„Heilige Schreise“ – Die Verbindung von Schreiben und Reisen.

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Ich liebe es zu reisen und ich liebe es zu schreiben. Für mich eine göttliche Allianz.

Es macht für mich einen Unterschied, ob ich während einer Reise nebenbei schreibe, mein Schreiben also die ohnehin geplante Reise begleitet, flankiert, sie füllt und bereichert oder ob ich mich auf den Weg mache, UM ZU schreiben. Wenn meine Reise nicht dem reinen Zweck des Reisens dient, sondern den des Schreibens in den Vordergrund stellt, dann ist es für mich keine normale Reise, sondern etwas Heiliges. Meine Schreib-Reise. Meine Schreise!

„Schreisen ist: Schreibend reisen. Nicht: Reisend schreiben.“

Terrace Café, MoMA, NYC

Beim Schreisen geht es nicht darum, dass ich die von Anderen definierten Sehenswürdigkeiten eines Ortes wie im Hamsterrad rennend abhake und als Touristin (die ich natürlich ohnehin nicht bin, nie, denn Touristen, das sind ja immer nur die Anderen, die Doofen, Lauten, Unmöglichen in weißen Tennissocken und Sandalen) deren Rolle genauso perfekt erfülle wie die meines Alltags. Nein, es geht um etwas anderes: Um das Eintauchen. In alles. Die Reise tritt beim Schreiben in den Hintergrund, bildet die Kulisse, liefert den Rahmen und die Bühne, stellt ihre Atmosphäre, ihre Szenerien, ihre Settings dem Schreiben zur Verfügung und ist zugleich die zweite Hauptdarstellerin. Sie wird zur Welle, auf der ich schreibend reite.

Ach du heilige Scheiße! Habe ich das so gewollt?“ –
„Ja! Heilige Schreise, verdammt nochmal!

Schreisend brauche ich viel Zeil mit mir. Heilige Me-Time. Am Liebsten schreise ich allein, aber es ist auch in Ordnung, wenn Menschen mich begleiten. Nur: Sie müssen meinen sozialen Abspaltungwunsch respektieren, ihr eigenes Ding machen und mich tagsüber einfach in Ruhe lassen. Und, wer weiß, manchmal habe ich sogar Lust auf einen gemeinsamen Spaziergang oder einen Cafébesuch, wenn ich danach sofort wieder abtauchen darf, ohne dass mein Reisegegenüber beleidigt ist. Je nach Schreibthema finde ich es sogar schön und tragend, abends wieder mit richtigen Menschen zusammen zu sein, damit ich nicht ganz in meiner eigenen Blase verschwinde und verschwimme. Denn beim Schreisen begegnen mir in meinem Geschichten auch düstere Gestalten und Dämonen und das sind oft nicht nur die Ausgedachten, sondern innere Anteile die, da ich schreibend an der Öllampe rubbele plötzlich nicht rosadampfendzischend und duftend aus deren kleiner goldener Tülle aufsteigen, sondern mich krach- und rauchdüster umhüllen. Mir dann nicht wie im Märchen drei freie Wünsche schenken, sondern mir bislang Ungesehenes und Unerhörtes in den Geist und auf die Tastatur knallen. Unüberwindbar und unumschiffbar. „Da nimm!“, brüllt der Schreibgeist und ich frage mich: „Ach du heilige Scheiße! Habe ich das wirklich so gewollt?“

„Schreisen ist Freude und Angst!“

Ich weiß, dass so etwas passieren kann und habe (neben aller Vorfreude) Mörderrespekt vor dem, was mich schreisend erwartet. Und das sind nicht nur die alten Plätze und alten Geschichten. Es ist wie das Betreten eines unbekannten Planeten, bei dem du nicht weißt, ob es dort Leben gibt und ob gleich etwas hinter dem Busch hervorspringt und dein Freund oder dein Feind sein will. Es ist wie ein vorsichtig tapsendes, tastendes Schleichen im Dunklen, nicht wissend und erschreckt von dem, was deine Füße streift. Du erstarrst. Ein Fell? Ein Lebewesen? Oder, ach soooo, doch nur ein wehendes Spinnennetz? Oder ob du gleich in ein Loch fällst. Alles ist Überraschung.

