfahrungen an die Nachwelt weitergab. Sie sah hin und traute sich zu erzählen und Fragen zu beantworten. Wie viel Mut gehört dazu, sich dem Grauen, den Bildern und dem Schmerz erneut zu stellen? Das alles fragte ich sie nach ihrer Erzählung, als sie noch allein dastand und gedankenversunken auf das irritierende Holzmodell blickte, während die kleine Gruppe den Museumsbereich schon wieder schnatternd verließ.

„Wenn ich nicht über diese schlimmen Erlebnisse reden würde, dann wäre ich darüber schon längst komplett verrückt geworden. Verrückt geworden bin ich darüber ohnehin. Das verlässt mich einfach nicht. Aber so ist es nun mal. Es hilft mir nicht, wenn ich es nicht anschaue. Denn es will raus. Ich würde sonst platzen!“, sagte sie.

Ich, Tränen in den Augen, hätte sie in den Arm nehmen und küssen wollen. Aber sie war eine sehr elegante Dame, die ausstrahlte, das dies nicht angebracht wäre. Ich sagte nur: „Ich finde es großartig, dass Sie das machen. Ich bin Ihnen sehr dankbar. Ich werde mich mein ganzes Leben lang an Ihre Worte erinnern. Meine Mutter kann leider nur sehr wenig darüber reden.“

Und endlich konnte ich dem in mir wohnenden, sich innen an meinen Bauchwänden festgekrallten, nach Luft japsenden, tauben und entsetzten Schrecken, der so oft unangemessen aufschrie in meinem Leben, der immer da war, außen und innen, der mich antrieb zum verzweifelten Kämpfen oder zum zitternden Verstecken einen Namen geben: Krieg.

Birgit Elke Ising „Eingefroren in der Zeit“

Sie lächelte mich aus warmen Augen zart an: „Hoffentlich nützt es was!“, seufzte sie, nahm ihren Stock und tappelte ihrer Tochter und der Gruppe hinterher.

Ich starrte noch lange auf das Modell der zerstörten Stadt. Meiner Stadt. Es wirkte alles so, als hätte ich es selbst erlebt. Es brodelte, in mir, floss in meinen Adern, in meinem Blut.

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Danach – Wie es kurz danach weiterging und was ich verstand (Short Cut)

Plötzlich spürte ich den Krieg in mir. Die Verheerung und das was er angerichtet hatte in meiner Mutter und in deren Beziehung zu mir.

Ich lernte viel über transgenerationales Trauma. In der Atemtherapie am folgenden Tag in der Klinik erlebte ich den Bombenangriff auf die Wilhelmshöher Allee, sah die zauberhaften „Weihnachtsbäume“ am schwarzen Himmel auf die Stadt herniederschweben und die Bomber, wie sie über den Herkules kamen, auf die Stadt zu, die gleich verschwinden würde. Mein nächstes Bild war die Zerstörung, fensterlose Häuser, das Feuer gelöscht, aber aus den wenigen, wie hohle Zähne dastehenden Ruinen stiegen noch Rauchschwaden auf, während junge Männer, fast noch Kinder, Leichen auf einen Lastwagen hievten. Und inmitten der Trümmer, auf dem Bordstein am Straßenrand, saß ein zerlumpter staubiger Mann mit schwarz gefärbtem Gesicht. Er spielte eine traurige, aber wunderschöne und herzzerreißende Melodie auf einer Flöte.

… Wie sehr doch Schönes und Schreckliches, Licht und Schatten beieinanderliegen, … und auch bei meinen Bildern fehlte die Mitte …

Als meine Mutter verstoben war, fand ich einige Aufzeichnungen über ihr Leben. Ich erinnere mich nicht daran, sie je Tagebuch schreibend gesehen zu haben. Sie muss diese Sätze mit weit über 80 aus der Erinnerung notiert haben.