Für den Schreibprozess ist das gut und wichtig und richtig. Ich aber muss dabei auf mich aufpassen, mich schreibend nicht hineinziehen lassen in die Düsternis, sondern zwar in Kontakt bleiben, mich aber dennoch dissoziieren können und auf der Meta-Ebene bleiben. Und deswegen sage ich nicht nur Schreise, sondern: „Ach du heilige Schreise!“, denn schreisen ist begleitet von riesiger Freude und riesiger Angst.

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Mit der Hand schreiben ist wichtig für die Kreativsynapsen

Morning Pages in Harlem, NYC

Wenn ich schreise, lebe ich meine Tage konturen- und strukturlos, gehe mit meinem inneren Flow und reite auf der Schreibwelle. Die einzige Struktur ist mein Schreiben. Duschen, mich zurecht machen, essen, trinken, durch die Gegend laufen, Restaurants und Orte besuchen folgen dann keinem Zeitplan mehr. Ich bin umgeben von den Büchern und Texten, die ich zur Inspiration mitgenommen habe, von meinem Sudelbuch*, meinem Journal, in das ich meine planlosen Morgenseiten schreibe, in die so viel unveröffentlichbares Zeug fließt, das aber erst raus muss, damit ich die Perlen, die Sterne und den Schreibglitzer finden kann und meinem Notebook, in das ich das machmal erschreckend wenig Brauchbare später hinein hacke. Denn: first of all comes immer handwriting! Das ist wichtig. Für die Kreativsynapsen.

Schreisen ist dahingleiten, wahrnehmen und dem Prozess vertrauen. Wenn es gut geht, muss ich nur mitschreiben.

Schreisend schärfen sich augenblicklich meine Sinne. Ich schaue auf die kleinsten Details, höre Geräusche, die sonst im Grundrauschen untergehen, sehe Farben und Formen und finde Worte, um fremdartige Gerüche zu beschreiben. Ich verliere mich in Wetterphänomenen, der ganz einzigartigen Gangart eines Menschen, dem Kräuseln seines Haares, den unausgesprochenen Wahrheiten in seinem Blick. In Cafés, Restaurants, auf Parkbänken, in Museen, Ferienwohnungen und Häusern, auf Terrassen und am Wasser sitzend schreibe ich, alle Wahrnehmungskanäle offen, um mich sinnend. Meist nicht in Strängen, folge keiner Storyline, vernachlässige die Stationen der Held:innenreise und kreiere Archetypen nicht absichtlich, sondern schreibe einfach nur Sätze. Wort für Wort Sätze. Und das ist mein einziges Ziel: Sätze produzieren. Material produzieren. Material, mit dem ich hinterher arbeiten und etwas anfangen kann. Hinterher. Nicht jetzt. Jetzt geht es ums Produzieren. Die Sätze dem Nichts entreissen.

Toll ist es, wenn ich mich wirklich dem inneren Fluss der Gedanken und den Bildern hingeben, mitfließen kann. Dann küsst mich die Muse nicht, dann knutscht sie. Dann werde ich atemlos, zu ihrem Werkzeug und muss mich beeilen. Einfach nur mitschreiben. Schnell! Nichts verpassen. Nichts vergessen. Nichts übersehen. Einfach nur draufhalten! Einer Dokumentarfilmerin gleich.

Das ist es. Nicht mehr. Nicht weniger. Eins sein mit dem Moment. Ich finde es höchst empfehlenswert.

Schreisen – ein heißer, heiliger Schreis.

* Den Begriff Sudelbuch habe ich von meiner Freundin, der wunderbaren Schriftstellerin Cornelia Becker, übernommen. Als wir uns im letzten Sommer im Garten sitzend übers Schreiben unterhielten, nannte sie ihr Notizbuch so: Mein Sudelbuch.
Danke, liebe Conny, für dieses einzigartige Wort. Darin liegt für mich unendliche, unzensierte Freiheit!


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