„Am 22.10. auf den 23.10. war der große Angriff auf Kassel und die Stadt wurde völlig zerstört. Unsere Wohnung brannte erst einen Tag später aus. Wir waren nicht zu Hause und brachten unsere Federbetten in die Coca-Cola-Fabrik in die Quellhofstraße, die noch heile war, und haben dort am Abend auf dem Boden geschlafen.“

Drei Sätze, die das Grauen beschreiben? Ich erinnerte mich an meinem Besuch im Stadtmuseum und verstand plötzlich ihr Schweigen. Ich verstand die Verwüstung in den Körpern und Seelen meiner Eltern. Ich wurde milder ihrem Ausweichen gegenüber und ihren (für sie) überlebensnotwendigen Lügen. Ich verstand, dass die Beziehung zweier hochtraumatisierter Menschen (meiner Eltern), die weder über Gefühle reden noch sie zeigen konnten, keine große Chance auf Erfüllung bot. Ich konnte mich hineinfühlen, in ihre zerstörte Kindheit und Jugend. In ihr Unvermögen, den Schmerz auszudrücken und erneut zuzulassen. Ich verstand ihre Bedürftigkeit und ihre Selbstzentriertheit.

Und ich spürte ihn ebenfalls, den Schmerz. Lange war es der Schmerz meiner Ahnen, den ich trug, um es ihnen leichter zumachen. Den jedoch habe ich ihnen inzwischen zurück gegeben, denn er gehört mir nicht.

Mir gehört der Schmerz, den die fatale und tragische (weil ungewollte), immer wiederkehrende emotionale Unbarmherzigkeit meiner Eltern bei mir angerichtet hat. Denn nichts von dem, was ich spürte, konnte sich messen an dem, was sie erlebt hatten. Im Krieg und danach. Dagegen war mein Schmerz pillepalle. Egal, wie laut ich schrie. Ich hatte ja keinen Grund. So unterdrückte ich mein Fühlen und damit begannen meine Symptome.

Jetzt – Wie ich damit umgehe (Short Cut)

Meine Ahnen haben gelitten. Das kann ich nicht ungeschehen machen. Ja, ihr Schmerz war groß, aber es ist ihrer, nicht meiner. Ich habe meinen eigenen Schmerz. Ein Großteil meines Schmerzes ist die Folge des Schmerzes meiner Ahnen.

Er ist da. Mal mehr, mal weniger. Ich übe, damit besser umzugehen. Mich im Heute nicht triggern zu lassen von alten Geschichten und im Autopilot zu reagieren. Inne halten und Atmen hilft. Ich bin erwachsen. Meine Eltern (die Geschichte, die ich über meinen Vater herausfand, teile ich ein anderes Mal) waren beide, jeder aus anderen Gründen, hoch traumatisiert.

Frieden beginnt in mir.

Autor:in unbekannt

Ich sehe die warums. Ich wurde milder. Mit meinen Eltern und auch mit mir. Heute kann ich sagen: „Sie haben es versucht. Sie haben Mist gebaut, aber sie haben den Mist nicht böse gemeint. Sie wussten es nicht besser und sie konnten es nicht besser!“ – ich verstehe das, aber ich verzeihe es nicht. Das, was für mich Kacke war an ihrem Verhalten, das bleibt Kacke! Das darf ich fühlen und (Achtung!) das darf ich sagen, ohne eine schlechte Tochter zu sein.

Schreiben hilft. Dir und anderen.

Ich weiß nun: Es liegt nicht IMMER ALLES NUR an mir. Ich bin eine Kriegsenkelin! Und ich bin mit meinen Problemen nicht allein.

Ich begann, wieder zu schreiben. Erst mein Buch – und zukünftig noch viel mehr.

Ich wünsche mir, dass es hilft. Mir und anderen. Und ich hoffe, dass Menschen anfangen, in Frieden zu leben und die Unbarmherzigkeit, die sie selbst erlebten, nicht weiter zu geben, sondern den Kreis zu durchbrechen.

Es liegt an uns!

Und du? – Wie wie und wann hast du erfahren, dass du Kriegsenkel:in bist?

Kannst du auch etwas zu deinem ganz persönlichen Kriegsenkel:innen-Moment sagen? Dann mach mit bei der Blogparade “Kriegsenkel Moment”. von Iris Wangermann. „In welchem Moment wusstest du, dass du Kriegsenkel:in bist?“ – Ich freue mich auf deinen Beitrag!


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